Grönland 2015 – Tag 9

An jenem Tag erreichten wir nun auch das umgesiedelte Thule, Qaanaaq. Von diesem Ort habe ich allerdings keinerlei Aufnahmen, da zum einen das Wetter umschlug, während abends und nachts zuvor noch strahlender Sonnenschein herrschte, begrüßte uns der Morgen mit grauen und tiefhängenden Wolken, 7°C und Nieselregen. Passend dazu, wurde in diesem Ort mit immerhin über 500 Einwohnern die Perspektivlosigkeit der Einwohner mehr als deutlich und auch die, mittlerweile schon etwas eingedämmte, Alkoholsucht und daraus resultierende Folgen wurden leider offenbar. Neben all der wunderbaren Natur gibt es eben auch schwerwiegende soziale Probleme. Der Abstecher schlug sich umgehend auf die Stimmung an Bord nieder, man meinte fast, die Trostlosigkeit mit Händen greifen zu können. Doch genug davon. Während wir uns nach unserer Stippvisite weiter auf den Weg in Richtung Norden machten, klarte das Wetter wieder auf.

#51

Ursprünglich war unser Ziel die kleine Siedlung Siorapaluk, die nördlichste Siedlung Grönlands. Da das Wetter sich aber so wunderbar verbesserte, entschieden Kapitän und Expeditionsleiter, noch weiter nach Norden zu fahren und zu schauen, ob es nicht die Möglichkeit gäbe, einen Gletscher aus nächster Nähe zu besichtigen. Interessanterweise betraten nun alle an Bord absolutes Neuland. Weder war das Schiff, die Rembrandt, schon so weit nördlich gesegelt, noch unser Geologenguide oder Kapitän oder auch unser Expeditionsleiter. Wir betraten also weitestgehend Neuland und ein Fleckchen Erde, das vermutlich bisher nur ein paar Tausend Leute zuvor zu Gesicht bekamen. Wir fühlten uns bei dem kleinen Ausflug am Morris-Jesup-Gletscher schon ein bisschen wie Peary oder Amundsen.

#52

Hier mal eine Aufnahme, die die Vielfalt der Farben in der dort herrschenden Vegetation zeigt. Ich fand diese Ecke einfach nur wundervoll und wollte am liebsten eigentlich gar nicht mehr weg.

#53

Wir unterteilten nun wieder unsere Schar in zwei Gruppen, wobei ich diejenige Gruppe wählte, die zunächst ein wenig kraxeln musste, um schließlich sehr dicht an den Gletscher heran zu kommen und von oben drauf gucken zu können. Die Stille und Ruhe an diesem Punkt war derartig eindrücklich, dass dieser Tag, bzw. dieser abendliche Ausflug zu einem meiner Höhepunkte der Reise zählt. Auch hier hielten wir für fünf Minuten komplette Ruhe, so dass nur noch das Krachen des Eises zu hören war und sonst einfach nichts. Ein nahezu magischer Moment. Als positiver Effekt kam hinzu, dass mir auf der Wanderung doch recht schnell, sehr warm wurde. Wozu das gut sein sollte, aber an späterer Stelle.

#54

Der Ausblick auf dem kleinen Hügel, den wir erklommen, Richtung offene See. Ohne das Eis könnte es auch eine Ansicht aus der Karibik sein.

#55

Und hier der Blick auf die Gletscherfront. Während wir unseren Moment der Stille einhielten, löste sich ein recht ansehnlicher Brocken Eis aus der Wand und platschte mit einem ziemlichen Getöse ins Wasser. Ein wirklich beeindruckendes Schauspiel. Wie man auf dem Bild auch sehr gut erkennt, das Wasser unmittelbar an der Eiswand trägt bereits eine kleine Eisschicht, welche durch das Abbrechen zertrümmert wurde. Nach Aussage unseres Kapitäns war es erstaunlich, dass wir überhaupt noch zu diesem Datum in den Fjord hinein fahren konnten. Bei den bisherigen Reisen war dieser Fjord bereits zugefroren. Dies hängt wohl unmittelbar mit der Veränderung des Klimas zusammen.

