Arctic Circle Trail und Ilulissat

Ein Reisebericht zu einer Grönlandreise mit Wanderung auf dem Arctic Circle Trail und einigen Tagen Aufenthalt in der Stadt der Eisberge: Ilulissat.

Tag 1 Anreise

#1

Zugfahrt nach Kopenhagen

Die Anreise nach Grönland bestritten wir aufgrund der geringen Distanz zwischen Kiel und Kopenhagen, mit der Bahn. Fast wäre es schon an der ersten Station unserer Reise zu ernsten Schwierigkeiten gekommen. Der Zug von Rendsburg nach Flensburg hatte etwa eine halbe Stunde Verspätung. Dies hätte dazu geführt, dass wir nicht mehr rechtzeitig zum Flug nach Kopenhagen gekommen wären. Dank der dänischen Staatsbahn, der Zug in Flensburg wartete tatsächlich auf die Reisenden aus Rendsburg, erreichten wir aber doch noch alle unsere Anschlüsse. Aber für einen kurzen Moment breitete sich kurz Panik aus. Als wir aber schließlich in Flensburg im Zug saßen, konnten wir uns ein Lachen aufgrund der absurden Situation nicht mehr verkneifen. Stell’ dir vor, du willst nach Grönland und deine Reise endet bereits in Rendsburg.

#2

Eine spannende Zugfahrt lag vor uns, bei der wir bereits im Zug nach Fredericia von einem Herren unseren Alters damit begrüßt wurden, dass er einen hörbar ansehnlichen Klumpen Nasenschleimhaut zunächst in seinen Mund und anschließend in seinen Magen beförderte. Selbiger Mensch schnarchte im Anschluss derartig heftig, dass die Fenster des Waggons aus den Fassungen zu brechen drohten. Nach kurzer Zeit sprang er erschrocken auf. Er meinte beobachtet zu haben, wie ein Unbekannter ihn mutmaßlich bestahl. Die restliche Zugfahrt ließ er die übrigen Reisenden dann daran teilhaben, wie er beinahe Opfer eines Verbrechens geworden wäre. An Schlaf war durch seine lautstarken Äußerungen dabei im Prinzip nicht mehr zu denken.
Das mitgeführte Känguruh streifte nach etwa einer halben Stunde des Zuhörens die roten Boxhandschuhe über, legte die Ohren an und konnte nur mit Mühe an einer körperlichen Auseinandersetzung mit dem Ruhestörer gehindert werden. (Zur kurzen Erklärung: Mein Kumpel und ich sind große Fans der Känguruhchroniken. Natürlich nahm das Beuteltier auch dieses Jahr wieder an unserer Reise teil). Erst im Lichte der aufgehenden Sonne am Kopenhagener Flughafen fanden wir schließlich eine Moment der Ruhe und warteten ungeduldig auf das Boarding. Die bisherige Anreise nach Grönland barg schon eine Menge Stoff zum Erzählen. So wuchs die Vorfreude noch um ein gutes weiteres Stück.

Ankunft in Kangerlussuaq

Nach einem ereignislosen und sehr ruhigen Flug erreichten wir schließlich pünktlich Kangerlussuaq auf Grönland. Ein unbeschreiblicher Moment, genau an dem Ort zu stehen, an dem ich vor ziemlich genau drei Jahren das erste Mal mit der Arktis in Berührung kam und mich unheilbar mit dem arktischen Virus infizierte. Der Reiz des Neuen machte einem Reiz des Bekannten und des Wiedersehens Platz. Und ich bekam das Gefühl ein Stück weit zurückgekehrt, ja fast schon nach hause gekommen zu sein.
Natürlich gehörte in Kangerlussuaq ein Bild des Wegweisers am Flughafen dazu. Diesem Schild ist zu entnehmen, dass der Nordpol an diesem Punkt dichter liegt, als jedwede größere Metropole der Welt.
Wir bezogen unser Quartier und machten uns sodann auf den Weg in den eigentlichen Ort um uns mit Gaskartuschen für unseren Kocher zu versorgen. Auch bei diesem Ausflug beschlich mich ein kaum in Worte zukleidendes Gefühl, als ich die Kneipe erblickte, in der ich mit einer jungen Familie vor drei Jahren das letzte Abendessen in Grönland einnahm. Wohlwissend, dass man sich möglicherweise nie wieder begegnen würde. Unsere Suche endete recht erfolgreich, wie wir annahmen. Wir erstanden in einem schwer zu erkennenden, kleinen Supermarkt drei große Gaskartuschen. Aus einem mir unerfindlichen Grund, griffen wir dabei auf zwei unterschiedliche Hersteller zurück, eine Weber-Kartusche und zwei Stück eines französischen Produzenten. Weshalb ich dieses Detail erwähne, wird sich in nicht allzu ferner Zukunft aufklären…

Erste (vermeintliche) Probleme

An dieser Stelle sei aber noch eine Anekdote erwähnt, die als nahezu symptomatisch für unsere Tour angesehen werden kann. Während wir nach dem Kauf der Kartuschen gleich noch die Gelegenheit nutzten uns einen Hotdog in den Magen zu schieben, überkam mich beim Blick auf mein Mobiltelefon kurzzeitig Panik. Trotz mehrfachen Betätigen des On-Knopfes reagierte das Telefon nicht. Auch der Versuch, das Gerät mithilfe des Fingerabdrucksensors zu entriegeln, fruchtete nicht. Ein Ausfall des Telefons gehörte zu dem Teil an Problemen, die die Reise selbst gefährdete. Nicht nur, dass der GPS-Track, dem wir in den kommenden Tagen folgen wollten, auf dem Telefon lag, auch all meine Buchungen und Flüge lagerten in digitaler Form im Speicher. Zwar führte ich sämtliche Unterlagen auch in Papierform mit mir, ein Ausfall des Gerätes wäre trotzdem ein ziemliches Dilemma. Als sich der Himmel kurzzeitig etwas eintrübte, gewann ich den Eindruck, dass sich ganz schwach Umrisse von Inhalten erkennen lassen. Im selben Moment traf mich ein Blitz der Erkenntnis: Um den Stromvorrat des Akkus zu schonen, regulierte ich die Helligkeit des Display soweit herunter wie nur möglich. Aufgrund der sehr hellen Umgebung entstand dadurch der Eindruck, dass Telefon reagiere nicht. Mein Kumpel brach daraufhin in schallendes Gelächter aus, absolut zurecht, wie ich im Nachhinein anerkennen muss.
Den Tag beschlossen wir nach erfolgreichem Umpacken unserer Rucksäcke mit einem ordentlichen Moschusochsenburger in der Cafeteria des Flughafens. Ein gelungener und würdiger Abschluss der Anreise nach Grönland, wie wir fanden.

Tag 2 – Etappe 1, Kangerlussuaq –> Qarlissuit

#4

Den nächsten Morgen begannen wir voller Vorfreude mit einem ordentlichen Frühstück in unserer kleinen Unterkunft, bei dem wir auf ein Paar aus Hamburg trafen. Diese standen am Ende ihrer Grönlandreise und ich vermeinte auch in ihren Augen das Feuer zu entdecken, dass sich bei denen zeigt, die, vom arktischen Virus infiziert, von ihren Erlebnissen ihrer Grönlandreise erzählen. Als wir von unseren Plänen berichteten, bekamen beide große Augen und erfragten, ob wir denn mit einem Guide unterwegs seien. Die Antwort lautete Nein, aber wir verfügten über einen informativen Reiseführer aus der “Outdoor”-Reihe. In jenem Moment ahnten wir noch nicht, dass es den ein oder anderen Augenblick gab, an dem wir uns einen leibhaftigen Guide wünschten und nicht dieses seltsame, gelbe Buch, dem auch der merkwürdige Threadtitel zu verdanken ist…
Im Prinzip führt die erste Etappe von Kangerlussuaq nach Kellyville (einer kleinen, verlassenen Ortschaft) zum eigentlichen Startpunkt des Arctic Circle Trail. Nach übereinstimmenden Berichten führt der Weg recht unspektakulär etwa 12km auf einer Schotterpiste entlang, bis der Weg sich teilt, einmal nach Kellyville und einmal in den Hafen Kangerlussuaqs. Die allgemeine Meinung geht dazu über, diesen Teil des Weges lieber per Anhalter zurückzulegen, da sich die Strecke doch ziemlich in die Länge zieht. Leider hatten wir bei den ersten Fahrzeugen kaum Glück, so dass wir bestimmt schon vier Kilometer gelaufen waren, ehe ein kleiner zweitüriger Geländewagen hielt und uns mitnahm. Im Nachhinein frage ich mich schon, wie wir neben Vater und Sohn mit unseren beiden Rucksäcken in dieses erstaunlich enge Gefährt hinein passten. Die Fahrt hingegen war witzig, unterhaltsam (auch wenn der Vater weder Dänisch noch Englisch sprach) und verging erstaunlich schnell. Sie entließen uns am Abzweig nach Kellyville, natürlich mit dem Hinweis, dass wir nach einem verschwundenen Chinesen Ausschau halten sollen. Dieser ging wohl im Jahr 2016 auf dem Trail verloren, bis heute ist nichts über sein Verschwinden bekannt. Ganz rechts im Bild, am Wegweiser Richtung Kellyville, ist das Suchplakat zu sehen. Als der Jeep davon brauste und wir das Plakat etwas näher betrachteten, beschlich mich dann ein doch etwas mulmiges Gefühl.

#5

Nach den ersten Schritten verflog dieses Gefühl aber wieder recht schnell und wir genossen immer mal wieder den Blick zurück, auf den großartig anzusehenden Fjord bei Kangerlussuaq. Bis zum tatsächlichen, offiziellen Startpunkt des Trails hatten wir nun noch gute vier Kilometer vor uns, die zunächst noch über eine solche Schotterpiste führten, unsere Motivation stieg aber Schritt um Schritt, hatten wir doch bereits das erste größere Hindernis, nämlich die erste eher langweilige Etappe, ein gutes Stück verkürzt. Vor uns lagen nun 175 Kilometer unberührte grönländische Natur, die mit Sicherheit das ein oder andere Abenteuer für uns bereit halten würde. Wie schnell wir in den Genuss eines Abenteuers kommen würden, nämlich noch am selben Abend, ahnten wir in jenem Augenblick noch nicht.

#6

Diese Aufnahme entstand direkt am offiziellen Startpunkt des Arctic Circle Trail. Ein wirkliches Symbol oder einen Hinweis auf den Start- bzw. Endpunkt gibt es nicht, dafür aber eine riesige Tafel, auf der die Telefonnummer eines Taxiunternehmens in Kangerlussuaq geschrieben steht. Für all diejenigen also, die in uns entgegengesetzter Richtung liefen und sich nicht auf das Trampglück verlassen wollten.
Die lilanen Glockenblumen sahen wir im Verlauf des Trails immer wieder, wobei ich zunächst fälschlicherweise annahm, es handelte sich um das arktische Weidenröschen, die grönländische Nationalblume. Wir freuten uns über diese schönen kleinen Farbtupfer und im Nachhinein betrachtet muss man diesen kleinen Pflanzen wohl auch gehörigen Respekt zollen, da sie sich in dieser unwirtlichen Gegend derartig gut und zahlreich zu halten vermögen.
Nach einer ausgiebigen Pause, starteten wir nun auch offiziell unser Abenteuer Arctic Circle Trail. Im Hintergrund ist der Pfad ein wenig zu erkennen und führte, wie fast die gesamte Strecke, an einem See entlang. Dies sorgte für einen recht morastigen Einstieg in den Wanderweg und würde sich auch bis zum Ende nicht mehr großartig verändern.

#7

Ein kleines Selbstportrait nach dem ersten Kilometer auf dem Trail. Das Wetter war uns hold und sorgte mit etwa 12°C, einer leichten Brise und einem interessanten bewölkten Himmel, für traumhafte Wanderbedingungen. Einen besseren Start kann man sich wohl nur schwer vorstellen.

#8

Nach etwa einer guten Stunde Wanderung kamen wir auf den dargestellten See zu, an dessen diesseitigem Ende ein alter, ausrangierter Wohnwagen steht, der von Wanderern als Übernachtungsmöglichkeit genutzt werden kann. Der See selbst beinhaltet ganz schwach salzhaltiges Wasser, so dass man es zwar trinken kann, ich aber im Nachhinein vom Genuss abraten würde. Weshalb das Wasser einen schwachen Salzgehalt aufweist, vermag ich allerdings nicht erklären. Am Ufer dieses Sees steuerten wir nun auch auf unsere erste Pause zu, das Ufer des Sees war etwa 4km vom Startpunkt entfernt. Die Rucksäcke waren schließlich noch schwer gefüllt, das Gewicht dementsprechend auch noch recht hoch. Mit dieser Aussicht vor Augen, ließ es sich aber auch herrlich abschalten, zumal wir nun auch noch in den Genuss von Sonnenstrahlen kamen, ohne dass es sich übermäßig aufheizte. Durch den nicht vorhandenen Handyempfang schaltete ich bereits nach dieser ersten Stunde des Wanderns meinen bisherigen Alltag komplett aus und wurde mit dem Gefühl belohnt, völlig losgelöst in der Gegenwart angekommen zu sein. Hier fanden wir nun auch unsere erste, ständig wiederkehrende Phrase: “Es gab schon auch schlechtere Plätze um Pause zu machen.”

#9

Der angesprochene, ausrangierte Wohnwagen vor dem Hundesø. Wie man sieht, wird der Wagen besonders im Sommer gern genutzt, um beispielsweise ein kleines Grillfest zu veranstalten. Bereits so früh auf der Wanderung kamen wir mit unserem “großartigen” Reiseführer das erste Mal ins Hadern. Die Beschreibung des Weges ging bereits hier nicht mehr so ganz konform mit dem eingezeichneten Weg auf der Karte und schon gar nicht, mit dem zum Buch gehörenden GPS-Track. Dass rund um den See nicht gerade wenige Trampelpfade entlangliefen, wurde mit keiner Silbe erwähnt, genauso wenig, dass der Weg des Reiseführers vom Weg in den offiziellen Karten abweicht. In jenem Moment schoben wir unseren kurzen Moment der Orientierungslosigkeit aber eher auf unsere Unerfahrenheit…
Am Wagen angekommen, sahen wir uns leider, und das ging uns bei vielen Hütten so, in der unmittelbaren Umgebung mit einer enormen Fülle an Müll konfrontiert. Da der Wagen keine 20km von Kangerlussuaq entfernt steht, wunderten wir uns doch schon ein wenig, dass es bereits hier mit dem Müll Probleme zu geben schien. Das Thema Müll würde uns aber den gesamten Weg über verfolgen, zum Glück weitestgehend nie auf dem Weg selbst, dafür umso heftiger an den zu erwartenden Hütten. In jenem Moment genossen wir jedoch noch ein wenig die Sonne und machten uns nach einer Pause wieder auf die Socken und wanderten den Pfad entlang an zwei weiteren Seen vorbei, dem Limnæasø und dem Brayasø.

