Grönland 2016 – Tag 6

#39

Nach dem bereits in der Nacht zu merken war, dass sich die See beruhigte, taumelte ich morgens dann mit Kaffee aufs Deck, es war ja schließlich wieder freigegeben und wurde dabei direkt von der Sonne begrüßt. Ein herrliches Gefühl! Letztendlich kam ich gerade noch rechtzeitig zum Frühstück, da ich mich mit meinem Kaffee in der Hand mit einem Schweizer regelrecht festgequatscht hatte. Während ich Kaffee schlürfend und Musik hörend auf meinem Lieblingsplatz verweilte, die Rembrandt hat auf dem Vorschiff ein paar festinstallierte Kisten, auf denen man hervorragend Sitzen und den Blick in die Ferne schweifen lassen kann, setzte sich der ältere Herr zu mir und wir begannen über die passende Musik für so einen wunderbaren Morgen zu debattieren. Dabei geriet uns ein wenig die Zeit aus dem Blick und wir kamen gerade noch rechtzeitig, um die letzten Streifen gebratenen Specks zu ergattern.

#40

Direkt nach dem Frühstück zog es mich dann auch wieder aufs Deck, die Kamera im Anschlag. Dabei kam ich in das Vergnügen, die angeregte Diskussion mit dem sympathischen Schweizer direkt weiterzuführen. Erst am Ende der Reise stellte ich fest, dass dieser nette Herr ein recht bekannter Schweizer Comedian, Koch und Künstler ist. Wirklich ein sympathischer Zeitgenosse, der mit seiner Frau auf dieser Tour war, um im Anschluss darüber eine Reportage zu verfassen, die mittlerweile auch veröffentlicht wurde. Auf jeden Fall eine spannende Bekanntschaft.
Zurück zum Bild. Nach Tagen des grauen Wolkenschleiers am Himmel und des leichten immer wiederkehrenden Nieselregens, waren die Sonnenstrahlen eine echte Wohltat und die uns umgebende Landschaft wurde gleich ein wenig freundlicher und weniger trostlos.

#41

Kurz nach dem obige Aufnahme entstand, war auf einmal aus dem Nichts das Knattern eines Hubschraubers zu vernehmen. Anfangs wurden dies noch etwas abgetan, da sich in dieser Region nichts befinden würde, was einen Hubschrauber starten bzw. landen ließe. Keine 20 Sekunden später tauchte tatsächlich ein dunkelgrauer Helikopter am Horizont auf. Dieser umkreiste zweimal die Rembrandt, was mit Sicherheit aus der Höhe, bei Sonnenschein und unter vollen Segeln ein herrlicher Anblick gewesen sein muss, und verschwand wieder im Nichts. Etwa eine Stunde später tauchte am Horizont erneut ein grauer Punkt auf. Dieser befand sich allerdings auf dem Wasser und entpuppte sich alsbald als dänische Fregatte mit Hubschrauberdeck.
Das Militärschiff fuhr eine Weile neben uns her und man sah einige Soldaten, wie sie eifrig ihre Kameras zückten und nun uns als Fotoobjekt registrierten. Nach einer guten Viertelstunde drehte die Fregatte schließlich ab und fuhr ihrer eigenen Wege. Ein wenig skurril war die Situation für uns Passagiere aber schon, so mitten im Nichts…
Im weiteren Verlauf des Tages liefen wir kurz nach dem Mittagessen in den Miki-Fjord ein, wo dann schließlich auch wieder ein Landgang auf dem Programm stand.

#42

Nach dem Mittagessen liefen wir dann schließlich im Mikis-Fjord ein, wobei die Einfahrt ganz schön knifflig wurde, da eine Menge Eis dort herum trieb. Da wir aber wussten, was wir an Kapitän und Crew hatten, konnten wir uns ganz auf das faszinierende Schauspiel der Natur konzentrieren. Zusätzlich blieb das Wetter auch stabil, so dass wir auch weiterhin mit Sonnenschein verwöhnt wurden.

#43

Wiederum gab es eine Vielzahl an Eisskulpturen zu entdecken, doch diesmal stand keine Zodiactour auf dem Zettel, sondern eine kleine Wanderung, zu der ich später kommen werde. Wir genossen zunächst den wunderbaren Ausblick auf Gletscher, Eisberge und Felswände und lauschten den Ausführungen unseres Geologen Denis. Dieser erzählte uns recht ausführlich, dass die Geologie im Mikisfjord wohl sehr ähnlich zu der sei, welche man in der, mittlerweile recht bekannten Disco-Bucht findet. Also kann man wohl auch davon ausgehen, dass die dortigen Bodenschätze analog auch im Osten Grönblands zu finden sein müssten. An anderen Stellen war dies wohl der Fall. Da der Westen Grönlands bekanntermaßen eisfreier als der Osten ist, wurden dort schon viele Explorationsexpeditionen durchgeführt, der Boden ist also schon ein gutes Stück weit erkundet. Im Osten hingegen kommt die Explorationswelle erst langsam ins Rollen, da sich die Eismassen hier sehr viel langsamer zurück ziehen, es fehlen die wärmenden Ausläufer des Golfstroms.

