Grönland 2015 – Tag 7

#34

Da ich nach meinem schlafraubenden Erlebnis am darauffolgenden Morgen nicht aus den Federn kam, reifte der Entschluss liegen zu bleiben und manifestierte sich endgültig, nach dem uns unser Barkeeper informierte, dass es keinen Bacon zum Frühstück geben würde. So schlurfte ich erst zum vormittäglichen Vortrag aus meiner Kabine. Jener Vortrag wurde just unterbrochen, als die Runde die Info erreichte, dass wir endlich wieder günstigen Wind haben und nun Segel setzen würden. Anbei der Beweis, wir segeln tatsächlich wieder. Die weiß-rote Flagge ganz oben im Mast, ist übrigens die grönländische Nationalflagge, die als Gastflagge gehisst wurde.

#35

An benanntem Tag hatten wir ein Geburtstagskind an Bord. Dessen Wiegenfest jährte sich zum 60. Male und er war unübersehbar glücklich, dieses Jubiläum an Bord eines Schiffes auf einer derartig abenteuerlichen Reise verbringen zu dürfen. Um die Geburtstagsfreude komplett zu machen, durfte er als erstes unseren Expeditionsleiter in den Bug unseres stolzen Schiffchens begleiten und bis nach vorn, auf die Spitze des Klüverbaumes klettern. Anschließend wurde diese Kletterei auch für andere, wagemutige Passagiere freigegeben, so dass ich das großartige Vergnügen hatte, ebenfalls einen Blick und ein Bild zu riskieren. Das Gefühl, welches einen dort vorn übermannt, lässt sich im Prinzip nicht in Worte fassen. Kein Motorengeräusch, nur das Rauschen und Gurgeln des stampfenden Bugs, eine völlig unversperrte Sicht auf die endlose Weite des Meeres, der pfeifende Wind, der einem die Nase kühlt und die Augen tränen lässt. Viel wurde über das Gefühl der Freiheit geschrieben, gesungen, gedichtet, dort vorn war es greifbar.

#36

An jenem Tag näherten wir uns nun endlich dem eigentlichen Zielgebiet der Reise, die Thule-Gegend. Da wir erst relativ spät am Tage im Norden eintrudelten, stand erst nach dem Abendessen wieder ein Landgang an. Nach den drei Tagen auf See, wurde das auch höchste Zeit, so langsam hatte man genug Vorträge gehört und die Stimmung war beim morgendlichen Frühstück nicht mehr bei allen Passagieren so ausgelassen, wie bei unserer lustigen Geburtstagsrunde.

#37

Ziel unseres kleinen Landganges war Meteorite Island nahe der kleinen Siedlung Savissivik in der Melville Bucht. Das kleine Eiland kam durch einen Meteoriten zu seinem Namen, welcher den dort siedelnden Menschen lange Zeit als Eisenquelle diente. Werkzeuge und Waffen wurden aus dem Material des Meteoriten gefertigt. Diese Eisenquelle fand jedoch Ende des 19. Jahrhunderts ein jähes Ende, da der Polarforscher Peary von diesem Meteor erfuhr, eine Expedition ausrüstete und leitete, in deren Folge der Meteorit kurzer Hand von der Insel entfernt wurde. Ein kleines Stück des Meteoriten ist noch im kleinen, aber sehr empfehlenswerten, Museum in Qaanaaq (New Thule), zu finden, der große Teil hingegen kann im American Museum of Natural History in New York besichtigt werden.

#38

Nach dem wir abermals unsere Reisegruppe in zwei kleinere Grüppchen aufgeteilt hatten, starteten wir zu einer kleinen Wanderung. Dabei stießen wir auch auf die ersten Eisbärspuren, die zwar nicht frisch, aber auch nicht sonderlich alt waren. In diesen sehr nördlichen Regionen waren unsere beiden Guides auch nur noch bewaffnet unterwegs und wir Reisenden durften die Gruppe nicht mehr verlassen. Zurück zur Insel, diese erinnerte mich an eine sehr karge Mondlandschaft, wobei die herrschende Stille nicht zu beschreiben ist. Dazu der Ausblick auf das nahe gelegene Eisfeld und hin und wieder das Krachen eines auseinanderbrechenden Eisberges. Hinzu kam nun auch noch der sehr frische arktische Wind. Das waren die Gründe, die mich dazu brachten, eine Reise nach Grönland zu buchen!

#39

Im Anschluss an unsere kleine Wanderung gab es noch eine Zodiactour durch das nahe gelegene Eisfeld. Dieses empfand ich als wesentlich eindrücklicher als jenes in Ilulissat. Teilweise wirkte es, wie eine dieser Sandskulpturenausstellungen, nur dass als Material eben kein Sand verwendet wurde, sondern Eis. Mir drängte sich dann der Gedanke auf, dass diese Formationen und Gebilde kaum ein Menschen sehen würde und sie sind dennoch da. Gleichgültig, ob sich Menschen darum kümmern oder nicht, die Natur erschafft ihre eigene Kunst. Definitiv einer der erhabensten Augenblicke dieser Reise.

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#41

Ein weiteres Eismonument. Bei diesem Exemplar auch wieder sehr schön zu sehen, die ins Eis gefrästen Linien, die durch Schnmelzwasser entstanden.

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Hier auch sehr schön zu sehen, die See war erstaunlich ruhig. Es herrschte auch kaum noch Wind, so dass im Prinzip keine Nebengeräusche mehr auftraten, sieht man vom tuckernden Motor des Zodiacs und den klickenden Kameras einmal ab. Sehr spannend zu beobachten fand ich, wie alle Insassen des Zodiacs anfingen sich nur noch im Flüsterton zu unterhalten, wenn überhaupt noch gesprochen wurde. Eine kaum zu beschreibende andächtige Stille hatte auch noch den größten Sabbelkopf ergriffen und der Anblick ließ uns alle in ehrfürchtigem Staunen erstarren. Klingt vielleicht ein wenig sehr pathetisch, aber genau dieses Gefühl war dort fast schon mit den Händen greifbar.

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#44

Auf unser stolzes Schiffchen zurückgekehrt, ließen wir nun zunächst unser Geburtstagskind hoch leben, wobei sich im Laufe des Abends, es war immerhin schon elf Uhr als die Reisegruppe wieder komplett an Bord eingetroffen war, eine wunderbare feierliche und ausgelassene Stimmung über das Schiff legte, die auch in den kommenden Tagen anhalten sollte. Begünstigt durch die Mitternachtssonne saßen noch zu wirklich nachtschlafender Stunde eine Vielzahl an Passagieren an der Bar und tauschten sich über allerhand Reiseerfahrungen aus. Unsere Gruppe hatte nun die erste größere Herausforderung gemeistert, die drei Tage auf See, ohne die Möglichkeit, sich großartig aus dem Wege gehen zu können, lief im Prinzip konfliktfrei ab. Ein tolles Gefühl und keineswegs selbstverständlich, wie uns die Crew aus Erfahrung zu berichten wusste.

#45

Und als wären wir von diesem Tag noch nicht beeindruckt genug gewesen, legte sich der Abendhimmel, der natürlich die gesamte Nacht durch währte, sich auch noch mal so richtig ins Zeug. Während wir also mit unserem Geburtstagskind auf dessen Wohl anstießen, bemühte sich die Sonne einen derartig goldenen Abendhimmel ans Firmament zu zaubern, dass es uns wörtlich die Sprache verschlug.

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