#10

Auf dem Bild ist der Übergang vom Hundesø zum Limnæasø gut zu erkennen. Ebenfalls zeigt sich auf der Aufnahme, wie ich finde, sehr gut, weshalb Erik der Rote auf die Idee kam, das Land als Grünland zu bezeichnen. Zwar rührt das Grün eher von Kriechweiden (hach, wie sehr ich diese Gewächse auf der Wanderung ins Herz schloss…) als von saftigen Weiden her, dennoch zeigte sich die Landschaft im August in wundervollen grünen Farbtönen. Der Pfad selbst verlief zu Beginn der Wanderung auch recht eben und gleichmäßig, so dass man mit dem schweren Rucksack erstaunlich gut voran kam. Wie schon erwähnt, spielte das Wetter ebenfalls hervorragend mit, so dass wir Schritt um Schritt außerordentlich gut, und auch besser als gedacht, voran kamen.

#11

Eines der Steinmännchen, die uns den gesamten Weg über begleiten würden. Im Laufe der Wanderung lernten wir diese steinernen Kameraden als wichtige Orientierungshilfe zu schätzen. Glaubt man unserem Reiseführer, hat sich die Anzahl der Männchen in den letzten Jahren wohl auch ziemlich drastisch erhöht. Auf jeden Fall stellte die Orientierung auf dem Trail mit diesen Hilfen kein allzu großes Problem dar, so lange man sich nicht von einem großartigen, gelben Reiseführer ins Bockshorn jagen lässt.
An jenem Punkt unterbrachen wir unsere Wanderung erneut, diesmal aber für eine etwas ausgedehntere Pause. Immerhin lagen nun bereits gute dreieinhalb Stunden Wanderung hinter uns. Im Hintergrund ist der Limnæasø zu erkennen. Der Weg verläuft hier etwa 40-50 Meter über dem Seeufer, so dass sich ein toller Ausblick über den See bot. Dabei trafen wir auch die ersten Menschen auf dem Trail. Zwei Däninnen, denen ihre Urlaubsplanung wohl nur vier oder fünf Tage wandern im Gebiet um Kangerlussuaq erlaubten. Als wir uns trafen, waren sie grade auf dem Rückweg zum Flughafen. Sie wünschten uns noch eine schöne Wanderung und zogen ihrer Wege, während wir die Zeit nutzten, unsere Socken und Schuhe ordentlich durch zu lüften, den Ausblick auf den See zu genießen und ein erstes Trekking-Mittagessen zu uns nahmen.

#12

Nach unserem ausgedehnten Mittagspäuschen trafen wir nach einer kürzeren Strecke Weges auf zwei grönländische Damen. Als wir kurz ins Gespräch kamen, erzählte die ein von ihnen, dass sie den Trail schon das achte oder neune Mal läuft. Ihre Begleitung hingegen zum ersten Mal. Die erfahrenere der beiden Damen ließ es sich dann auch nicht nehmen, nach unserem Rucksackgewicht zu fragen, wobei wir ehrlich antworteten, dass wir jeweils gute 22 oder 23kg mit uns herum schleppten. Süffisant lächelnd ließ sie uns dann wissen, dass sie ja nur 8kg auf dem Rücken trage, da sie auf ein Zelt verzichten und von Hütte zu Hütte wandern. Sie rechnete mit 6-7 Tagen für die ca 175km bis nach Sisimiut. So eilig hatten wir es hingegen (noch) nicht, so dass wir auch kein schlechtes Gewissen bekamen, dass wir wesentlich mehr Gewicht durch die Landschaft wuchteten. Immerhin hieß Plan A, dass wir uns elf Tage Zeit nehmen wollten. Und trotz der Unterschiede, liefen die beiden Damen noch etwa gute zwei oder drei Stunden in Sichtweite vor uns her. So dass wir mit Stolz feststellten, dass wir recht zügig voran schritten und wohl doch fitter in dieses Abenteuer gingen, als wir zu Beginn befürchteten. Dennoch sollten wir, wenn auch nicht direkt, noch einige Male auf die beiden Damen zu sprechen kommen.
Obiges Bild entstand während einer kleinen Trinkpause, die nötig wurde, da ich meine Trinkflasche schlauerweise unserem Reiseführer folgend, am Hundesø auffüllte, sich das Wasser aber letztlich als nicht genießbar herausstellte, weil salzig. Hier realisierten wir auch, dass wir bereits 17km wanderten, mehr als auf jeder Etappe des Laugavegur im vergangenen Jahr. In jenem Moment ein wirklich erhabenes Gefühl.

#13

Nach kurzer Pause schickten wir uns an, nun auch noch die übrigen 4-5km unter die Sohlen zu nehmen, laut Reiseführer sollten wir nach angegebener Distanz auf tolle Zeltmöglichkeiten stoßen. Unserem Pfad folgend, begannen allmählich die überall wachsenden Kriechweiden zumindest an meinen Nerven zu sägen. Die Dinger sind so zäh und widerstandsfähig, dass ich ständig mit meinen Wanderstöcken zwischen den Sträuchern hängen blieb, so dass ich irgendwann beschloss, auf die Stöcke ganz zu verzichten. Die stellte bei matschigen Passagen des Trails allerdings nur eine mäßig kluge Idee dar.

#14

Nach etwa zwei Stunden Wanderns und etlichen kleineren Trinkpausen fanden wir schließlich eine geeignete und wirklich großartige Zeltmöglichkeit. Der Ausblick auf die umliegenden Seen war einfach gigantisch. Nach dem wir feststellten, dass auch noch der Zeltaufbau genauso gut klappte, wie am Ende der Tour des letzten Jahres, stieg unsere Laune voller Vorfreude massiv an. Als wir uns im Zelt häuslich eingerichtet hatten, fassten wir den Entschluss, das Abendessen zusammenzurühren. Ich griff also wahllos in meinen Rucksack und erwischte eine der drei Gaskartuschen. Es war das Fabrikat, von welchem wir zwei Exemplare in Kangerlussuaq erwarben. Nach etwas nerviger Fummelei gab schließlich der Plastikdeckel den Anschluss der Kartusche frei und mich beschlich das Gefühl, dass wir ein Problem bekommen. Am Anschluss war kein Gewinde zu sehen, wie es bei passenden Kartuschen normalerweise der Fall ist. Nach hektischer Suche des Kochers herrschte schließlich Gewissheit, zwei von unseren drei Kartuschen passten nicht auf meinen Kocher. Es gibt wohl ein neues Patent für Gaskocher, das sieht von außen und auch mit Plastikdeckel haargenau so aus wie der Schraubverschluss. Allerdings sind die Dinger nicht kompatibel. Nach dem wir den ersten Schock verwunden hatten, suchten wir fieberhaft nach einer Lösung. Sämtliche Versuche, die Kartusche zum Laufen zu bekommen, scheiterten. Auch keine anderweitige Behelfslösung war von Erfolg gekrönt. Blöd, wenn man seine gesamte Nahrungsversorgung auf kochendes Wasser aufbaut und letztlich ohne ausreichend Gas da steht. Kurzzeitig war ich etwas ungläubig, dass dies unter Umständen bedeuten konnte, dass unser Abenteuer endete, bevor es begann. Grundsätzlich verfügten wir nur über zwei Alternativen: Variante A, wir gehen am nächsten Tag zurück und besorgen uns passende Kartuschen, haben dann aber zwei Tage verschenkt, müssten den Trail also in neun Tagen schaffen, ohne jeglichen Puffer; Variante B, laut Plan sollten wir am nächsten Tag an eine Hütte kommen, in der wohl hin und wieder Reste von anderen Wanderern zu finden sind. Mit etwas Glück vielleicht auch noch eine Kartusche. Nach längerem Überlegen und einem Abendessen mit einem leicht bitteren Beigeschmack (eine passende Kartusche hatten wir ja zumindest) entschieden wir uns für Variante B. Sollten wir kein Glück haben, wollten wir in der Hütte das weitere Vorgehen planen. Dass wir an jenem Tag stolze 22km zurückgelegt hatten, geriet dabei leider ein wenig ins Hintertreffen. Entsprechend unruhig schlief ich in jener Nacht dann auch, die anfängliche Euphorie war schließlich recht unsanft auf dem harten Boden der Realität aufgeschlagen.

Tag 3 – Etappe 2, Qarlissuit –> Amitsorsuaq

#15

Der nächste Morgen empfing uns mit trübem und wolkenverhangenem Himmel. Dies passte ganz gut zu unserer Stimmung, da wir auch über Nacht nicht sonderlich sicherer wurden, was unsere Entscheidung anbelangt. Wir ließen es uns aber dennoch nicht nehmen, zum Frühstück einen Kaffee zu kochen und brachen unser Zelt ab. Die angebene Hütte mit dem recht simplen Namen Katiffik sollten wir, unserem Reiseführer zufolge, nach etwa 10km erreichen. Obwohl die Stimmung beim Loslaufen ein wenig gedrückt wirkte, nahmen wir dennoch diese wunderbare Natur wahr. Der Trail führte erneut an kleineren, namenlosen Seen vorbei, und stieg immer mal wieder sanft an und ab. Entsprechend entspannt verlief auch das Wandern selbst.

#16

Nach ca. anderthalb Stunden erreichten wir den See Qarlissuit, der im obigen Bild zu erkennen ist. Wir nutzten den wundervollen Ausblick und unterbrachen unsere Wanderung für eine längere Pause. Auch hier stellten wir wiederum fest, dass es auch schlechtere Stellen gibt, um eine ausgedehnte Pause einzulegen. Während wir pausierten, besprachen wir nochmal unseren Plan, so wir denn in der Katiffik-Hütte hoffentlich auf Gas stießen. Sollte dies nicht der Fall sein, stünden wir vor einem ernsten Problem. Erstmalig warf mein Kumpel aber ein, ob wir in diesem Falle vielleicht unsere gesamten Vorräte überprüfen und vielleicht darüber nachdenken sollten, dass wir unseren Gasverbrauch derartig einschränken, dass wir die Kartusche nur abends fürs Abendessen nutzen. Genaueres würden wir dann an der Hütte heraus finden.
Während der Pause fiel eine stattliche Anzahl an Mücken über uns her, die wirklich jeden Quadratzentimeter entblößte Haut zielsicher auffanden. Zwar trugen wir ein erstaunlich gut wirkendes Anti-Mücken-Spray auf, aber wer denkt schon daran, sich auch noch die Fußsohlen einzusprühen oder rechnet gar damit, dass durch den Beckengurt des Rucksacks, das Shirt angehoben wird. Dabei krochen die Mosquitos unter den Beckengurt und zerstachen mir die komplette Hüfte. Kein sonderlich angenehmes Gefühl… Rückblickend betrachtet kann man eigentlich nur den Hut vor soviel Überlebenswillen ziehen, dass sich die Viecher sogar unter den Beckengurt verkrochen, um an frisches Blut heranzukommen. Die sind echt zäh und hart im Nehmen.

#17

Nach unserer ausgedehnten Pause stiegen wir recht steil abwärts und näherten uns dem im Bild zu erahnenden Verbindungsflusslauf des Qarlissuit und einem kleinen unbenannten See, hier im Bild zu sehen. Laut Reiseführer stellt der Verbindungsbachlauf Wanderer vor die Herausforderung, das erstemal die Wanderschuhe auszuziehen und sich fürs Furten bereit zu machen. Etwa knietiefes Wasser sollte uns erwarten, wobei der Bachlauf durch große Steine nicht ganz einfach zu queren sei.
Das umgebende Gebiet um den herausfordernden Bachlauf empfiehlt sich übrigens als hervorragende Zeltgelegenheit. Es gibt ebene Plätze und direkten Zugang zu frischem Wasser. Sollte ich noch mal in den Genuss kommen, den Wanderweg zu laufen, steht diese Stelle für eine Übernachtung ganz weit oben.

#18

Dies ist nun eine Aufnahme des “knietiefen” Flusses. Das Gewässer erweckte bei näherer Betrachtung nicht den Eindruck, dass er zu unterschiedlichen Jahreszeiten höhere Wasserstände aufweist. Die Vegetation rundherum war intakt und wir kamen trockenen Fußes und sehr einfach auf die andere Seite. Uns erwartete nun ein längerer aber nicht sehr steiler Anstieg, den wir recht gut gelaunt unter die Füße nahmen. Auch hier kamen wir wieder recht gut voran, wobei ich diesmal auf meine Wanderstöcke verzichtete, da mir die Kriechweiden zu häufig die Stöcke festhielten, so dass es mehr Kraft kostete, die Stöcke nachzuziehen als man durch deren Gebrauch einsparte. Nach etwa anderthalb Stunden und einer kurzen Trinkpause erreichten wir einen Rastplatz, der ob seiner Aussicht zu einer ausgedehnteren Pause einlud.

#19

Zu sehen ist der westliche Ausläufer des Qarlissuit, an dessen Ufer wir zunächst absteigen würden, um dann auf den Rücken hinaufzuklettern, der auf der linken Seite den See Amitsorsuaq zum Teil verdeckt. Nach dem folgenden Abstieg des Rückens sollten wir im Anschluss an die Hütte Kattivik gelangen, in der ja, laut Reiseführer hoffentlich Gasreste auf uns warten würden. Nach dem wir den Ausblick hinreichend genossen hatten, schnallten wir uns die Rucksäcke auf den Rücken und machten uns, auch ein wenig aufgeregt, auf, die letzten drei Kilometer zur Hütte zu erwandern.
Laut unserem Reiseführer sollte der Weg einfach zu finden sein, da nach dem Erklimmen des Rückens wohl ein gut sichtbarer Pfad und auch ein Steinmännchen den Abstieg zur Hütte zeigt. Also folgten wir bedenkenlos dem Pfad und stiegen kurioserweise immer höher hinauf, bis sich der Pfad an einer Felswand verlor und wir zwar einen schönen Blick über den Amitsorsuaq erhaschten, aber keine Möglichkeit des Abstiegs fanden. Unsere rudimentären Orientierungssinne auf das im Buch abgedruckte Foto angewandt, ließen in uns die Ahnung aufsteigen, dass wir die Felswand nicht zur Rechten, sondern zur Linken haben sollten. Der Vergleich mit dem GPS-Track schaffte Gewissheit. In unserem Glauben, dem richtigen und erwähnten “gut sichtbaren” Pfad weiter zu folgen, kamen wir vom Weg ab. Kurz machten wir unserem Ärger ein wenig Luft und zweifelten zunächst an unseren Lese- und Orientierungsfähigkeiten. Wir liefen ein gutes Stück unseres Weges zurück und kämpften uns ein wenig durchs Unterholz, bis wir schließlich an einen Felssturz kamen, von welchem man die Hütte aus sah. Dort fanden wir dann auch wieder ein Steinmännchen. Uns erschloss sich jedoch auch im Nachhinein nicht, wo wir falsch abgebogen waren. Im Verlauf der Wanderung trafen wir auf weitere Wanderer, die ein ähnliches Schicksal ereilte und die ebenfalls vor dieser Felswand standen, als sie dem “gut sichtbaren” Pfad folgten. Der Abstieg zu Hütte und See über den Felssturz stellte kein großes Problem dar, unsere Anspannung jedoch stieg je dichter wir der Hütte kamen.

