Grönland 2016 – Tag 4

#25

Aufgrund des schon beschriebenen, tobenden Sturmes auf offener See, waren wir nun gezwungen, den Tag innerhalb des Kangertigtivatsiaqfjords zu bleiben. Nach einem ordentlichen Frühstück, präparierte die Crew das Schiff, um ein wenig weiter in den Hauptarm des Fjords vorzustoßen. Dieses Vorhaben musste allerdings recht schnell abgebrochen werden, da die Tiefe des Fjords rapide abnahm und überall große Geröllhalden unter Wasser verborgen lagen, die der Rembrandt durchaus hätten gefährlich werden können. Also wurden die Zodiacs klar gemacht und unsre beiden Guides begaben sich auf Kundschaftsfahrt. Als diese schließlich nach fast zwei Stunden zurückkehrten, hatten sie eine Landungsstelle gefunden, welche allerdings gute 10 Meilen entfernt lag. Also wurden sämtliche willigen Passagiere in die beiden Zodiacs verladen, Reservekanister gereicht und los ging die wilde Fahrt.
Ich hatte ja schon angekündigt, dass ich auf die blauen Eisberge noch mal zurück komme. Da der Brocken recht stabil zu sein schien, trauten sich unsere Guides recht dicht an das Eis heran. Diese Färbung wirkt in der Natur allerdings noch mal um einiges intensiver als auf dem Foto, wobei dies aber auch sicher in dem Wissen begründet liegt, dass man quasi Nase an Nase mit etwa 5000 Jahren Geschichte steht.

#26

An unserer Landungsstelle angekommen und aus dem Boot geklettert, wurde unsere Gruppe wie immer aufgeteilt. Während die gemütlicheren Passagiere weitestgehend an der Küstenlinie blieben, turnten die wagemutigeren durch die Berge bis hin zu einem Wasserfall, der direkt neben uns in den Fjord rauschte. Auf dem Weg nach oben trafen wir dann auf diesen Steinhaufen, der allerdings keine Wegmarkierung darstellt, sondern es handelt sich um ein Grab aus der Thulehochzeit, also etwa vor 500 Jahren. Auch wenn es vielleicht ein wenig pietätlos war, beim durchluschern, durch die Spalten zwischen den Steinen, waren in der Tat Knochen zu entdecken. Eine Grabstätte an so einer exponierten Stelle mit so einem wundervollen Blick auf den Fjord, es gibt sicher schlimmere Fleckchen, auf denen man begraben liegen könnte.

#27

Und hier nun schließlich das Ziel unserer Wanderung, der Wasserfall. Der Wasserfall an sich war nun gar nicht so sonderlich spektakulär, viel mehr die Begleitumstände, auf die wir trafen, um zum Wasserfall zu gelangen.

#28

Dies war nun der Blick vom Wasserfall fjordwärts. Der rauschende Schmelzwasserfluss hatte auch noch den Vorteil, dass er so gut wie alle Geräusche verschluckte, so dass kaum etwas anderes zu hören war, als das Rauschen des Baches. Gepaart mit diesem gigantischen Ausblick fühlte zumindest ich mich auf einmal doch recht klein, inmitten dieser überwältigenden Natur.

#29

Zur Wanderung selbst kann man noch berichten, dass wir auf unserem Weg auch über menschliche Hinterlassenschaften stießen, unter anderem auch einer Duracell-Batterie. Diese wurde von Denis, unserem Guide eingesammelt, der sich auch einen verbalen Seitenhieb auf seine Geologenkollegen nicht verkneifen konnte. Erschreckend an dieser Batteriegeschichte: Die Exkursion, in deren Nachfolge die Gerätschaften zurückgelassen wurden, startete wohl Anfang der 90er Jahre. Über 25 Jahre später sah zumindest diese Batterie noch so aus, als sei sie gerade erst dorthin geworfen worden. Erschreckend, wenn man bedenkt, wie lange sich dieser Müll besonders in diesen empfindlichen Regionen erhält. Der Eindrücklichkeit der Wanderung tat dies aber keinen Abbruch, zumal auch unsere Guides und auch die Crew an dieser Stelle noch nie zuvor längs kamen. So fiel der Rembrandtcrew gleichzeitig auch noch die Aufgabe zu, mit der hochtechnisierten Ausrüstung an Bord, den Verlauf und die Tiefe des Fjords zu vermessen und aufzuzeichnen. Also ein wenig Entdecker gespielt haben wir dieses Jahr auch wieder.
Im Anschluss an unsere Wanderung wurden wir dann schon ungeduldig erwartet, da wir um einiges zu spät aufs Schiff zurückkehrten. Grund hierfür war allerdings nicht der Expeditionsleiter, sondern der Kapitän persönlich, da er durch aufkommenden Wind die Rembrandt ein Stück versetzen musste, ehe wir aus den Zodiacs wieder an Bord gehen konnten. Das Versetzen der Rembrandt sorgte zumindest bei mir für ein merkwürdiges Gefühl, als unser stolzes Schiffchen an unseren Schlauchbooten vorbei dampfte…

#30

Diesen Gletscher hatte ich zwar bereits gezeigt, hier nun aber noch mal mit dem Bug der Rembrandt. Nachdem alle Passagiere an Bord zurückkehrten und auch der Kapitän sich wieder beruhigt hatte, steuerten wir erneut den Ankerplatz vom Vortag an. Für den Nachmittag stand eine Zodiactour auf dem Programm, da das Wetter auf offener See, sich erst in der Nacht verändern würde.