#44

Die schmutzig graue Eismasse rechts unten im Bild, war schließlich unser Ziel für eine kleine Wanderung. Wir wollten uns diesen Gletscher aus nächster Nähe ansehen und es bestand der Plan, über die Moräne ein Stück ins Landesinnere zu laufen und die Gegend zu erkunden, so sich denn in diesen Gefilden kein Eisbär offensichtlich herum treibt. Also wurden abermals die Zodiacs klar gemacht und wir Reisenden an Land abgesetzt. Nach anderthalb Tagen auf See eine äußerst willkommene Abwechslung. Der ein oder andere war vermutlich auch mehr als glücklich, nach dem zum Teil heftigen Seegang nach 36 Stunden wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.

#45

Und so sah das Fleckchen Erde dann aus, auf dem wir uns bewegten. Diese imposante Gletscherfront, die aber tatsächlich kaum mehr als sieben oder acht Meter in der Höhe maß, erklomm die Gruppe derer, die sich auf eine längere Wandertour eingestellt hatte. Wobei ich sagen muss, dass das Gefühl, welches einen beschleicht, wenn man auf diesem uralten Eis herumturnt, sich nur schwer, eigentlich gar nicht, beschreiben lässt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, verursacht durch die Steigung des Gletschers, lief es sich im weiteren Verlauf immer besser und auch einfacher. Insbesondere nach dem ersten Anstieg waren doch zwei oder drei Reisende kurz versucht, wieder umzudrehen und sich der anderen, entspannter wandernden Gruppe anzuschließen. Da diese jedoch schon etwas weiter entfernt war und die Gegend für ihre Eisbären recht bekannt ist, zumindest in Inuit-Kreisen… , mussten sie dieses Vorhaben abbrechen und sich den Eishang hoch quälen.

#46

Während des doch recht rasanten Anstieges, lohnte sich der Blick zurück. Die Rembrandt erneut zwischen diesen Eisbrocken liegen zu sehen, hat auch jetzt noch etwas faszinierendes für mich und zeigt auch recht eindrücklich, dass so eine Reise an Abenteuergefühl wirklich nur schwer zu überbieten ist. Und auch wenn uns unser Barkeeper/Chefsteward/Oberkellner/Hotelmanager Abend für Abend von den Vorzügen der riesigen Kreuzfahrtschiffe zu überzeugen versuchte, war unsere einhellige Meinung doch recht klar; um nichts in der Welt hätte einer von unserer kleinen „Reiseclique“ tauschen mögen, um auf innenliegenden Balkonen 4000 Menschen zuzusehen, wie sie gleichzeitig zum Essen strömen, während man für das gleiche Geld solche Aussichten geboten bekommt.

#47

Und dies nun der Blick in die andere Richtung. Die Bergkuppen lassen erahnen, welche Ausmaße der Gletscher einst besaß. Denn dieses gesamte Tal muss, laut den Ausführungen unseres Geologen, von diesem Gletscher ins Gestein gefräst worden sein. Und auf diesen Eismassen, oder besser dem, was davon noch übrig blieb, liefen wir nun ganz sorglos herum und bestaunten die wunderbaren Farben, die beeindruckende Aussicht und das herrliche Wetter. Mir wurde es bei dieser Wanderung derartig warm, dass ich schier ins Schwitzen geriet… mitten auf einem Gletscher.

#48

Von folgendem Motiv habe ich ebenfalls wieder zwei Versionen, ohne sagen zu können, welche mir nun eigentlich besser gefällt. Fakt ist, der Ausblick von der Ebene des Gletschers in den Fjord war wirklich gigantisch. Wie man hier auch sieht, waren wir mittlerweile schon recht hoch hinaus gekommen, auf unserem Gletscher. Dazu kam dann noch das sehr weiche Licht des einsetzenden Sonnenuntergangs, wobei wir vom wirklichen Farbspektakel nicht viel mitbekamen, da die umliegenden hohen Berge, die Sonne verschwinden ließen und zum Abend hin auch wieder erste Wolken am Horizont aufzogen.

#49

Und hier nun wie angekündigt, die Version im Hochformat. Da ich, wie mir auffiel, nur sehr selten im Hochformat Bilder aufnehme, ist dies schon irgendwie eine besondere Aufnahme. Zumal hier Eis und Berg sehr deutlich darstellen, wie klein wir in dieser Natur wirkten, und eigentlich ja auch sind, wenn mir soviel philosophische Nebenbetrachtung an dieser Stelle gewährt sei.