#20

Die Hütte Katiffik. Mit großen Schritten erreichten wir die Hütte. Wir ließen unsere Rucksäcke fallen und rannten ins Innere. Dort fanden wir nach kurzer Suche tatsächlich eine passende Gaskartusche; einziger Nachteil, sie war komplett leer. Nach etwas intensiverer Suche stießen wir auf eine weitere Kartusche, aber auch diese verfügte über keinerlei Inhalt. Da die Hütte selbst recht klein ist, schlossen wir unsere Suche nach etwa 20 Minuten ohne Erfolg ab. Es war schlicht nichts vorhanden. Darauf zog ich mich kurzzeitig für eine Zigarette an die Wand der Hütte zurück, während mein Kumpel einen neuen Plan schmiedete. Nach dem ich das Rauchen beendete, setzten wir uns zusammen und mein Kumpel erklärte mir seinen Plan. Er schlug vor, sämtlichen Proviant aus den Rucksäcken zu holen, um einen Überblick zu bekommen, was genau wir zusammen eigentlich an Nahrung mit uns führen. Die Idee war, den Gasverbrauch auf das Abendessen zu beschränken, das Frühstück mit Riegeln, Schokolade und Müsli zu bestreiten. Gleichzeitig würden wir unbrauchbare Sachen (wie etwa meine knapp 2,5kg 5-Minuten-Terrine) in der Hütte zurück zu lassen. Ebenso weitere Mahlzeiten, die wir als Reserve dabei hatten. So würde sich das Gewicht unserer Rucksäcke reduzieren und wir wären in der Lage den Trail in den Etappenvorschlägen unseres Reiseführers zu erwandern. Voraussetzung wäre, dass wir noch am gleichen Tag einen Teil der an der Hütte beginnenden vierten Etappe weiter wandern würden. Damit würden wir zwar unser Wandererlebnis nicht unerheblich einschränken, andererseits klang “umkehren” auch nicht grade verlockend. Da die Uhr grade erst drei Uhr Nachmittag anzeigte, einigten wir uns darauf, dass wir am nächsten Morgen entscheiden würden, ob wir tatsächlich den Trail nach Sisimiut weitergehen. Ich wollte die Entscheidung gern davon abhängig machen, wie weit wir an diesem Tag noch kämen und wie es uns am nächsten Morgen ginge; insbesondere ohne die Möglichkeit morgens einen Kaffee zu trinken. Als wir unsere Sachen zusammenräumten, traf ein Wanderer aus der uns entgegengesetzten Richtung an der Hütte ein. Wir erzählten von unserem Malheur und er bot uns direkt an, an jenem Abend seinen Kocher mitbenutzen zu können. Er hat leider am Morgen seine überzählige Kartusche in der Hütte zuvor zurückgelassen. Wir nutzten noch ein wenig die Möglichkeit mit ihm zu plaudern und ihm Informationen über das nächste Stück zu entlocken. Nach seiner Aussage stellt der Pfad am Seeufer entlang keine großen Hindernisse bereit. Mit etwas Geschick und Ausdauer sei der Weg sehr gut machbar. Dies verstärkte unseren Mut und auch unsere Entschlossenheit, weiter zu gehen und herauszufinden, wie weit wir auf der vierten Etappe unseres Buches kommen würden. Der Wanderer wünschte uns alles Gute, gab uns noch den Tip, dass diese gefriergetrockneten Mahlzeiten notfalls auch mit kaltem Wasser essbar seien. Danach setzten wir unseren Weg entschlossen fort, wobei die Unsicherheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, sich irgendwo im Hinterkopf tief einnistete und sich gelegentlich auch mal zu Wort meldete.
Unser konkreter Plan besagte nun, von der 11,5km langen, vierten Etappe noch 6-8km weiterzugehen, nachdem wir bisher etwa 11km gelaufen waren. Die ersten Schritte gingen erstaunlich leicht vonstatten, runtergerechnet reduzierte ich das Gewicht meines Rucksackes um etwa 4kg, was sich sehr deutlich bemerkbar machte und bei mir das Gefühl der Entschlossenheit auf den nächsten Kilometern nicht unwesentlich verstärkte.

Nachtrag zu Tag 3.

Nach einem recht entspannten Marsch von etwa 2km am Seeufer des Amitsorsuaq entlang, trafen wir, laut unserem Reiseführer, auf eines der größten Hindernisse auf dem gesamten Arctic Circle Trail. Ein riesiger Felssturz sollte durchquert werden, wobei dies wohl mit einem großen Wanderrucksack auf dem Rücken eine ziemliche Herausforderung werden würde. Weiter gab unser Reiseführer an, dass man bei erfolgreicher Querung, ohne Ausflug in das sehr kalte Seewasser, gewissermaßen stolz auf sich und seine Leistung sein dürfe. Am Felssturz angekommen stellte sich zwar durchaus die eine oder andere Kletteraufgabe, worin nun aber genau der extreme Schwierigkeitsgrad liegen sollte, erschloss sich uns nicht. Zwar glichen wir bei unserer Kletterei sicher keinem leichtfüßigen Rentier, aber dass man einen unfreiwilligen Ausflug ins Seewasser hätte machen können, fanden wir nicht. Im Anschluss ging es noch für weitere 5km am Seeufer entlang, bis wir nach einer Biegung eine Landzunge erspähten, die laut Karte und Reiseführer, wohl gute Zeltgelegenheiten bot. Zwischenzeitilich rasteten wir noch kurz an einem wunderschönen Sandstrand, bis wir auf der angepeilten Landzunge schließlich ein leuchtendes Zelt ausmachten.
Als wir die Landzunge erreichten, fanden wir einen recht geräumigen Zeltplatz vor, auf dem bereits zwei Zelte standen. Da wir recht spät eintrafen und unsere Nachbarn auch keinen sonderlich gesprächigen Eindruck machten, bauten wir recht flott unser Zelt auf und bereiteten unser Abendbrot zu. Gleichzeitig hielten wir kurz Kriegsrat, ob wir den Weg nun wirklich weiter gehen sollten, oder doch besser umdrehten. Wir vertagten eine endgültige Entscheidung auf den nächsten Morgen. Im Anschluss zauberte mein Kumpel, zum Zwecke der Gewichtsreduktion, zwei Dosen Bier aus seinem Rucksack hervor. Passenderweise der Marke Bölkstoff mit dem großartig treffenden Aufdruck “Überlebensdose”. Außerdem überraschten wir uns gegenseitig mit kleinen, eingepackten Aufmerksamkeiten der jeweiligen Freundin. So entwickelte sich der Abend zu einem kleinen Fest der Rührseligkeit, allerdings nur im positiven Sinne des Wortes. Im Anschluss krabbelten wir in unsere Schlafsäcke und noch in der Nacht stand mein Entschluss, ob weitergehen oder nicht, im Prinzip fest.

Tag 4 – Etappe 3, Zum Abfluss des Amitsorsuaq

#21

Am nächsten Morgen fielen wir sehr früh aus unseren Kojen und die aufgehende Sonne tat ihr Übriges, uns einen wundervollen Start in den Tag zu schenken. Noch bevor in irgendeiner Art und Weise an Frühstück zu denken war, kramte ich meine Kamera hervor und genoß dieses traumhaft weiche Licht am Seeufer. Dabei hing ich auch kurzzeitig noch in Gedanken fest, was meine Entscheidung zur Tour anging, letztlich waren wir uns aber einig; wir würden weitergehen. Da wir im weiteren Verlauf noch an der ein oder anderen Hütte vorbei kommen, bestünde durchaus eine realistische Chance, Gas zu finden. Auf dieser Hoffnung begründet, trennte ich mich auch nicht von meinem Kaffeevorrat, sondern trug diesen tapfer weiter mit mir durch die grönländische Wildnis. Mal davon abgesehen, dass der Fairtrade-Instant-Kaffee auch keine 200g auf die Waage bringt.

#22

So sah unser Zeltplatz aus. Rechts vom Bildrand campierten unsere Nachbarn, drei Franzosen. Zum dortigen Zeitpunkt verwunderte uns deren Ausmaß an Ausrüstung noch sehr. Besonders der hinter einem Zelt geparkte Trolley. Später erfuhren wir von anderen Wanderern, dass die drei Franzosen tatsächlich mit Rucksack und Trolley über den Arctic Circle Trail wanderten. Das Ausmaß an Ausrüstung und Gewicht muss dabei enorm gewesen sein. Zumal jeder An- und Abstieg dreifach bewältigt werden wollte. Das erste Mal allein mit Rucksack, das zweite Mal mit dem Gepäck des Trolleys und das dritte Mal mit dem Trolley selbst. Ich glaube, ich hätte bereits beim ersten Hügel das Ding stehen gelassen und meine Ausrüstung reduziert. Aber die drei waren mit ihrer Entscheidung wohl zufrieden und glücklich. Wie lange sie für den Weg brauchten, erfuhren wir jedoch nicht. Und was genau sie alles mit schleppten, erschloss sich uns auch nicht. Möglicherweise eine komplette Küche? Inklusive Generator und Mikrowelle? In späteren Hütten stießen wir nämlich auf zurückgelassenes Mikrowellenessen…

#23

Während wir nach erfolgter kurzer Fotosession uns schließlich unserem ersten Frühstück ohne Kaffee zuwandten, tauchte auf einmal am Hang über unserem Zeltplatz ein stattliches Rentier auf. Dies ließ sich so ziemlich gar nicht aus der Ruhe bringen, auch nicht, als einer der Franzosen ziemlich geräuschvoll aus seinem Zelt stieg. Auf unseren Hinweis hin, krabbelte er nahezu lautlos zurück in sein Zelt und kramte seine Kamera hervor. Er bedankte sich in Zeichensprache für unseren Tipp und begann nun seinerseits Fotos von diesem Tier zu machen. Ich schenkte mir die Versuche einer Aufnahme, da ich nicht über ausreichend Brennweite verfügte, ein halbwegs vernünftiges Bild zu erstellen. Einer der drei Momente, in denen ich meine Reduktion auf 16mm und 50mm doch ein wenig bereute.
Im Anschluss versicherten wir uns noch mal gegenseitig, dass wir nun wirklich weiter gehen würden und setzten sodann unseren Plan auch in die Tat um. Für diesen Tag standen nun etwa 18km Wanderung auf dem Zettel, wobei wir uns immer am Seeufer halten würden. Ein weiteres kleines Highlight auf dem Weg stellt das Kanu-Center dar. Eine große und geräumige Hütte, die dem Versuch entstammte, am Amitsorsuaq touristische Aktivitäten zu etablieren. Aufgrund der Abgeschiedenheit verwarf man die Idee des Kanuverleihs wieder, ließ aber Hütte und auch Kanus zurück, die Wanderer des Arctic Circle Trails kostenlos nutzen dürfen. Unser Tagesziel lag noch etwa 3-4km hinter dem Kanucenter, am Ende des langgezogenen Sees, wobei dieser Endpunkt des Sees auch mit dem Endpunkt der fünften Etappe unseres Reiseführers zusammenfiel. Von dort aus wollten wir der Etappeneinteilung unseres Buches folgen und sollten demnach nach sieben Tagen Sisimiut erreichen.

#24

Den gesamten Tag führte uns der Trail stetig am Ufer des Amitsorsuaq entlang, wobei wir hier glücklicherweise von Kriechweiden und ähnlichem Gewächs weitestgehend verschont wurden. So strahlend wie der Tag begann, blieb uns die Sonne den kompletten Tag erhalten. So zeigte sich uns der See in den verschiedensten Grüntönen und auch die übrige Vegetation präsentierte sich von ihrer schönsten Seite. Mit den erleichterten Rucksäcken wanderten wir frohen Mutes durch die Wildnis, auch dadurch ein wenig befreit, dass wir nun endgültig eine Entscheidung getroffen hatten.

#24a

Das Panorama entstand an gleicher Stelle, nur dass ich dies mit der eingebauten Funktion der Kamera aufnahm und die Qualität mich nicht sonderlich glücklich macht. Dennoch ist es für einen kleinen Überblick vielleicht ganz geeignet.

#25

Während des Wanderns gelangte ich zu dem Eindruck, dass wir recht gut voran kamen und überprüfte immer wieder unsere Position mit Hilfe der Karte. In der Ferne meinte ich nach etwa zwei Stunden bereits das Kanucenter ausfindig gemacht zu haben, da die vielen kleinen Landzungen und Einschnitte im See diesen Eindruck untermauerten. Als wir dann aber doch ein wenig überrascht über unsere scheinbare Wanderleistung waren, warf ich zur Kontrolle einen Blick auf das GPS. Und siehe da, von unserer Position aus war das Kanucenter noch nicht mal im Ansatz zu entdecken. Und völlig konträr zu unserer Annahme, kamen wir eher langsam als zügig voran, da noch gute 10km bis zu besagter Hütte vor uns lagen. Diese Erkenntnis verdeutlichte mir einmal mehr, dass mein Orientierungssinn kaum Anlass zu Optimismus bietet und ich besser vom Schlimmsten ausgehen sollte, um nicht zu heftig enttäuscht zu werden. Im Bereich Navigation mit Karte und Kompass werde ich mich wohl in Zukunft noch ein wenig weiterbilden müssen.
Nach diesem kurzen Realitätsabgleich entdeckte mein Kumpel an einer der vielen Landzungen ein metallisches Funkeln im Sonnenlicht. Meines Optimismus beraubt, dämpfte ich die Erwartung, vielleicht doch eines der zurückgelassenen Kanus zu finden. Mit diesen verknüpften wir die Erwartung, den Weg zum Seeende ein wenig zu verkürzen und schneller voran zu kommen. Zumal ich mir nicht vorstellen konnte, weshalb jemand so ziemlich bei der Hälfte des Sees so ein Kanu hätte zurücklassen sollen.
Als wir uns dem Funkeln immer weiter näherten und die Umrisse deutlicher wurden, stellte sich das Glitzern aber schlussendlich doch als Kamu heraus. Dieses lag an dem kleinen Strand, welcher im Bild zu erkennen ist.

#26

Wir ließen unsere Rucksäcke fallen, stapften voller Vorfreude durch das Gestrüpp zum Kanu und unterzogen es einer eingehenderen Inspektion. Dabei fiel zunächst an der Unterseite auf, dass bereits einige Stellen behelfsmäßig mit reichlich Panzertape geklebt worden waren. Als wir das Boot umdrehten fielen uns vier muffige Schwimmwesten entgegen und zwei Holzkonstruktionen, die nur mit Mühe als Paddel zu identifizieren waren. Dennoch unternahmen wir eine Testfahrt auf dem Wasser des Sees, umso unseren Weg möglicherweise zu vereinfachen und zu beschleunigen. Gänzlich unerfahren in Sachen Paddeln bin ich glücklicherweise nicht, immerhin wuchs ich in der Nähe des Spreewaldes auf und paddelte schon so manche Tour in den dortigen Gewässern. Diese großen Metallboote verhielten sich jedoch völlig anders, als ich es bisher kannte. Zunächst einmal reichte unsere Masse kaum aus, das Kanu zumindest so weit ins Wasser zu drücken, dass es einigermaßen ruhig und stabil lag. Es lag aber immerhin tief genug im Wasser, um in erstaunlich kurzer Zeit, den Boden des Bootes soweit volllaufen zu lassen, dass unsere Rucksäcke mit ziemlicher Sicherheit reichlich Wasser aufgesogen hätten. Da die Behelfspaddel (alte Besenstiele mit abenteuerlich vertauten, halb vergammelten Holzbrettern) kaum dazu beitrugen, dass Boot halbwegs planbar zu manövrieren, drehten wir nur eine sehr kurze Runde auf dem See und beschlossen, den Weg lieber zu Fuß fortzusetzen. Die Gefahr, mit dem Boot zu kentern und ein unfreiwilliges Bad im Seewasser zu nehmen, schätzten wir nicht als so katastrophal ein, wie die Gefahr, dass unsere Rucksäcke bei einer möglichen Drehung entweder komplett absaufen würden oder zumindest jeglicher Inhalt für den Rest der Wanderung durchnässt wäre. Bei unserem bisherigen Glück wollten wir das Schicksal nicht weiter herausfordern, denn einen weiteren Rückschlag konnten wir uns nicht unbedingt leisten. Nichtsanhnend, dass uns ein weiterer kleiner Nackenschlag, bereits noch am selben Abend erwarten würde, machten wir uns dennoch frohen Mutes wieder auf den Weg. Immerhin sorgte der Kanufund für ein wenig Abwechslung.