#31

Am Nachmittag stand nun also wiederum eine kleine Zodiactour auf dem Programm. Schließlich galt es noch etwas Zeit zu füllen, bevor wir am nächsten Tag hoffentlich weiter nordwärts segeln konnten. Also wurde unsere Passagierschar in zwei Gruppen und diese beiden Gruppen dann jeweils auf zwei Zodiacs aufgeteilt. Ziel der Tour waren die beiden Gletscherfronten in unserem kleinen windgeschützten Seitenarm des Kangertigtivatsiaqfjords, welche direkten Zugang zum Wasser hatten und somit immer wieder Eisberge ins Meer kalben ließen.
Auf dem obigen Bild erkennt man übrigens sehr schön, dass auch unsere beiden Guides gerne mal ein wenig spielen wollen, so kam es zu einem kleinen Wettrennen zwischen Jordi, unserem Expeditionsleiter, und Denis, unserem Geologieguide. Letzterer fühlt sich auf dem Wasser in einem Zodiac nicht sonderlich wohl, hatte den schwächeren Motor und noch eine Person mehr an Bord. Dementsprechend mussten wir Jordi ziehen lassen.

#32

Dieses Bild schafft es vielleicht ein wenig die Größen in Relation zu bringen. Unsere Boote waren von der Gletscherfront noch etwa 300 Meter entfernt. Dies stellt im Prinzip den absoluten Mindestabstand dar, den Schlauchboote zu solchen Gletscherfronten halten sollten. Schließlich kann man nicht erahnen oder gar wissen, wann wieder ein Eisberg abbricht und das Wasser in hektische und lebensgefährliche Bewegung versetzt. Sehr spektakulär übrigens auch diese riesige Eishöhle. Besonders dort krachte und knackte es sehr laut und vernehmlich, so dass zur Zodiactour auch noch etwas Nervenkitzel hinzu kam. Im Übrigen nicht nur bei uns Passagieren, auch Denis wurde es etwas mulmig zu Mute, als er sah, wie dicht Jordi an die Front heran steuerte.

#33

Als wir am äußersten Rand des Seitenarms und uns langsam an den Gletscher heran tasteten, schreckten wir einen recht ansehnlich großen Schwarm an Möwen auf, die direkt an der Gletscherfront vorbei flatterten. Dies war natürlich ein geradezu willkommenes Fotomotiv und sekundenlang waren nur die ratternden Auslöser der verschiedensten Kameratypen zu hören. Es war aber auch wundervolles Motiv, das im nächsten Teil meines Berichts noch eine Fortsetzung verdient.

#34

Wie schon angekündigt, gibt es zunächst noch ein weiteres Bild der Möwen vor der Gletscherhöhle. Rückblickend war der Moment schon ziemlich ergreifend. Insbesondere, da uns in dieser Region Lebewesen nur sehr selten begegneten.

#35

Relativ direkt im Anschluss an diese wundervolle und friedliche Szenerie, begaben wir uns auf den Rückweg zum Schiff, denn auch die andere Gruppe wollte ja zu ihrem Recht kommen und ebenfalls eine kleine Zodiactour machen. Auf dem Rückweg hielten wir dann aber noch mal auf diese interessanten Monumente im Meer zu. Spannend war halt zu wissen, dass draußen, in der Meerenge zwischen Island und Grönland die Hölle los war, während wir in unserem kleinen Seitenarm des Fjords fast spiegelglatte See hatten, die zu solch einer wundervollen Reflexion führte.

#36

Der gleiche Eisberg, nur diesmal mit dem anderen Zodiac als Größenvergleich. Die beiden Aufnahmen dokumentierten übrigens auch den Ausgang des Rennens, waren wir auf Bild 35 noch in Führung, musste sich Denis, wie auf Bild 36 zusehen, leider Jordi geschlagen geben. Man munkelte, dass Jordi, unser Expeditionsleiter, unerlaubte Zusätze in seinen Tank gegeben hätte…
Während die zweite Gruppe nun zur Tour aufbrach, hatten wir etwas Zeit unsere Eindrücke mal ein wenig zu sortieren und auszutauschen. Nach der Rückkehr unserer zweiten Gruppe gab es ein weiteres oppulentes Mahl unseres wunderbaren indischen Kochs und das obligatorische Briefing am Abend. Hierbei wurde uns kund getan, dass sich das sturmbringende Tiefdruckgebiet langsam nach Island bewegte und uns ein schmales Zeitfenster offen lässt, endlich etwas weiter nordwärts, in Richtung Scoresbysund zu kommen. Allerdings würde die See wohl noch reichlich aufgewühlt sein, so dass man bei unserem Chefsteward für 3€ eines dieser wundersamen Pflaster gegen Seekrankheit kaufen konnte. Dies war vermutlich für 50-60% aller Passagiere eine wunderbare Idee. Und während wir uns noch unterhielten, wurde auf dem Deck geschäftiges Treiben laut. Während unseres Briefings spannte die Crew Sicherheitsleinen, an der sich die Seeleute mit Karabinern einhaken können und spannte große Netze an beiden Seiten des Schiffes, damit hier keiner über Bord gehen konnte. Ebenfalls wurden die Zodiacs aufs Brückendach gehievt, so dass nun auch dem letzten klar werden sollte, was uns am morgigen Tag erwarten würde. Somit schlug die Stimmung am Abend ein wenig ins ausgelassene um und wir unterhielten uns noch recht lange an der Bar, wer weiß schon, wann wir dies das nächste Mal könnten.

<– Tag 3   Tag 5 –>