#50

Ein sich durch das ins Eis grabender Schmelzwasserbach. Dieser frisst sich fast schon canyonartig ins Eis, wodurch im Prinzip eine Art Kettenreaktion in Gang gesetzt wird. Durch das fließende Wasser schmilzt das Eis wiederum etwas schneller, wodurch nun wiederum Steine und Geröll an die Oberfläche des Gletschers kommen. Diese wiederum reflektieren das Sonnenlicht nicht, wie die weiße Eisoberfläche, sondern nehmen die Wärme auf und sondern sie an die Umgebung ab. Dadurch schmilzt wiederum mehr Eis… und so geht es immer weiter. Bis schließlich vom einstmaligen Eisgiganten nicht mehr viel drüber bleibt, als ein Haufen Geröll und ein Haufen Süßwasser…

#51

Während wir also weiter übers Eis liefen, wurde allmählich deutlich, dass wir auf das Ende des Gletschers zusteuerten. Dabei kamen wir zu einem kleinen Schmelzwasserbach, der sich am Ende des Gletschers durchs Eis fräste. Den Rückweg traten wir dann nicht übers Eis an, sondern auf der Moräne, was das Laufen noch mal um einiges erschwerte. Dabei trafen wir fast zum Ende erneut auf den hier fast noch gemütlich dahin plätschernden Bach, nur dass dieser sich unter der Eisdecke zu einem donnernden Strom entwickelt hatte. Es war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung, neben dem Eis zu stehen und dabei das Tosen des Stroms unter dem Eis zu vernehmen. Wie im Beitrag zum vorherigen Bild schon beschrieben, schadet diese Art des Schmelzwassers dem Gletscher gleich auf unterschiedliche Weise. Zum einen wirkt es als Schmiermittel für die Eismassen und zum anderen sorgt das Wasser für ein weiteres schnelleres Abtauen des Eises. Warum ich darauf hinweise, gibt es in der nächsten Aufnahme zu sehen…

#52

Dies ist der Blick am Ende des Gletschers. In der Ferne kann man sehen, erstreckt sich ein weiterer Fjord. Interessanterweise war auf der Karte, die unser Expeditionsleiter mit sich trug, welche er sich von Denis unserem Geologen ausgliehen hatte, unser Gletscher noch bis zum Wasser des in der Ferne zu erkennenden Fjords eingezeichnet. Da die Karte aus den späten 80er Jahren stammte, hat dieser Gletscher offensichtlich einen großen Teil seines Eises verloren, innerhalb von nicht mal 30 Jahren. Als wir diese Tatsache wahrnahmen, wurde nicht nur ich ganz nachdenklich. So direkt mit den Konsequenzen des sich verschiebenden Klimas konfrontiert zu werden, geht wohl an keinem gänzlich spurlos vorbei. Schön auch zu sehen, dass der Gletscher, auf dem wir uns bewegten, wohl hauptsächlich dafür verantwortlich war, dass dieses Tal überhaupt entstehen konnte. So kam zu der beinahe erschreckenden Erkenntnis auch noch ein gutes Stück Ehrfurcht hinzu, wohlwissend, dass es nicht mal 30 Jahre gedauert hat, den Giganten, der für dieses Tal verantwortlich zeichnet, fast verschwinden zu lassen.

#53

Und hier nun noch mal ein Blick auf den sich allmählich abendlich einfärbenden Himmel und Fjord. Während wir uns nun alle wieder an Bord zurück begaben, wurde uns der Plan für den nächsten Tag verkündet; es sollte zum großen Fritjof-Nansen-Fjordsystem gehen. Hierbei sei wohl auch die Chance sehr hoch, dass wir auf Eisbären treffen würden, da die Reisegruppe vor uns derer gleich 5 (!) in dortigen Gefilden entdeckte. Da wir noch ein gutes Stück Weg zurück zu legen hatten, machte sich die Crew auch direkt daran, den Anker zu lichten und das Schiffchen aus dem Fjord hinaus zu manövrieren. Doch damit nicht genug, direkt an die Rekapitulation des Tages schloss sich gleich noch ein Vortrag bzgl der Polarlichter an, da wir uns nun wohl im Gürtel befanden, in dem man recht zuverlässig dieses Naturphänomen bestaunen kann. Und tatsächlich, kaum das die Dunkelheit herein gebrochen war, erlebten wir ein Lichtspektakel am Himmel, dass ich bisher zum ersten Mal erleben durfte. Neben mir stand ein Belgier, der diese Lichter ebenfalls zum ersten Mal erblickte und wir hüpften voller Begeisterung über das Deck, wobei wir völlig vergaßen, dass wir nur einen dünnen Pullover ohne Jacke trugen. Dies fiel uns beiden dann nach guten zwei Stunden auf, als unsere Hände weitestgehend blau angelaufen waren.
Fotos von diesem Spektakel habe ich allerdings nicht, da meine Fuji max. ISO 3200 kann und damit sind auf einem schwankenden Schiff schlicht keine Polarlichterbilder möglich.

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