#27

Nach dem wir meinen Fauxpas hinsichtlich der Navigation bemerkten, sahen wir uns noch einigen Kilometern mehr am Seeufer ausgesetzt, als wir eigentlich erwarteten. Wie man auf den Bildern auch unschwer erkennen kann, schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel auf uns herab und sorgte alsbald dafür, dass wir uns nach einem Schattenplätzchen sehnten, in dem wir einen kurzen Moment rasten könnten. Da es in der arktischen Natur aber keinerlei Bäume gibt und die Sonne auch derartig hoch am Himmel stand, dass kein Hügel oder Felsvorsprung ausreichend Schatten warf, liefen wir mit kurzen Trinkunterbrechungen einfach weiter. Die entstehende Wärme sorgte wiederum dafür, dass wir immer langsamer voran kamen und die direkte Sonneneinstrahlung langsam aber sicher Wirkung zeigte. Nach dem wir endlich die Landzunge erreichten, von welcher aus das angesprochene Kanucenter zu sehen sein sollte, waren wir beide durch die Sonne schon ordentlich rot im Gesicht. Glücklichweise erspähten wir von der etwas exponierten Landzunge aus, eine kleinere Steilwand direkt am See, die ausreichend Schatten für eine ausgedehntere Pause spendete. Da sich die Wand direkt am Ufer befand, sorgten wir zunächst für ausreichend Flüssigkeitszufuhr durch das ungemein wohlschmeckende Seewasser und kühlten uns dann für eine gute halbe Stunde im Schatten etwas ab. Meinen Kumpel hatte die Sonne dabei wohl etwas stärker zugesetzt, da er erst recht spät auf die Idee kam, sich sein Mosquitonetz mit Hütchen über den Kopf zu ziehen. Ich hatte ja wenigstens meine Mütze. Wer hätte das gedacht, man begibt sich in Grönland auf Wandertour, wird dabei immer wieder nach Eisbären gefragt, die größten Schwierigkeiten stellten aber (vorerst) eine fehlende Gaskartusche und die sengende Sonne (!) dar.

#28

Ich springe kurz ein Stück in der Chronologie der Bilder, da mir erst zuhause auffiel, dass ich nicht ein Bild des Kanucenters aufgenommen habe. Hier nun eine Ansicht der sehr großen und geräumigen Hütte aus etwas Entfernung… Eher ein Suchbild. Die Hütte selbst empfing uns recht gut ausgestattet mit einigen Holzpritschen inklusive Matratzen. Auf unserer Suche nach zurückgelassenen Gaskartuschen, stießen wir auf eine ansehnliche Anzahl passender Behältnisse, allerdings bar jeden Inhalts. Wieder kein Glück. Immerhin stießen wir aber auf ein frisches Teelicht und, nach etwas Suchen, auf eine Art Plastikvase. In diese sägten wir kurzerhand zwei Löcher, schoben das Teelicht entzündet hinein und stellten einen Topf mit Wasser oben drauf. Da uns klar war, dass unsere Wasserkochvorrichtung ein wenig Zeit brauchen würde, legten wir uns, mit unseren Isomatten als Unterlage, auf die Holzpritschen. Ich frönte vor der Hütte noch kurz meinem Laster, dem Rauchen, wurde dabei fast von der Hitze erschlagen, und es dauerte mit Sicherheit keine drei Minuten und wir schliefen tief und fest ein. Das Innere der Hütte nahm die Hitze von außen und die Sonneneinstrahlung kurioserweise so gut wie gar nicht auf, so dass wir nach gut einer Stunde erholsamen Schlafes ziemlich durchgefroren aufwachten. Verrückte Welt. Eine kurze Überprüfung unseres provisorischen Wasserkochers ergab tatsächlich genug warmes Wasser für zwei Tassen Kaffee! Mit unserem edlen Gebräu in den Händen tappste ich nach draußen auf die Veranda um mich von der Sonne ein wenig aufwärmen zu lassen.

#29

Während meiner Pause von unserer Pause, tauchte wie aus dem Nichts dieser Geselle vor der Hütte auf. Er entdeckte mich zwar ziemlichlich schnell, ließ sich dabei aber nicht in seiner Fresslaune beirren. Selbst als ich vorsichtig meinen Kumpel nach draußen rief, futterte das Rentier ungestört weiter und ließ sich auch mehrfach ablichten. Nach etwa 10 Minuten verflog unsere anfängliche Faszination ein wenig, so dass wir anfingen recht geräuschvoll unsere Rucksäcke zusammenzupacken. Reaktion des Rentiers: Weiter futtern. Es kam schließlich ein Grönländer zur Hütte, mit keinem weiteren Gepäck als einer Spriteflasche, mit dem wir leider in keine Konservation kamen, aber auch dies schreckte das Tier nicht im Entferntesten auf. Selbst als wir uns, nach unserer längeren Pause etwas mühsam, in Bewegung setzten, ignorierte uns das Tier zunächst noch. Als wir ihm auf unserem Pfad fast schon bedenklich nahe kamen, schreckte es auf und lief in unsere Laufrichtung davon, bis es schließlich merkte, dass es uns so nur schwerlich aus dem Wege gehen konnte. Es lief dann einen Bogen, kehrte zur Hütte zurück und widmete sich wieder gänzlich der Nahrungsaufnahme. An der Stelle, an der Bild #28 entstand, trafen wir zwei weitere Grönländer, Vater und Sohn. Diese warnten uns zunächst vor dem schlammiger werdenden Pfad. Als wir unsererseits fragten, wohin sie ihr Weg führte, gaben sie zur Antwort: Zur Rentierjagd. Scheinbar kein sonderlich schwieriges Unterfangen, oder wir erwischten ein akut suizidales Tier.

#30

Nach dem grönländischen Vater-Sohn-Gespann kamen uns noch vier weitere Wanderer entgegen. Diese wirkten sichtlich ermüdet, da, nach ihrer Aussage, der Weg aufgrund des ganzen Morastes wohl sehr anstrengend sei. So erhielten wir einen kleinen Vorgeschmack auf die kommenden Tage und die damit verbundenen Herausforderungen. Für diesen Tag sollte es für uns am Ende des Sees aber genug sein, so dass wir uns nach einem geeigneten Lagerplatz umsahen. Dabei stießen wir auf einer kleinen Anhöhe auf ein Holzgerüst, dessen Funktion sich uns aber nicht erschloss. Da der Untergrund vor diesem Gerüst aber sehr eben war, schlugen wir unser Zelt dort auf. Laut unserem Reiseführer sollte es wohl am Ende des Sees eine kleine Insel geben, die ebenfalls hervorragende Zeltgelegenheiten bietet, wohl aber nur mit einem der Kanus zu erreichen gewesen wäre. Wie sich dann herausstellte, befanden wir uns auf eben jener Insel, nur dass durch den trockenen Sommer der Wasserspiegel des Sees soweit fiel, dass wir trockenen Fußes auf die kleine vorgelagerte Insel gelangten.
Beim Zeltaufbau hielt unsere Pechsträhne an, da nun eine der Steckverbindungen einer Zeltstange sich so verschob, dass sich das letzte Glied der Zeltstange nicht mehr arretieren ließ. Glücklicherweise verfügten wir über eine Reperaturhülse, so dass das Zelt leidlich stabil stand. Dennoch war dies äußerst unangenehm, da es sich nicht einschätzen ließ, inwiefern die Zeltstangen nicht auch an anderer Stelle nachgeben könnten. Als Glück im Unglück lässt es sich wohl bezeichnen, dass die kaputte Stelle am letzten Glied des Gestänges auftrat. Nicht etwa in der Mitte. Im Anschluss kochten wir uns ein wenig entnervt unser Abendessen und verkrochen uns recht bald im Zelt, da ein unangenehmer Wind aufkam, der zum einen feinen Sand aufwirbelte, der in jede Ritze drang und zum anderen für eine sehr rasche Abkühlung sorgte.

Tag 5, Etappe 4, Abfluss des Amitsorsuaq –> Hütte Ikkatooq

#31

Unser Zeltplatz im Lichte der morgendlichen Sonne. Für diesen Tag stand die erste “schwere” Etappe unserer Tour an, so man denn der Einteilung unseres Reiseführers Glauben schenken mochte. Die Route würde uns am Abfluss des Sees entlang führen, wobei es ein stetig bergab führendes Flusstal zu durchqueren galt. Im Anschluss erwartete uns ein Anstieg von etwa 350hm auf knapp 3 Kilometern. Trotz dieser Aussichten wanderten wir guter Dinge los und ließen den wunderschönen See alsbald hinter uns.

#32

Die Navigation in diesem Flusstal sollte laut Reiseführer wohl komplizierter werden, da es kaum Steinmännchen gibt und sich der Pfad immer stärker in der Graslandschaft verliert. Beides bestätigte sich nicht. Bis auf den Morast des Pfades kamen wir erstaunlich gut voran und auch die Orientierung stellte uns kaum vor Herausforderungen. Das Wetter spielte im Vergleich zum Vortag keine strahlende Rolle mehr, wobei es immerhin trocken blieb. Im Hintergrund der Aufnahme lässt sich bereits ein weiterer See erkennen, an welchem wir ebenfalls entlang laufen würden und welcher ziemlich genau auf Höhe des Meeresspiegels liegt. Dort angekommen, erwartete uns der erste wirklich ernstzunehmende Anstieg.

#33

Nach dem wir das, laut unserem Reiseführer “sehr sumpfige”, Flusstal durchquert hatten, kamen wir an einen kleinen Aussichtspunkt, der einen wundervollen Blick über den See Kangerluatsiarsuaq bot. Als wir den Aussichtspunkt erreichten, setzte allerdings Wind ein, so dass die kurz vorher noch perfekt spiegelnde Oberfläche des Sees leider gestört wurde, bevor ich ein Bild aufnehmen konnte. Dieser Rentierschädel mit Geweih sorgte dann aber noch für ein einigermaßen witziges Foto, welches ich einfach mal mit einstelle, für die Liebhaber der Känguruhchroniken.
Im weiteren Verlauf des Weges liefen wir ein Stück am Seeufer entlang und sahen uns mit einem kurzen und knackigen Anstieg konfrontiert, der über eine kleine Halbinsel führte. Am Fuße der Halbinsel sollte uns ein Sandstrand erwarten, der auch als hervorragender Zeltplatz ausgewiesen wurde. Uns gab der kleine aber doch ziemlich happige Anstieg einen Vorgeschmack, auf das, was uns nach dem Sandstrand erwartete.

#33a

#34

Tatsächlich trafen wir nach dem knackigen Auf- und Abstieg auf diesen wunderschönen Strand, der eigentlich überhaupt nicht in die Natur und die Umgebung passte. Wir nutzten diese Gelegenheit und unterbrachen unsere Wanderung für eine längere Mittagspause, da sich nun auch noch ohne jede Vorankündigung die Sonne urplötzlich durch die Wolken kämpfte. So lagen wir bei angenehmen 15°C am Sandstrand, die einzigen Geräusche bildeten das leise Plätschern des Sees und eine gelegentliche Mücke, auf der Suche nach Nahrung. So verdösten wir etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde, bis sich eine Gruppe von fünf Menschen aus der Landschaft löste und auf den Strand zuhielt. Durch aufgefangene Gesprächsfetzen entnahmen wir die Information, dass es sich bei den fünf Personen um Franzosen handelte, die aber an keiner Kontaktaufnahme interessiert zu sein schienen. Sie taten es uns aber gleich und nutzten den wundervollen Platz um eine ausgedehntere Rast einzulegen.
An dieser Stelle beschlich mich zum ersten Mal das Gefühl der Verärgerung wegen der falschen Kartuschen, denn an jenem Platz hätte ich liebend gern das Zelt aufgeschlagen und die Ruhe genossen.

#35

Nach einer guten Stunde erhoben wir uns schließlich mit einem weiteren, sehr häufig verwendeten Satz: “Auch die schönste Pause geht halt mal zu Ende.” Direkt vor uns lag nun ein Anstieg von 350hm auf knapp 3km. Klingt nicht fürchterlich herausfordernd und die obige Aufnahme verdeutlicht den Höhenunterschied auch nur sehr unzulänglich. Dennoch wuchs unser Respekt vor diesem Teilstück mit jedem Meter, dem wir der Felswand näher kamen. Man kann den Pfad zur Wand zunächst ganz gut im Bild erkennen, dieser führt relativ schnörkellos direkt den Hang hinauf. Nur im oberen Teil kraxelt der geneigte Wanderer dann etwas entspannter nach links und dann weiter hinauf. Dabei brachte uns ein weit oben auf dem Hang erkennbares Steinmännchen zumindest einen kleinen Motivationsschub, auch wenn das Größenverhältnis den Höhenunterschied verdeutlichte und unseren Respekt noch ein wenig wachsen ließ.

#36

Erstaunlicherweise ging der Aufstieg besser vonstatten, als wir zunächst annahmen. In kurzen aber intensiven Intervallen erklommen wir den Berg in für uns überraschender Geschwindigkeit. Oben angekommen erhielten wir als Belohnung einen absolut phantastischen Blick über das umliegende Gelände und den See Tasersuaq. Da uns der Wettergott hold blieb, kam uns eine erstaunliche Weitsicht zugute, die den Eindruck der grandiosen, weiten Landschaft noch einmal verstärkte. Rechts im Bild, zwischen Bergflanke und See blitzt übrigens der Sandstrand auf, an dem wir zuvor ausgiebig rasteten. Von diesem Punkt aus erwartete uns nun knappe 8km stetes Auf und Ab in einer wunderschönen Fjälllandschaft. Nach dem wir schließlich wieder etwas besser Luft bekamen, setzten wir unseren Weg entlang zahlreicher, kleinerer Seen fort.

#37

Ursprünglich waren wir der Meinung, dass wir nach dem Anstieg die größte Herausforderung gemeistert hätten, das beständige Auf und Nieder belehrte uns aber recht schnell eines Besseren. Da sich auf der Ebene immer wieder wunderbare Ausblicke boten, nutzten wir dies, um häufige, kurze Pausen einzulegen. Bei einer dieser Pausen entstand auch obiges Bild. Im Anschluss nutzten wir die Gelegenheit mit einem Müsliriegel unsere Energiespeicher wiederaufzuladen und unseren Weg mit der Karte abzugleichen. Dabei wuchs scheinbar aus dem Nichts ein stattliches Rentier keine 10 Meter von uns entfernt aus dem Boden. Nahezu zeitgleich blickten wir uns gegenseitig sichtlich erschrocken in die Augen. Weder hatten wir mit einem Rentier dort oben gerechnet, noch das Rentier mit uns Menschen. Für einen kurzen Moment herrschte völlige Stille und ich ratterte im Hirn fieberhaft diverse Möglichkeiten durch, sollte das Rentier der Meinung sein, uns nicht zu mögen. Das Geweih des Tiers war im Übrigen auf diese kurze Distanz schwer beeindruckend. Glücklicherweise entschied sich das Tier aber für Weiterlaufen und tauchte im weiteren Verlauf des Weges immer mal wieder vor uns auf, diesmal aber aus wesentlich größerer Distanz. Die Rentierjagd scheint in Grönland wirklich keine sonderlich herausfordernde Aufgabe zu sein.