#56

Wie man bereits auf Bild #53 erkennen konnte, hat es in dem Fjord sehr feine Sandstrände. Da das Wetter nahezu perfekt war, kein Wind und in der Sonne gefühlte 15°C, reifte bei den jüngeren Mitreisenden der Plan, am nördlichsten Punkt unserer Reise, 77,5° nördlicher Breite, den gefühlten Höhepunkt unserer Reise mit einem Bad zu feiern. Gesagt, getan. Wir heizten uns auf der Wanderung recht ordentlich auf und rannten schließlich zu sechst in die Fluten. Die Aufnahme zeigt den Strand, an dem wir ins Wasser tobten. Ich muss ehrlicherweise sagen, es war gar nicht so schlimm, wie ich angenommen hatte. Durch die absolute Windstille war zwar das Wasser fürchterlich kalt, laut Kapitän irgendwas zwischen 3°C und 4°C, aber am Strand wollte fast schon Südseestimmung aufkommen. Und da ein Badegang bis zum Kinn nicht ausreicht, stürzten wir uns auch gleich noch ein zweites Mal in die Fluten, diesmal auch mit dem Kopf unter die Wasseroberfläche. Ein wunderbares Gefühl! Anerkennung und Respekt von Crew und Passagieren gab es natürlich auch im Überfluss, außerdem Champagner und Wodka zum Aufwärmen. Und als willkommener Nebeneffekt waren sämtliche beginnende Erkältungssymptome wie weggeblasen. Hinzu kommt natürlich, dass mit dieser Aktion ein freundschaftliches Band zwischen uns jüngeren Reisenden geknüpft wurde, an das sich ein jeder Einzelne wohl noch bis an sein Lebensende erinnern wird.

#57

Diese Szenerie offenbarte sich uns, als wir alle wieder an Bord zurückgekehrt waren und unser Kapitän die Gelegenheit beim Schopfe packte und so dicht wie möglich an die Gletscherfront heran manövrierte. Sehr schön sieht man hier am oberen Felsen die verschiedenen Gesteinsschichten, die sich im Laufe der Jahrtausende übereinander lagerten und diese beeindruckende Landschaft schafften. Die sehr rötliche Färbung deutet auf einen hohen Eisengehalt im Gestein hin, welches durch früheren Vulkanismus mit den Sedimenten nach oben geschleuderte wurde.

#58

Auf diesem Bild sieht man sehr schön, dass der Fjord von drei verschiedenen Richtungen durch Gletschereis gespeist wurde. Allerdings ist der Gletscher an der Südseite des Fjords, hier ziemlich zentral im Bild gelegen, verschwunden. Auf dieser Seite landeten wir auch an und kletterten auf den kleinen Kamm direkt über der Eisfront. Ich kann es nur wieder und wieder betonen, dieser Tag war definitiv mein Highlight schlechthin. Wir hatten offiziell den nördlichsten Punkt unserer Reise erreicht und befanden uns nun im Prinzip auf dem Rückweg. Auch zeitlich war nun die Hälfte der Reise bereits verstrichen und den ein oder anderen in unserer Reisegruppe holten bereits die Gedanken dessen ein, was nach der Reise alles anstand. Es war gar nicht so einfach, sich aus diesem Sog fernzuhalten, aber immerhin doch möglich. Mittlerweile hatten sich nun unter den Reisenden auch feste Gruppen gebildet und es war schon spannend zu beobachten, wie diese Gruppen untereinander agierten. Dies ging stellenweise soweit, dass beim Abendessen stellenweise seltsame Bemerkungen fielen, saß man nicht an jenem Tisch, an dem man die bisherigen Mahlzeiten einnahm. Als Pädagoge nutzte ich solche Situationen ganz gern, um etwas Verwirrung zu stiften und mich selbst davon abzulenken, dass nun die Rückfahrt anbrach.
Doch zurück zur Reise; während wir Badenden der Meinung waren, wir müssten uns mit einer Vielzahl an Getränken wieder aufwärmen, was kompletter Blödsinn war, denn durch das grandiose Wetter waren wir bereits nach einer Stunde wieder völlig durch gewärmt, bemerkten einige Passagiere, dass wir nicht den eigentlich sinnvollen Kurs Richtung Süden einschlugen, sondern uns weiter nach Norden bewegten. So kam es zu den wildesten Gerüchten und Spekulationen, die bis zu einem Frühstück in Kanada reichten. Tatsächlich hatten wir in der Nacht Ausblick auf die ersten kanadischen Inseln. Die Crew hielt aber samt und sonders dicht, auch unser Geologenguide Denis, sonst eher gesprächig, ließ kein Wort verlauten, sondern schmunzelte in seinen nicht vorhandenen Bart. So blieb das Rätsel also erst mal ungelöst, bis zu einer Lautsprecheransage früh um halb fünf.

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