Grönland 2015 – Tag 10

#59

Während einige der Passagiere bereits den Schlaf der Gerechten schliefen, wurden die beiden letzten Gestalten an der Bar durch die völlig unerwartete Lautsprecheransage aus ihrem Rausch gerissen, während der Rest aus den Betten taumelte. Crew und Expeditionsleiter hatten am Abend zuvor beschlossen, die günstigen Winde auszunutzen und zu versuchen, so dicht als möglich an das nach Süden treibende Packeis heran zu fahren. Dieses erreichten wir dann bei 78°N, dem nun tatsächlich nördlichsten Punkt unserer Reise.

#60

So sah dies dann in natura aus. Ein wirklich erhabener Anblick. Weiter nach Norden ging es nun schlicht nicht mehr ohne Eisklasse. Das hier zu sehende Eis trieb mit fast 2 Knoten in der Stunde nach Süden, was für Meereis eine ganz ordentliche Geschwindigkeit darstellt. Unser Kapitän stand dementsprechend auch ordentlich unter Anspannung. Ein kleiner Manövrierfehler und wir hätten im Eis festgesessen. Dabei gibt es dann zwei Möglichkeiten, a, das Eis hebt das Schiff an oder b, das Eis zerdrückt das Schiff wie eine Streichholzschachtel. Beides keine sonderlich reizenden Aussichten. Letztendlich war dies dann aber der Höhepunkt des Entdeckergefühls!

#61

Hier sieht man nun, wie diese geschlossene Eisdecke tatsächlich aussieht. Sehr deutlich kann man erkennen, dass das Seeeis flache Schollen ausbildet, während das ins Meer gebrochene Gletschereis als Berg oder Gebilde im Wasser treibt. Und während wir relativ dicht an den Eisschollen vorbei fuhren, war nun auch wieder das typische Knacken und Krachen des sich bewegenden Eises zu hören. Ein toller Moment. Nach diesem begab ich mich dann allerdings auch endlich in die Horizontale und verschlief das Frühstück sowie den sich anschließenden Vortrag, bis wir zur frühen Mittagszeit vor der kleinen Ortschaft Siorapaluk vor Anker gingen.

#62

Hier ist nun die nördlichste Siedlung Grönlands zu sehen, Siorapaluk. Dort leben rund 60 Menschen. Diese haben sich dabei allerdings ihre Traditionen bewahrt und die Lebensweise ähnelt noch sehr stark der althergebrachten Inuitkultur. Dies bedeutete auch, dass an dem wunderschönen Sandstrand ein ziemlicher Gestank herrschte, da die erlegten Tiere direkt an Ort und Stelle zerlegt werden und dort auch trockenen. Der Geruch ist unbeschreiblich, verschlägt einem glatt den Atem und ist mit Sicherheit nichts für Zartbesaitete. Glücklicherweise hatten wir das Mittagessen bereits eingenommen, bevor wir in der kleinen Siedlung landeten. Während des Mittagessens kam auch zum ersten Mal so etwas wie Kreuzfahrtgefühl auf, da wir reichlich dekadent auf Deck saßen, vor dieser traumhaften Kulisse speisten und den „Eingeborenen“ aus der Ferne zuwinkten.

#63

Dies war der Ausblick vom feinen Sandstrand aus aufs offene Meer. Während unserer Anlandung wirkte das kleine Örtchen fast menschenleer und verlassen. Wie wir später heraus fanden, wurde zeitgleich eine Taufe zelebriert, für die streng christlichen Grönländer eine hohe Festlichkeit. Hierzu war allerhand Besuch aus Qaanaaq eingetroffen und auch wir wurden direkt zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Summa summarum beherbergte die kleine Siedlung statt ca. 60 Menschen mit einem Schlag fast das Dreifache an Personen. Auch trafen wir hier einen Japaner, der seit 42 Jahren in Siorapaluk lebt. Er hatte seinerseits irgendwann die Nase voll vom überfüllten Japan, wanderte aus, und ließ sich schließlich in Siorapaluk nieder.

#64

Hier eines der wenigen Bilder mit Menschen drauf, das bin ich selbst. Und nein, das T-Shirt war keine weitere gewagte Aktion von völlig verrückten Touristen, das T-Shirt war als Oberbekleidung völlig ausreichend. 18°C und Sonne satt am Sandstrand der nördlichsten Siedlung Grönlands. Ja, ich habe richtig Farbe bekommen auf der Reise.
Viel mehr Aufnahmen der Ortschaft kann ich nicht mehr vorweisen, da ich es vorzog meinen Bewegungsradius auf den Strand zu beschränken, auch wenn dort schon ziemlich üble Gerüche in der Luft lagen. Ein wenig mit unserem anderthalbjährigen Maskottchen am Sandstrand spielen war die richtige Beschäftigung für mich. Im Anschluss kehrten wir aufs Schiff zurück, lichteten den Anker und begaben uns nun wieder auf Seefahrt. Es ging weiter südwärts, die nächste Anlandung stand erst am Nachmittag des darauffolgenden Tages auf dem Plan. Also wiederum am Abend ein Vortrag, diesmal über Ecological Based Managment und dessen Umsetzung in Grönland, sehr spannend und sehr kontrovers zu diskutieren, und diesmal der Weg zeitiger in die Horizontale.

#65

Wie gesagt, ein weiterer Abend auf See und wir genossen die warmen Temperaturen auf Deck, bei fast spiegelglattem Wasser. Eine absolute Seltenheit in diesen Regionen.Unser Ziel war nun die Stadt Upernavik, welche schon wieder ein gutes Stück weiter südlich lag. Auf dem Weg dorthin würde es noch eine Anlandung geben, es sollte aber dem Zufall überlassen bleiben, wo genau wir an Land gehen würden.

#66

Noch etwas später am Abend gab es dann auch wieder größere Eisberge vor einem zauberhaften Himmel. Leider waren meine Akkus an diesem Abend so ziemlich komplett am Ende und ich verpasste wohl einen sehr ansehnlichen, sehr lang anhaltenden Abendhimmel, aber irgendwann musste ich dann doch auch mal die Pausetaste drücken um die bereits gesammelten Eindrücke zu verarbeiten.

<– Tag 9   Tag 11 –>