#37a

An jenem Rastplatz erstellte ich ein weiteres Panorama, welches allerdings in Miniaturgröße kaum etwas erkennen lässt. Daher am besten einfach auf das Bild selbst klicken.

#38

Nach etwa zwei bis drei Stunden erreichten wir  diesen wunderschönen Punkt, von welchem aus, mit Adleraugen, wohl die Hütte sichtbar sein sollte, die das Etappenziel markierte. Mein Kumpel konnte diese auch in der Tat erkennen, meine Augen jedoch versagten auf diese Distanz. Als grobe Richtung blicke man bis zum Ende des recht präsenten Sees, schweife dann mit dem Blick auf das dunkle Feld ein Stück nach oben, bis sich andeutungsweise eine weitere Wasserfläche ganz klein zu erkennen gibt. Dort steht die Hütte Ikkatooq. Nun stand uns noch ein kleinerer Abstieg von 2 km bevor, bis der Weg kurz vor der Hütte nochmals anstieg. Da wir uns erneut auf unseren Reiseführer verließen, dieser versprach noch etwa eine Stunde Wanderung bis zur Hütte von unserem Punkt aus, nutzte mein Kumpel die Gelegenheit, per Satellitentelefon eine Verbindung in die Heimat herzustellen, während ich die umgebende Landschaft in mich aufsog. An jenem Punkt waren wir frohen Mutes, dass wir die erste als “schwer” bezeichnete Etappe in wirklich guter Verfassung meistern würden.

#39

Das Panorama zeigt die Umgebung und die eindrucksvolle Kulisse, in der wir uns bewegten. Da sich das Wetter, wie bereits angesprochen, von seiner besseren Seite zeigte, genossen wir auf dem nun folgenden Abstieg zunächst noch jeden einzelnen Schritt.
Mit zunehmender Strecke machte sich aber schließlich doch das Gewicht auf dem Rücken bemerkbar und die Tatsache, dass wir bereits gute 16km absolvierten. Als es in Sichtweite der Hütte noch einen letzten Anstieg zu bewältigen gab und wir keine 500m von unserem Ziel entfernt waren, verließen uns dennoch die Kräfte und wir mussten eine längere Pause einlegen. Dabei vertilgte ich auch noch meinen letzten, für diesen Tag, verbliebenen Schokoriegel um die Speicher für den Schlussspurt noch einmal aufzuladen. Dabei dehnte sich unsere Pause letztlich auf etwa eine halbe Stunde aus, bis wir uns aufrafften und auch noch die letzten Schritte bis zur Hütte in Angriff nahmen.

#40

Am Endpunkt der Etappe angekommen, verließen uns unsere Kräfte für die nächste halbe Stunde weitestgehend komplett. So registrierten wir zunächst nur am Rande den ganzen Müll in der unmittelbaren Umgebung der Hütte. Als wir nach einiger Ruhezeit wieder in der Lage waren, einen Fuß vor den anderen zu setzen, erkundeten wir zunächst die Hütte genauer. Dabei beschäftigte uns das Säubern der selbigen nahezu eine weitere halbe Stunde. Auch hier blieb unsere Suche nach Gas weitestgehend erfolglos. Lediglich eine nahezu vollständig geleerte Kartusche fand sich an, möglicherweise reichte der Rest aber für einen Kaffee am Morgen. Als wir uns nach draußen begaben, nahmen wir unsere Umgebung nun genauer wahr. Was wir vorfanden, machte uns einerseits traurig, zeitgleich aber auch wütend. Überall lag Abfall verstreut, darunter auch diverse Trekking-Mahlzeit-Tüten und Plastik in der unterschiedlichsten Ausprägung. Wirklich traurig zu sehen, wie einige Menschen mit dieser wundervollen Natur umgehen, die sie vermutlich auch nicht unter Zwang aufsuchten. Sicher ist es nicht einfach, den Müll von dieser Hütte abzutransportieren, da diese etwa auf der Hälfte des Weges zwischen Sisimiut und Kangerlussuaq liegt. Dennoch verstehe ich einfach nicht, weshalb es für Wanderer so schwierig ist, den ganzen mitgenommenen Krempel auch wieder mit nach hause zu nehmen, bzw. in einen Abfallcontainer in einer der beiden Städte zu werfen.
Diese Episode sorgte immerhin dafür, dass wir nun auch Motivation fanden, uns die Hütte herzurichten und uns unser Abendessen zuzubereiten.

#41

Später am Abend, als ich schon meine Gute-Nacht-Zigarette rauchte (es wird wohl gegen halb acht gewesen sein), bekamen wir tatsächlich noch Besuch. Ein Pärchen schlug nicht weit von der Hütte ihr Zelt auf, suchte aber keinerlei Kontakt zu uns oder erfragte gar ein Übernachten in der Hütte. Am darauffolgenden Tag erfuhren wir auch noch die Gründe ihres Verhaltens.
Mit Aussicht auf einen morgendlichen Kaffee begaben wir uns in unsere Schlafstätten, nicht ohne jedoch noch einmal den Reiseführer und die folgende Etappe zu studieren. Dabei erhielten wir die Information, dass es wohl den ersten wirklichen Fluss zu queren gilt, wobei sich dieses Furten wohl vermeiden ließe, so man denn die Brücke nimmt. Dies klang für uns zunächst sehr plausibel, ebenso wie die Aussicht, dass am darauffolgenden Tag lediglich 12,6km zu bewältigen wären. In Gedanken sponnen wir ein wenig an der Idee herum, den Weg zu verlängern und noch etwas weiter zu laufen, um so die Strapazen in den folgenden Etappen ein wenig zu entschärfen. Wir beschlossen, diese Entscheidung im Hinterkopf zu behalten und von unserer Kondition an der kommenden Hütte abhängig zu machen. So schliefen wir völlig erledigt, aber dennoch stolz auf unsere Leistung ausgesprochen schnell ein.

Tag 6 – Etappe 5 Ikkatooq Hütte –> Eqalugaarniarfik Hütte

#42

Der nächste Morgen empfing uns mit grauem Himmel und der Andeutung von Regen. Da wir aber in der Tat ausreichend Gas für zumindest einen morgendlichen Kaffee vorfanden, schockte uns das Wetter in keinster Weise. Recht schnell packten wir unsere Sachen zusammen, genossen das herrliche Aroma eines frisch aufgebrühten Kaffees und begaben uns recht früh auf die kommende Etappe. Diese wartete zunächst mit einem recht knackigen Anstieg auf uns und führte im Anschluss in stetigem Auf und Ab durch karge aber dennoch wunderschöne Fjälllandschaften. Gelegentlich sahen wir in der Ferne auch wieder ein Rentier, allerdings erlaubte der Pfad nur selten, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Da mitunter die Anstiege recht steil vor uns in die Höhe wuchsen und gelegentlich auch noch ein kleiner Bach der Schwerkraft folgend seinen Weg ins Tal suchte, gab es einige Passagen, die vor lauter Matsch arg rutschig wurden. Ein Hoch auf die Erfindung der Trekkingstöcke, wenngleich mein Kumpel mit seinen Exemplaren so seine Schwierigkeiten hatte.

#43

Immer wieder kamen wir auf unserem Weg dabei an solchen wunderschönen kleinen Tümpeln vorbei, die nicht selten einen spektakulären Ausblick auf die umgebenden Höhenzüge ermöglichten. So ginge es mit einer Vielzahl an kleineren fotografischen Unterbrechungen recht langsam voran. Was uns aber kaum störte, da die Landschaft, zumindest in meinen Augen, einfach wunderschön daher kam. Dabei passte für mich auch das eher triste Wetter recht gut ins Gesamtbild, da man sich so der Abgeschiedenheit noch mal ein gutes Stück bewusster wurde.

#44

An diesem Punkt sahen wir zum ersten Mal das Tal um den Fluss Ole’s Lakseelv. Dieses Tal galt es im weiteren Verlauf unserer Etappe zu durchqueren, inklusive des eben genannten Flusses. Wie bereits angesprochen, stellt das Furten mitunter eine große Herausforderung dar, da das Gewässer in seinen Pegelständen stark schwankt, teilweise das Durchqueren sogar unmöglich sein kann. Wie bereits angesprochen, veranlasste das Tourismusbüro Sisimut den Bau einer Brücke über den Fluss. Laut unserem Reiseführer sollte diese Brücke durch einen Pfad am Flussufer leicht zu finden sein. Die Brücke selbst beschreibt unser Meisterwerk der Reiseführer als metallene Konstruktion. Darauf komme ich an späterer Stelle noch zurück.
Um in das Tal zu gelangen, stand uns zunächst noch ein größerer Abstieg bevor, der aufgrund der Witterung und des ausgetretenen Pfades sehr schlammig und morastig daher kam. So bedurfte es eines hohen Maßes an Konzentration, nicht den Halt zu verlieren und den Abstieg auf dem Hosenboden rutschend zu vollenden. Teile des Weges säumte dabei ein nicht gänzlich unspektakulärer Abstieg, so dass es sich nicht unbedingt empfahl, den Halt zu verlieren.

#45

Nach einer spannenden Rutschpartie, erreichten wir das Tal und sogen die vielen verschiedenen Grüntöne in uns auf. Bei einem Blick zurück nahmen wir ein Wandererpaar wahr, welche in gleicher Richtung wie wir unterwegs waren. Da sie im Laufe der Wanderung nicht sonderlich zu uns aufschlossen, stieg unser Stolz auf die eigene Leistung ein wenig, da wir mittlerweile einen ganz guten Rhythmus beim Wandern fanden, mit dem wir recht zügig und dennoch entspannt voran kamen.
Als wir endgültig den Talboden erreichten, nahm meine Freude hinsichtlich der verschiedensten Grüntöne massiv ab, die Farbe resultierte aus einer Vielzahl von Kriechweiden, die mir teilweise bis zum Kopf reichten. Da wir uns zunächst aber auf einem gut zu erkennenden Pfad bewegten, nervten mich diese Gewächse bis dahin noch nicht so massiv, wie es später der Fall sein würde.
Mit jedem weiteren Schritt stieg in uns die Zuversicht, das wir heute wohl noch ein gutes Stück weiter gehen würden, als bis zur angegebenen Hütte. Wir lagen erstaunlich gut in der Zeit und die Zeiger der Uhr waren noch nichtmal bis zur Mittagszeit vorgerückt. Auch hofften wir noch immer, dass möglicherweise in der vor uns liegenden Hütte vielleicht noch weitere Gasreste auf uns warteten, so dass der morgendliche Kaffee bis Sisimiut kein Einzelfall blieb. Am Ende des Tages stellte sich heraus, dass zumindest unsere Hoffnung nicht enttäuscht wurde, im Gegensatz zu unseren Plänen.

#46

Frohen Mutes stapften wir durch das weite Flusstal und folgten dem unübersehbaren Pfad. Dieser führte uns dabei auch an diesem sinnigen Wegweiser vorbei. Während wir schon frohlockten, dass die Brücke wohl mittlerweile auch ausgeschildert ist, näherten wir uns dem Fluss. Dort angekommen, erspähten wir den Pfad, der vermutlich zur Brücke führen würde. Dennoch warfen wir einen Blick auf die Furt und den Fluss, der, mit etwas Abstand betrachtet, keine sonderlich große Herausforderung gewesen wäre. Nach kurzer Diskussion entschieden wir uns, mein Kumpel insistierte mehr als ich, unser Glück mit der Brücke zu versuchen. Laut Reiseführer, sollte ein “gut sichbarer Pfad am Flussufer” zur Brücke führen. Dieser Pfad führte uns gute 500m tatsächlich auch am Flussufer Richtung Westen. Nach diesen 500m verlor sich der “gut sichtbare Pfad” allerdings völlig im Dickicht der Kriechweiden. Zunächst kamen wir noch an dem ein oder anderen, kleineren ausgetrockneten Tümpel vorbei, wo wir menschliche Fußspuren fanden. Diese Fährten verloren sich aber endgültig, als wir dichter ans Flussufer gelangten und wie aus dem Nichts inmitten einer Feuchtwiese standen. Spätestens hier hätten wir zumindest die Idee abwägen können, umzudrehen und den Fluss zu durchqueren. Stattdessen versanken wir teilweise bis übers Knie in dem sumpfigen Untergrund, kämpften uns heraus, um dann ein wenig später wiederum bis zur Hälfte des Schienbeins im Treibsand stecken zu bleiben. Hinweise und Wegweiser, wo in etwa die Brücke sich befinden könnte, gab es weit und breit keine. Mit einigem Aufwand bestimmten wir unsere Position und glichen sie mit der Position der Brücke in der Karte unseres Reiseführers ab. Dabei stellten wir fest, dass wir noch gute 3km durch Kriechweiden gesäumte Landschaft stiefeln müssen. Auf meinem GPS-Track tauchte kurzzeitig eine Linie auf, die wohl den Wintertrack von Kangerlussuaq nach Sisimiut kennzeichnet. Leider stellten wir fest, dass auch dies keine markierte Strecke ist, sondern wohl nur ein grober Anhaltspunkt.
So standen wir buchstäblich im Nichts, während unsere Motivation langsam aber sicher den Bach runter ging. Nach einem heilsamen Moment des hemmungslosen Fluchens über die Qualität des Reiseführers, bissen wir die Zähne zusammen und schlugen uns durch das Unterholz. Richtig mulmig wurde es mir allerdings, als wir kleinere Hügel vor uns erblickten, gepaart mit der Losung von Moschusochsen. In meinem Kopf stellten sich Szenen bildlich dar, welchen Ausgang eine zufällige Begegnung mit einer Herde Moschusochsen hinter dem nächsten Hügelkamm wohl nähme. Kein sonderlich beruhigender Gedanke. Hinzu kam, dass sich das Wetter zunehmend verschlechterte und am Horizont dunkle Wolken aufzogen.

#47

Nach etwa zweineinhalb Stunden des Herumirrens in der Wildnis trafen wir schließlich auf dieses Wunderwerk der Metallbaukunst. Die hölzerne Brücke, zu der uns ein “gut sichtbarer Pfad am Flussufer” führen sollte.
Nach dem Überqueren der Brücke machten wir erneut unserem Ärger über die Autoren des Buches Luft, rasteten einen Moment und füllten unsere Energiespeicher mit allerhand Riegelfutter und Schokolade auf. Kaum dass wir uns wieder in Bewegung setzten, erwartete uns eine weitere Herausforderung. Eine etwa 15-20 Meter hohe Felswand, die es offensichtlich zu erklimmen galt. Nach einem weiteren, kurzen aber heftigen, Wutausbruch, bezwangen wir auch dieses Hindernis. Oben angekommen trafen wir nach etwa 250m erneut auf einen Wegweiser zur Brücke. Kurzzeitig überlegten wir ernsthaft, das Schild abzumontieren. In unserer Richtung hatten wir zumindest einen halbwegs sicheren Fixpunkt, auf den wir zuhielten, wie es sich in anderer Richtung verhält, konnten wir nur mutmaßen, stellten es uns aber ungleich schwerer vor. Denn sichtbar sind die Steinmännchen aufgrund ihrer begrenzten Höhe nicht. Dort oben fanden wir schließlich den Standpunkt, von welchem aus das Foto der “Metall”brücke im Reiseführer gemacht wurde. Vermutlich wurde diese Passage zur Brücke ohne große Überprüfung einfach nachträglich hinein geschrieben. In einem englischen Trailführer wird vor der Nutzung der Brücke sogar explizit gewarnt. Das hätten wir vorher wissen müssen.
In der Rückschau bleibe ich dabei, dass diese Etappe mit dieser unverantwortlichen Aussage im Reiseführer definitiv nicht zu unterschätzen ist. Der Verlag reagierte übrigens auf meine, wirklich sehr diplomatisch formulierte, E-Mail nach der Tour bis heute nicht.

#48

Der Trail führte im weiteren Verlauf stetig bergauf, ohne allerdings allzu große Steigungen bereit zu halten. Nach etwa einer Stunde des Wanderns erblickten wir die Eqalugaarniarfik Hütte. Als die ersten Tropfen aus dem nun völlig wolkenverhangenen Himmel herab fielen, kratzten wir die letzten Kraftreserven zusammen und erreichten die Hütte noch vor dem Regenguss. In der Hütte selbst begrüßte uns Eddie, ein irischer Wanderer, der es auf dem Trail in diesem Jahr zu einiger Berühmtheit brachte. Er ist den Weg nicht weniger als viermal (!) gelaufen. Zweimal in jede Richtung. Dabei unternahm er auch immer wieder Ausflüge in das Umland und sah sich dabei mit so manchem Abenteuer konfrontiert. Auf unsere Frage, wie er auf die Idee kam, den Trail so häufig zu laufen, antwortete er, dass er nach dem Studium nach Flügen in Richtung Grönland schaute und sich dabei den günstigsten Hin- und den günstigsten Rückflug buchte. Dazwischen lagen dann etwa zwei Monate.
Während wir angeregt miteinander plauderten, verflüchtigte sich auch unsere Idee, noch ein Stück weiter zu gehen. Dies lag zum einen daran, dass wir nach dem Niederschlag einfach keine Lust mehr hatten und zum anderen daran, dass Eddie sich als ein sehr angenehmer “Mitbewohner” herausstellte. Als wir ihm unsere Geschichte hinsichtlich des Gases erzählten, zauberte er aus seinem Rucksack eine halbvolle Kartusche hervor, die er definitiv nicht mehr brauchen würde, er sie uns also überließ. Welch Freude, nach so einem gebrauchten Tag!
Während wir beisammen saßen und miteinander redeten, trafen unsere Verfolger an der Hütte ein. Ein tschechisches Paar, die ihren Urlaub eigentlich eher kletternd in Felswänden verbringen. Auch diese beiden entpuppten sich als sehr angenehme Hüttengenossen. Sie erklärten uns dann auch, warum sie am Abend zuvor keinen Kontakt mehr mit uns aufnahmen. Sie hatten die Strecke vom Kanucenter bis zur Hütte hinter sich, also noch mal ca. 4km mehr als wir (Zusammengerechnet dürften das etwa 24km gewesen sein). Die beiden waren wohl nur noch dazu in der Lage, das Zelt aufzubauen, ihr Essen zu kochen und dann schlafen zu gehen.
Nach einiger Zeit traf auch noch eine komplette tschechische Familie an der Hütte ein, welche in entgegengesetzter Richtung unterwegs war. Diese schafften es nicht mehr rechtzeitig vor dem Regenguss unterzukommen und tappsten dementsprechend in die Hütte wie begossene Pudel. Allerdings zeigten sie sich sehr erfreut über den Regen, denn dieser vertrieb die Mosquitoes zumindest teilweise. Während die Familie damit begann, regelrecht aufwendig zu kochen, studierten wir einige der ausliegenden Gästebücher. Dabei trafen wir auf eine Vielzahl von Einträgen, die die Brücke thematisierten. Der Grundtenor lag irgendwo zwischen wüster Beschimpfung der Bauherren und völligem Unverständnis, was eine Brücke an der dortigen Stelle eigentlich bezwecken soll. Wäre schön gewesen, dies vorher gewusst zu haben.
Als wir zu den neuesten Einträgen blätterten, stießen wir auf Schilderungen einer sehr großen Wandergruppe, welche wohl für einigen Unmut und ziemlich viel Unruhe in der arktischen Wildnis sorgte. Von Eddie erfuhren wir, dass es sich dabei wohl um eine geführte Wanderung handelte, welche an der Hütte ihrern Anfang nahm, in der wir uns eben befanden. Den genauen Hintergrund wusste er auch nicht, nur dass es wohl eine Wohltätigkeitsveranstaltung sein sollte, etwas in die Richtung “Sauberes Wasser für Afrika.” Zum wahren Ausmaß dieser geführten Wanderung komme ich am Ende der Erzählung noch mal zurück.
Nach dem sich die tschechische Familie als nicht sonderlich kommunikativ herausstellte, allerdings sehr viel Raum für sich beanspruchte, zogen wir es vor, unser Zelt zu errichten und recht früh in die Schlafsäcke zu krabbeln. Dabei brach während der Nacht ein Sturm los, der mich immer wieder weckte und mir die ein oder andere Sorgenfalte ins Gesicht zeichnete in Anbetracht der defekten Zeltstange. Nach einigen haarsträubenden Momenten beruhigte sich das Wetter aber zunehmend, so dass auch ich zur Ruhe kam und endlich einschlief.

Tag 7 – Etappe 6 Eqalugaarniarfik Hütte –> Innajuattoq II Hütte

#49

Am Morgen des siebten Tages erwachten wir recht früh und begingen unser Frühstück endlich einmal wieder mit herrlich frisch aufgebrühtem Instant-Kaffee. Mit Sicherheit in jenem Moment der beste Kaffee der Welt. Eddie, der Ire, hatte sich schon auf die Socken gemacht, da er ja noch ein gutes Stück weiter gehen wollte, so sich denn das Wetter nicht noch weiter verschlechterte. Die tschechische Familie lag noch in den Zelten und kroch erst nach und nach aus den Schlafsäcken, so dass wir einen entspannten Morgen verbrachten. Dabei warfen wir dennoch einen Blick in unseren, mittlerweile arg verhassten, Reiseführer, der uns zunächst einen recht steilen Anstieg ankündigte. Im Anschluss sollten uns kleinere Passagen bergauf und bergab erwarten, ehe am Ende der Etappe eine Feuchtwiese auf uns wartete. Laut unserem Büchlein besteht zwar keine Lebensgefahr, aber die Möglichkeit stellenweise bis zur Hüfte im Wasser zu versinken. Außerdem sollte die Orientierung ein Hindernis darstellen, da es kaum Wegmarken bzw. Anhaltspunkte gibt. Alles in allem also reizende Aussichten.
Nach dem wir unsere Sachen zusammengepackt hatten, nahmen wir den Anstieg in Angriff. Dieser brachte uns bereits zu Beginn der Etappe schon recht ordentlich aus der Puste und erforderte doch die ein oder andere Pause. Glücklicherweise liefen wir auf einer Art Weg entlang, einem ATV-Track, wie wir etwas später an den Reifenspuren erkannten. Leider fixierten wir uns ein wenig zu stark auf die Spuren, so dass wir prompt vom Wanderweg abkamen. Eine Erwähnung in der Routenbeschreibung, dass der Trail nur ein kurzes Stück der Piste folgt, wäre natürlich völlig übertrieben gewesen, stattdessen informierte uns das Büchlein eine komplette Seite darüber, dass wir in dieser Region den “majestätischen Seeadler” beobachten könnten. Wer braucht bei dieser Ankündigung schon eine genaue Wegbeschreibung.
Am Ende des Anstiegs erwartete uns dieser Ausblick. Zwar pfiff uns der Wind recht stramm um die Ohren, aber so ein Panorama und die durch die Wolken lugenden Gipfel nimmt man als Entschädigung dankend an.

#50

Der vor uns liegende See sollte eigentlich am Vortag unser Ziel sein, bis uns die Suche nach der Brücke so übel ausbremste. Auf dem erreichten Höhenkamm wanderten wir ein gutes Stück entlang, wobei sich an dem Ausblick über den See nicht viel veränderte. Leider schaffte es die Sonne nicht, sich durch die Wolkenwand zu kämpfen. Mich beeindruckte dieses Tal zwar auch schon bei diesen sehr diesigen und grauen Wetterverhältnissen, nicht auszudenken, wie dieses Seetal erst im Sonnenlicht wirken muss.
Wie bereits erwähnt, folgt der Trail nun einem Höhenkamm, wobei dieser Teil des Trails definitiv eines der Highlights für uns war. Das Laufen ging recht gut vonstatten, es gab keine Kriechweiden und der Untergrund war sehr steinig, so dass sich kein Matsch bilden konnte. Und bei so einer Aussicht läuft es sich im Prinzip sowieso fast schon von selbst.
Den angekündigten “majestätischen Seeadler” sahen wir übrigens nicht.

#51

Der Blick zurück stand dem Blick voraus in keinster Weise nach. Wobei mich die vielen verschiedenen Grüntöne, das schlechte Wetter und die Felsen wiederum sehr an Irland erinnerten. Zwischen den beiden Bergflanken im Vordergrund schlängelt sich der Trail von der Eqalugaarniarfik Hütte 350m in die Höhe. Die hintere Felswand gehört zum Flusstal, in der sich die Brücke versteckt hält und unbedarfte oder schlecht belesene Wanderer zum Narren hält. Beim Blick auf die Karte fiel mir auf, dass wir von der Eqalugaarniarfik Hütte aus übrigens das erste Mal fern am Horizont einen Meerwasserfjord erspähen konnten. Jedenfalls so lange, bis sich eine imposamte Wolkenwand davor schob, welche sich, wie zu erkennen, die gesamte Nacht über dort an den Hängen halten konnte.

#52

Während wir noch auf dem Hügelkamm entlang wanderten, tauchte dieser See vor uns auf. Weshalb dieser als einziger von einem Sandufer gesäumt wird, konnten wir abschließend leider nicht erklären. Auch unser informativer und stets genauer Reiseführer schwieg sich zu diesem Phänomen beharrlich aus. Gerade dieser Kontrast und dessen Herkunft hätten mich aber schon interessiert. Unserer Wanderkarte konnten wir zumindest die Info entnehmen, dass der vermeintliche Sandstrand als Treibsand ausgewiesen wird. Eine Überquerung erschien also weniger ratsam.
Nach einem wenig anspruchsvollen Wandern führte uns der Trail zu einem Abstieg, wobei der Pfad uns am Ufer des im Hintergrund zu erkennenden Sees entlangführte. Der Abstieg selbst, als auch die Wanderung am Ufer entlang, erforderte höchste Konzentration. Glitschig, von Kriechweiden gesäumt und mit versteckten Steinen gespickt, sorgte der Weg für eine recht hohe Anzahl an Stolperfallen, die sich sorgsam unter den Kriechweiden versteckten. Meine Liebe zu diesem Gewächs wuchs durch solche Manöver nicht unbedingt an. Bisweilen schlängelte sich der Trail dabei ziemlich dicht am Seeufer entlang, so dass die realistische Gefahr bestand, bei einem Fehltritt in den Genuss eines Bades zu kommen. Da sich der Himmel immer weiter zu zog und auch reichlich Wind aufkam, wollten wir diese Möglichkeit der unfreiwilligen Körperhygiene am liebsten ungenutzt verstreichen lassen. Aus jenem Grund entstanden auch keine, zeigenswerten, Bilder.

#53

Trockenen Fußes schafften wir es am Seeufer entlang, bis der Pfad wieder etwas an Höhe gewann und der See hinter uns zurückfiel. Im Windschatten des über uns aufragenden Berges, nutzten wir die Gelegenheit eine längere Pause einzuschieben und uns ein wenig zu stärken. Windschatten bedeutete an dieser Stelle Segen und Fluch zu gleich. Zwar war es sehr angenehm keinen Wind um die Nase pfeifen zu spüren, jedoch suchten uns nun Myriaden an winzig kleinen Moschusochsenfliegen heim. Die Viecher tun eigentlich nichts, folgen aber irgendeinem inneren Antrieb und fliegen in wirklich JEDE, erreichbare Körperöffnung, gleich ob Augen, Nase, Ohren etc. Aufgrund der Massen an Fliegen blieb uns schließlich nur noch der Griff zum Mosquitonetz. Andernfalls wäre eine Pause zur Entspannung nicht möglich gewesen. Was wir zu jenem Zeitpunkt noch nicht wussten: Die Netze würden wir bis zum Schluss des Trails nicht mehr dauerhaft loswerden. Zu nervig waren diese kleinen Biester.

#53a

So sah eine kurze Essenspause aus.

#54

Wir folgten dem Pfad weiterhin, welcher sich, erneut an einem Seeufer, immer weiter in die Höhe schraubte. Zwischenzeitlich trafen wir hier auf zwei Wanderer, die in entgegengesetzter Richtung unterwegs waren. Nach etwa einer halben Stunde trafen wir zwei weitere Wanderer, die die Gelegenheit nutzten und uns ansprachen. Es waren zwei junge Frauen aus Polen, die zu viert aufgebrochen waren und für den gesamten Trail nicht mehr als sechs Tage Zeit hatten. Die anderen beiden, die wir zuvor trafen, gehörten wohl zu diesen beiden. Jedenfalls gerieten sie wohl tags zuvor in einen heftigen Sturm inklusive Regen, so dass sie völlig durchnässt waren. Ein weiterer Nachteil, sie hatten keine Möglichkeit, die Kleidung zu trockenen, so dass ihre Rucksäcke noch schwerer geworden waren. Und zu allem Überfluss gerieten die vier in einen heftigen Streit. So liefen sie nun getrennt. Ächzend erfragten die beiden, wie es weiter ginge und wie weit entfernt die Hütte noch sei. Unsere Auskünfte sorgten dabei nicht unbedingt für strahlende Gesichter. Im Nachhinein würde mich interessieren, ob die beiden ihren Flieger noch bekommen haben. Sie hatten insgesamt nur sechs Tage und waren bereits schon zwei unterwegs. Eigentlich nicht wirklich machbar.
Da sich die Zeiger der Uhr mittlerweile stetig voran bewegten und uns der nun wieder einsetztende Wind ziemlich zu schaffen machte, immerhin vertrieb er zumindest kurzzeitig die Fliegen, nutzten wir einen großen Felsblock um erneut ein wenig länger zu pausieren. Nach kurzer Überlegung und dem Wissen, dass wir über ausreichend Gas verfügten, beschlossen wir kurzerhand, einen nachmittäglichen Kaffee zu kochen und zu genießen. Während wir also unsere schwarze duftende Köstlichkeit zubereiteten, zog das tschechische Pärchen an uns vorbei. Die beiden sahen wir dann auch zum letzten Mal, da sie eine andere Hütte wählten als wir und im Anschluss wollten sie noch den ein oder anderen Gipfel erklimmen, schließlich waren sie eher Kletterer als Wanderer.
Der Kaffee wirkte erstaunliche Wunder und als wir uns nach einer guten Dreiviertelstunde wieder auf den Trail begaben, fühlte ich mich frisch, ausgeruht und für die anstehende Feuchtwiese gewappnet.
Als wir am Abfluss des Sees ankamen und die nächste, große Herausforderung angehen wollten, stellten wir fest, dass der Pfad sich zwar, wie in unserem Buch beschrieben, tatsächlich immer wieder verlor, aber keineswegs völlig verschwand. Auch sanken wir in der Feuchtwiese nicht bis zur Hüfte ein, lediglich ein-, zweimal bis über den Knöchel. Die Orientierung stellte auch kein sonderlich großes Hindernis dar, da irgendwie klar war, dass wir bis zu einem Hügelkamm laufen mussten, um dann abzubiegen und eine der beiden Hütten anzusteuern. Die obige Aufnahme zeigt die durchquerte Feuchtwiese. Der Trail führt zwischen dem Berg links und der Hügelkuppe auf der rechten Seite hindurch, direkt in die Feuchtwiese hinein. Rückblickend fürchteten wir diesen Teil der Strecke mehr, als es schlussendlich notwendig gewesen wäre. Allerdings kam erschwerend hinzu, dass wir mit der erfolgten Querung nun von einem sich stetig steigernden Regenguss eingeholt wurden.

#55

Während also der Regen stetig zunahm, gingen wir davon aus, dass wir die Hütte wohl bald erreicht hätten, so dass ein Wechsel auf die Regenkluft überflüssig sei. So setzten wir ein Bein vors andere, ohne dass die ersehnte Hütte endlich in unser Blickfeld gelangte. Dies führte wiederum dazu, dass unsere Kleidung nahezu komplett durchweichte. Da sich unser gelbes Reisebüchlein beharrlich über den weiteren Verlauf des Weges nach der Feuchtwiese ausschwieg, stieg bei mir der Wutpegel. Nach einigen Kontrollansichten auf dem GPS, tauchte nach etwa einer Stunde strammen und äußerst nassen Wanderns, endlich die ersehnte Hütte direkt am See auf. Der Anblick führte zu einem ungeahnten Motivationsschub, so dass wir die Hütte fast im Laufschritt erreichten. In selbiger angekommen, stellten wir fest, dass noch kein anderer Wanderer eingetroffen war, wir die Hütte also zunächst allein bewohnten. Entsprechend breiteten wir uns aus, tauschten unsere Garderobe und hingen die nassen Hosen und Socken zum Trocknen auf. Der Geruch muss unerträglich gewesen sein… . Zu allem Überfluss fanden wir noch einige Gaskartuschen, alle noch weitestgehend gut gefüllt. Dem allmorgendlichen Kaffee stand definitiv nichts mehr im Wege. Dies wiederum ließ meinen Wutpegel sinken, steigerte dafür die gute Laune nicht unerheblich.
Die Hütte selbst zeigte sich sehr geräumig und groß, viel größer, als es von außen den Anschein hatte. Es gab zwei Räume mit einer Vielzahl an Schlafgelegenheiten. Unsere Freude dämpfte lediglich der leere Heizöltank des Ofens, so dass es keine Möglichkeit gab, die Hütte zu beheizen. Als wir unsere Sachen weitestgehend über den gesamten Raum verteilten, ließen sich Schritte auf der Holztreppe vernehmen. Kurz darauf trat ein junges Paar ein, sichtlich froh, einen Unterschlupf gefunden zu haben. Nach kurzem Smalltalk wechselten wir der Einfachheit halber auf Deutsch, da die beiden aus Südtirol kamen und in Wien wohnten. Als auch die beiden ihre Sachen zum Trocknen aufgehangen und sich soweit das Wasser aus den Haaren und dem Gesicht gewischt hatten, kamen wir ins Gespräch miteinander. Die beiden erzählten von ihren bisherigen Touren, die sie unter anderem schon durch Kirgisien führten und wir wiederum von unseren Erlebnissen in Island. Gleichzeitig nutzten wir die Gelegenheit, den Zustand der vor uns liegenden Etappen zu erfragen, da die beiden in entgegengesetzter Richtung unterwegs waren. Selbstverständlich erzählten wir auch von unserem Abenteuer in Bezug auf die Brücke am Ole’s Lakseelv und rieten beiden eindringlichst davon ab, diese zu nutzen um den Fluss zu queren. Diese Warnungen wiederholten wir noch gefühlte 357mal, bis sie uns versicherten, auf keinen Fall die Brücke zu nutzen. Nach einiger Plauderei nutzten wir unsere Gaskocher und die passenden Kartuschen, um zumindest einen Hauch von Wärme in die Hütte zu bekommen. Da dies allerdings nicht sehr nachhaltig schien, beschlossen wir recht bald, uns in die Schlafsäcke zu verkriechen. Währenddessen zog draußen ein stattlicher Sturm auf, der die Insel im See an der Hütte weitestgehend verschwinden ließ. Beim Blick aus unserer Behausung gewannen wir den Eindruck, nicht an einem See zu logieren, sondern direkt am Meer, so aufgewühlt zeigte sich das Wasser vom Wind. Alles in allem aber ein wunderbarer Ausklang des anstrengenden Tages und noch um einiges schöner, durch die herzliche und sympathische Gesellschaft.

Tag 8 – Etappe 7 Innajuattoq II Hütte –> Nerumaq Hütte

#56

Am nächsten Morgen erinnerte nahezu nichts mehr an den Sturm am Abend zuvor. Nahezu spiegelglatt zeigte sich der See, die Wolken hingen zwar noch tief, lösten sich aber mehr und mehr auf. Dabei ergab sich ein Blick auf die umgebenden Berge, auf denen in der Nacht der erste Neuschnee fiel. Direkt nach dem morgendlichen Kaffee stürmten wir vier nach draußen, um das herrliche Panorama in zweifacher Hinsicht aufzunehmen, zum einen als Bild auf die Speicherkarte, zum anderen als bleibende Erinnerung. Die Ruhe der Natur, die allein durch den ein oder anderen Vogelschrei unterbrochen wurde, nahm uns schlicht gefangen. Einer jener Momente, der meine Faszination in Bezug auf Grönland noch mal um ein Vielfaches steigerte.

#57

Das Seeufer direkt am Fuße der Hütte, sehr fotogen, wie ich finde. Und nun erkennt man auch die Insel im See ein wenig besser als am Abend vorher. Generell boten sich Motive zuhauf um die Hütte herum, so dass ich wohl eher Bilder, als Worte für sich sprechen lassen werde. Hätten wir in jenem Moment bereits gewusst, was uns auf der nun folgenden Etappe erwartete, wir wären vielleicht auch einfach noch einen Tag länger in der Hütte geblieben.

#58

An jenem Morgen entstanden eine Vielzahl an Bildern, so dass ich hier kurz die Erzählung unterbreche und Bilder zeigen möchte, ohne groß Worte zu verlieren. Dieses Plätzchen mit der Hütte am See hatte es uns einfach angetan, nicht zuletzt auch wegen der fröhlichen Bekanntschaft, die wir dort schlossen.

#59

Doch noch ein kurzer Satz, über den in den Wolken liegenden Hügel sollte uns der Trail im Laufe der vor uns liegenden Etappe führen. Dementsprechend ließen wir uns beim Aufbruch auch reichlich Zeit, in der Hoffnung, die Sonne würde die tiefhängenden Wolken vertreiben.

#60

Das Seeufer direkt an der Hütte.

#61

Der Blick zurück, aus dieser Richtung kamen wir tags zuvor.

#62

Der Abfluss des Sees an der Hütte. Diesen galt es direkt zu Beginn der Etappe zu furten. Kein ganz einfaches Unterfangen, wie man eventuell im Bild erkennen kann.

#63

Nach unserer ausgiebigen Fotosession am See, packten wir alsbald unsere Sachen zusammen und begaben uns auf die nächste Etappe des Trails. Laut der Ankündigung unseres zuverlässigen Reiseführers, erwartete uns am heutigen Tage ein als “leicht” eingestufter Abschnitt. Unmittelbar hinter der Hütte, galt es zunächst den Abfluss des Sees zu durchqueren. Da sich unsere Motivation, so kurz nach dem Aufbruch bereits die sorgfältig geschnürten Wanderschuhe wieder aufzudröseln doch sehr in Grenzen hielt, verschwendeten wir etwa eine halbe Stunde bei der Suche nach einer Stelle, die das Furten des Flusses ohne einen Wechsel des Schuhwerks möglich machte. Diese fanden wir, jedenfalls oberflächlich gesehen, direkt am Ablauf des Sees. Während ich mit rentiergleicher Eleganz von Stein zu Stein hüpfte, versank ich bereits beim zweiten Stein weit über dem Knöchel im Wasser, so dass meine Schuhe zwar nicht komplett unter Wasser standen, aber zumindest derartig nass wurden, dass sie wohl mindestens einen kompletten Tag in der Sonne stehen müssten, um wenigstens ansatzweise trocken zu sein. Meinen Kumpel erging es ähnlich, nur dass er, wie auch im letzten Jahr auf dem Laugavegur, reichlich mit Blasen bzw. deren Bildung kämpfte. Da sind nasse Schuhe und Socken natürlich völlig kontraproduktiv. Weshalb wir nicht einfach die Schuhe wechselten und uns die halbstündige Suche sparten? Wir können es uns im Nachhinein auch nicht erklären. Es sollte auch nicht die einzige Furt bleiben, die wir absuchten und mit “Steine hüpfen” durchqueren wollten.

#64

Nach dem ersten Malheur mit der Furt, stiefelten wir etwas übelllaunig los. Dabei wurden wir auf dem Pfad von knie- bis hüfthohen Kriechweiden empfangen und begleitet, die nach dem Regenguss des Vortages reichlich Wasser auf ihren Blättern sammelten. Weshalb wir nach den ersten Metern nicht so gleich in unsere Regenhosen schlüpften, stellt ein weiteres Mysterium dar. Auf die Idee kamen wir erst sehr viel später, unsere Beinkleider waren dann allerdings schon reichlich durchgeweicht. Auf die nasse Wanderhose die wasserdichte Regenhose zu ziehen, stellt ebenfalls nur eine mäßig kluge Idee dar. Denn wirklich trocknen kann die Hose so schließlich auch nicht. Zu allem Überfluss legte sich der anfängliche Wind, so dass wir zwangsweise die Mosquito-Netze wieder aufziehen mussten. Dazu zeigte sich der Trail am Hang entlang von seiner eher hässlichen Seite, da der Regen den Pfad in eine Schlammrinne verwandelte und wir ständig Acht geben mussten, nicht wegzurutschen. Erschwerend kam hinzu, dass auf dem Pfad auch reichlich Steine verteilt lagen, die man aufgrund des Kriechweidenbewuchses nur schwer ausmachen konnte. So stolperten wir mitunter einige Meter mehr, als das wir wanderten. Alles in allem also alles andere als eine “leichte” Etappe. Nach etwa vier Kilometern unterbrachen wir erstmalig unsere Wanderung und warfen einen Blick zurück auf die Innajuattoq-Hütte. Ohne die Fliegen und ohne nasse Hosen und Socken, eigentlich ein schöner Ausblick von dort oben. So richtig genießen konnten wir den Moment jedoch nicht.

#65

Der Weg führte uns in stetigem Auf und Ab an einem Hang entlang, so dass uns die Probleme beim Wandern erhalten blieben. Mitunter kamen wir an solchen kleinen Ebenen vorbei, die aufgrund ihrer Seen eigentlich zu ausgedehnten Pausen einluden. Da aber auch die Fliegen- und Mückenpopulation an solch idyllischen Plätzchen sprunghaft anstieg, hielten wir es nur selten lange aus. Immerhin trocknete zumindest meine Hose nach den ersten längeren Passagen ohne Kriechweiden langsam aber sicher. Die Schuhe hingegen blieben feucht, dass sollte sich aber auch bis kurz vor Sisimiut nicht mehr grundlegend ändern.
Während einer kürzeren Pause studierten wir wiederholt unseren zuverlässigen Reiseführer und fanden einen Hinweis auf eine Gabelung des Trails. So sollte der Pfad sich teilen, wobei der offizielle Trail in das Tal hinab führt, an dessen Hang wir bisher wanderten. Es gibt aber auch ein alternatives Stück, dass statt abwärts noch ein sanftes Stück bergauf führt und einen zauberhaften Blick über das Flusstal versprach. Anschließend sollte die zweite Variante wieder auf den Trail stoßen. Da wir doch ein wenig unser Vertrauen in den Reiseführer verloren hatten, beschlossen wir auf dem offiziellen Teil zu bleiben, da der Routenbeschreibung auch keinerlei Informationen zu entnehmen waren, wie sich der Abstieg ins Flusstal von der Alternativroute gestaltete. Leider war im Buch kein Hinweis zu finden, welcher Route der GPS-Track folgte, dies sollten wir allerdings bald herausfinden.

#66

Als wir unserem Weg weiter folgten, bemerkten wir etwas später vier Wanderer, die im Tal aufstiegen. Als sie sich etwa auf gleicher Höhe mit uns befanden, bahnten sie sich aber noch gute 40-50 Meter unter uns ihren Weg durchs Gestrüpp. Da wir an keinem Abzweig wissentlich vorbei liefen, gingen wir zunächst davon aus, dass die entgegenkommenden Wanderer einer anderen Route folgten. Zusätzlich warfen wir einen Blick auf den GPS-Track, dieser bestätigte, dass wir uns auf dem markierten Trail befanden. So trabten wir weiter über den von Kriechweiden zugewachsenen Pfad und begannen uns langsam aber stetig ob der Tatsache zu wundern, dass der Reiseführer einen Abstieg ins Flusstal ankündigte, der weiterhin auf sich warten ließ. Immerhin entnahmen wir der Karte, dass wir diesem Tal noch ein gutes Stück weiter folgen würden, um dem Fluss zu folgen, bis dieser einen Bogen nach rechts schlägt. Relativ dicht nach dieser Biegung sollten wir das Tagesziel erreichen, die Nerumaq-Hütte.

#67

Als wir im späteren Verlauf des Weges weiterhin keinen Abstieg bewältigten, keimte langsam aber sicher ein Verdacht auf. Bei einer etwas längeren Pause, suchten wir uns einen Vorsprung, der einen großartigen Blick ins Tal erlaubte. Gleichzeitig erwies sich der Platz als äußerst günstig, da an so exponierter Stelle auch etwas Wind aufkam. Dieser vertrieb die Fliegen, so dass wir den Ausblick ohne Mosquitonetz genossen. Dabei sprang uns im Tal eine recht deutliche Linie ins Auge, die gelegentlich durch kleinere Steinhaufen unterbrochen wurde. Langsam erahnten wir, dass wir auf der Alternativroute unseres Reiseführers wanderten. Ohne jedwede Bemerkung, dass der beiliegende GPS-Track diesem kurz und knapp erwähnten Weg am Hang folgte, wuchs unser Unmut hinsichtlich des Buches in weitere ungeahnte Höhen. Zwar genossen wir von unserem Pausenpunkt einen herrlichen Rundumblick über das Flusstal, erkannten aber keinerlei Anhaltspunkte, wie der Abstieg ins Flusstal wohl zu bewältigen wäre. Böse Vorahnungen stiegen auf.

#68

Mit dem schlimmsten rechnend, stolperten wir weiter durch zähe Kriechweiden (meine anfängliche Bewunderung dieser Überlebenskünstler schlug Meter um Meter in pure Aggression um, ohne dass ich ahnte, was uns auf der nächsten Etappe erwarten würde), bis sich der Pfad langsam aber sicher bergab wand und sich nach und nach im Dickicht verlor. Glücklicherweise konnten wir von unserer erhöhten Position aus den eigentlichen Trail sehr gut erkennen, so dass wir auch ohne Pfad recht glimpflich davon kamen. Unser Zorn über den unzulänglichen Reiseführer verrauchte so zuminest ein wenig. Immerhin, die Aussicht vom Hang ins Tal lohnte den Aufwand durchaus. Weiterhin kam hinzu, dass dort oben ein halbwegs stetiger Wind wehte, so dass wir die Aussicht stellenweise auch ohne Netz vor dem Gesicht aufnehmen konnten. Im Tal sah dies natürlich gänzlich anders aus, fast gewannen wir den Eindruck jubelnde Fliegenschwärme zu vernehmen, dass wir nun endlich in ihre Reichweite gelangten.
Wie man sieht, hielt uns der Wettergott die Treue und belohnte uns zumindest mit reichlich Sonnenschein, so dass unsere Beinkleider weitestgehend trockneten, lediglich die Schuhe verdoppelten gefühlt ihr Gewicht, aufgrund unserer Dummheit zu Beginn der Etappe. Nach weiteren anstrengenden Kilometern durch Kriechweiden und erstaunlich viel Morast, erreichten wir die Flussbiegung und erhaschten einen ersten Blick auf das traumhafte Tal, in welcher die von uns anvisierte Hütte stand. Etwas motivierter nahmen wir nun auch noch die letzten drei Kilometer unter die Füße, laut Reiseführer erwarteten uns nun wohl auch keine größeren Schwierigkeiten mehr.
Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Die letzten drei Kilometer zehrten noch mal extrem an unseren Nerven, da es über einige wirklich große Felsbrocken zu klettern galt, der Pfad mitunter durch erstaunlich tiefe Schlammpfützen führte und die von mir äußerst geschätzten Kriechweiden mir auch noch den letzten Nerv raubten. Da ich aber über einen Grund für meine Wut und Aggression verfügte, stellte ich die Entscheidung, den Trail zu wandern nie grundsätzlich in Frage. Lediglich die Beschreibungen des Reiseführers und die Kompetenz der Autoren. Zwischenzeitlich kam in uns auch der Gedanke auf, die Autoren wären nur einen Teil des Trails gewandert, da die Routenbeschreibungen nach der fünften oder sechsten Etappe immer spärlicher ausfielen.
Glücklicherweise erblickten wir nach etwa einer halben Stunde die Hütte, so dass unsere Motivation wieder stieg und wir selbige nach etwa 45 Minuten auch endlich erreichten. Dort angekommen stellten wir zunächst unsere Schuhe in das letzte Sonnenlicht, um wenigstens noch ein wenig die Feuchtigkeit zu vertreiben. Da die umliegenden Felswände allerdings ziemlich hoch sind, tauchte die Sonne recht bald ab und wir saßen im Schatten. Um die Hütte herum fiel uns ziemlich viel Müll negativ auf, auch hierfür erhielten wir am Ende unserer Wanderung eine Erklärung.
Da sich zum Abend hin auch keinerlei Wanderer mehr zeigten, verfügten wir über den Luxus, die Hütte allein bewohnen zu dürfen. So breiteten wir uns nach allen Regeln der Kunst aus und fanden bei genauerer Inspektion des Innenlebens nicht weniger als drei volle Pappkartons (zusammengerechnet bestimmt 50 Stück) mit Gaskartuschen, passend für unseren Kocher. Wir erlaubten uns den zusätzlichen Luxus, eine der Kartuschen zu nutzen, um mit dem Brenner die Hütte ein wenig zu beheizen, da es mit dem Verschwinden der Sonne erstaunlich abkühlte. In einer kurzen Tagesrevue, fluchten wir erneut wie die Kesselflicker über die Autoren unseres Reiseführers, hinterfragten die Einstufung der Etappe in die Kategorie “leicht” und stießen noch die ein oder andere Verwünschung an die Verfasser aus, bis wir uns soweit beruhigten, uns unser Abendbrot zu bereiten. Im Anschluss jagten wir noch gute anderthalb Stunden eine schier unglaubliche Anzahl an Mosquitoes (bei 56 oder 57 habe ich aufgehört zu zählen), und beendeten den Tag, völlig erschöpft, bereits gegen halb acht am Abend. Nicht aber, ohne mit ausgeprägter Skepsis die Etappenbeschreibung des nächsten Tages zu studieren, die, sehr zu meiner Erheiterung, “mannshohe Kriechweiden” versprach. Hätte ich in jener Nacht von diesen Gewächsen geträumt, wäre dies wohl nur wenig verwunderlich gewesen. Glücklicherweise blieb mir ein Traum hierzu erspart.

Tag 9 Etappe 8, Nerumaq Hütte –> Hütte am Fjord Kangerluarsuk Tulleq

#69

Der Morgen zeigte sich von seiner besten Seite, wenngleich im Flusstal der Hütte sich reichlich kalte Luft hielt. Wie man auf dem Bild ganz gut erkennen kann, scheint die Sonne erst recht spät über die umliegenden Berge und verschwindet am Nachmittag auch wieder recht schnell. Die Kälte sorgte aber dafür, dass sich die Mücken und Fliegen vorerst nicht blicken ließen. Als wir erwachten ergab ein Blick auf die Uhr, dass wir nicht weniger als volle 13 Stunden in der Koje lagen, was uns doch ein wenig überraschte. Die Etappe tagszuvor forderte uns zwar einiges ab, aber dass sie uns derartig erschlug, verwunderte uns dann doch.
Mit einem frisch aufgebrühten Kaffee sortierten wir ziemlich routiniert unsere sieben Sachen, so dass wir kaum eine Stunde nach dem Aufwachen bereits unsere Rucksäcke schulterten und uns auf die Suche nach einer Furt begaben. Der Beginn der nächsten Etappe erforderte direkt zu Beginn das queren des Flusses, welchem wir heute im Laufe des Tages eine ganze Weile folgen würden. Man sollte meinen, wir hätten mittlerweile gelernt, dass es wenig Sinn ergibt allzu lange nach einer geeigneten Stelle zu suchen, die das Ausziehen der Schuhe nicht erfordert. Aber auch hier wanderten wir einiges an Strecke flussauf und flussab, bis wir feststellten, dass die Steinmännchen die beste Stelle zum Furten markierten. Diesmal kamen wir aber trocknen Fußes auf die andere Flussseite.
Im Anschluss führte der Pfad zunächst durch einigermaßen anspruchsloses Gelände, die angekündigten “mannshohen Kriechweiden” erwarteten uns erst später. Als wir dem Flusslauf um eine Biegung folgten und dadurch in den Genuss der wärmenden Sonne kamen, erforderte dies wiederum den Einsatz der Mosquitonetze.

#70

Nein, dies ist keine Aufnahme bei Blende 22 um die Verdreckung des Sensors bei einer solchen Wandertour zu dokumentieren. Die Sonnenstrahlen sorgten für erstaunliche große Wolken von Moschusochsenfliegen, die durch den Windschatten der umliegenden Gipfel dafür sorgten, dass wir erneut die Umgebung und das wirklich hübsch anzusehende Flusstal nur durch die Netze betrachten konnten.
Nach etwa einer Stunde entspannten Wanderns kamen wir nun an jene Stelle, an der dieses Bild aufgenommen wurde. Kriechweiden…, gab’s zwar vorher schon, aber diese hier waren absolute Prachtexemplare. Ich hänge mal ein Bild dazwischen, dass dies ganz gut veranschaulicht.

#70a

In diesem Falle bleibt mir kaum etwas anderes übrig, als den Autoren des Reiseführers zähneknirschend zuzustimmen, die Kriechweiden gediehen in diesem Tal wirklich prächtig. Erstaunlicherweise kam ich mit diesen hohen Sträuchern besser klar, als mit den knie- bis hüfthohen. Die Sicht auf den Pfad war einfach besser und wir stolperten weniger über Steine und Wurzeln. Die Insekten hielten die Gewäche jedoch leider nicht ab.

#71

Der Blick zurück, ein gutes Stück weiter rechts, hinter dem Hügelrücken, liegt die Nerumaq-Hütte. Wie man auf der Aufnahme erkennt, litt der Trail, bzw. der Pfad, recht ordentlich unter den Niederschlägen. Diese fielen zwar nicht so ausgiebig wie in manch anderen Jahren, dass der Pfad dennoch voll lief, wie eine Dachrinne, entsprang einer anderen, recht verstörenden, Tatsache. Darauf werde ich an späterer Stelle nochmal zurück kommen.
Landschaftlich veränderte sich auf diesem Teil der Etappe nicht mehr fürchterlich viel, allerdings erwartete uns alsbald eine weitere Querung des Flusses für etwa einen Kilometer, ehe wir uns wieder auf das andere Flussufer begaben. Der Hintergrund für diesen ungewöhnlichen Zickzackkurs liegt in dem kurzzeitig sehr weichen Gestein begründet, durch das sich der Fluss schlängelte. Etwas weiter flussabwärts entstand dadurch eine ziemlich tiefe Schlucht, fast schon ein Canyon, der zu Fuß mit Rucksack auf dem diesseitigen Flussufer im Prinzip nicht zu bewältigen ist.

#72

Man sollte meinen, dass wir nach den bisherigen Furten gelernt haben sollten, dass es sich selten lohnt auf und ab zu laufen um eine geeignete Furt zu finden, an der wir nicht unser Schuhwerk hätten wechseln müssen. Doch weit gefehlt. Auch hier liefen wir etwa zehn Minuten den Fluss hoch und runter, in der Hoffnung eine Stelle zu finden, auf denen wir auf Steinen trockenen Fußes auf die andere Seite kämen. Diese fanden wir nicht, so dass ich mich in meinen Wanderstiefeln, jeglicher Vernunft trotzend, in die Fluten stürzte. Dabei stellte ich sehr schnell fest, dass der Fluss eine stärkere Strömung aufwies, als ich vermutete. Als ich gute zwei Drittel mit trockenen Füßen bereits passiert hatte, trat ich auf eine Art kleines Plateau unter Wasser. Dies sah von oben recht flach aus und das Wasser schien auch nicht zu stark darüber zu fließen. Meine Beobachtungen trafen auch alle zu. Leider fehlte in meinen Überlgungen die möglicherweise sehr schmierige Oberfläche des Steins. Nach einem kunstvollen Ausfallschritt und panischem Festklammern an meinen Wanderstöcken ging ich zumindest nicht komplett baden. Meine kleine Showeinlage sorgte allerdings dafür, dass ich im linken Schuh ordentlich Wasser tankte.
Der Pfad führte uns dicht am Flussufer entlang ein gutes Stück bergab, bis wir an eine weitere Furtstelle kamen, an der wir den Fluss erneut überqueren sollten.

#73

Man mag es vielleicht nicht für möglich halten, an dieser Furt setzte dann allerdings endlich mein Verstand ein und obsiegte über die Faulheit. Zwar lief ich noch ein kleineres Stück weiter flussabwärts, da an der markierten Furt die Strömung für mich zu heftig aussah, diesmal wechselte ich direkt mein Schuhwerk und tänzelte elegant wie eines dieser Rentiere über den Fluss. Zwischenzeitlich verlor ich zwar, aufgrund der Kälte des Wassers, jegliches Gefühl in meinen Füßen, jedoch am anderen Ufer angekommen, nahm das Blut seinen Dienst wieder auf, so dass innerhalb kürzester Zeit meine Füße wohlig warm wurden. Meinem Kumpel erging es leider nicht so gut, da er auf überflüssiges Schuhwechseln verzichten wollte; Hintergrund sind wirklich erstaunlich große Blasen an der Ferse. Er versuchte sich an einer Tütenkonstruktion, die die Füße trocken halten sollte, auch wenn der Schuh im Wasser versank. Dies klappte in zwei von drei Fällen, an der letzten Furt liefen ihm allerdings die Tüten voll und setzten seine Schuhe komplett unter Wasser.
So nutzten wir das Ufer und breiteten unsere nassen Schuhe und Socken in der Sonne aus, in der Hoffnung, sie würden zumindest ein wenig Feuchtigkeit abgeben. Unterdessen genossen wir die herrliche Aussicht auf die uns umgebende Landschaft, einziger Wermutstropfen: den visuellen Genuss schränkten die Netze vor dem Gesicht doch arg ein.

#74

Nach etwa einer halben Stunde zogen wir zumindest trockene Socken über die Füße, dieser Zustand hielt allerdings nur so lange an, bis wir in die noch immer nassen Schuhe schlüpften. Auf unserem Plan standen nun noch etwa 10 Kilometer, bis zur letzten Hütte auf dem Trail. So langsam realisierten wir bei dem nun folgenden Wegstück, dass wir möglicherweise den letzten kompletten Tag in der grönländischen Wildnis verbringen. Ein wenig Wehmut stellte sich bei mir dabei schon ein, andererseits kontrastierte der Stolz auf das Geleistete, trotz aller Widrigkeiten, die einsetzende Melancholie.
Wir liefen bei bestem Wanderwetter durch das grüne Flusstal und erfreuten uns an der Aussicht, die sich uns bot. Der Weg verlief sehr eben und auch der Matsch hielt sich nun mehr in Grenzen. Da auch die Kriechweiden an dieser Stelle nicht sonderlich in die Höhe schossen, ließ es sich sehr angenehm wandern. Einzig die Schwärme an Fliegen empfand ich in diesem Idyll dann doch als störend.

#75

Der Weg führte uns durch dieses erstaunlich grüne Flusstal, wobei häufiger morastige Wegstücke absolviert werden wollten. Die Windstille und die auf uns scheineinde Sonne, sorgten recht schnell dafür, dass wir alsbald in T-Shirts durch die grönländische Wildnis wanderten. Zwar immer noch mit Mosquitonetz, aber wenigstens etwas.

#76

Nach etwa zwei Stunden erreichten wir diesen, bei näherer Betrachtung, recht großen See. Da das Ufer mitunter kleine Strände bot, pausierten wir erneut ein wenig ausgiebiger und ließen uns das köstliche Seewasser schmecken. Eine echte Wohltat, sowohl geschmacklich als auch im Hinblick auf die Temperatur. Glücklicherweise kam am See auch ein leichter Wind auf, so dass wir uns zumindest kurzzeitig unserer Netze entledigen konnten. Diese Möglichkeit intensivierte das Pausenvergnügen sehr erheblich. Da aber “auch die schönste Pause mal ein Ende hat” (eine unserer Phrasen, die uns auf dem gesamten Trail verfolgten), stapften wir erneut über einen teilweise knöcheltief matschigen Pfad, der uns im weiteren Verlauf zu einem letzten Anstieg führte. Nach diesem sollten wir, nach einer weiteren Stunde Fußmarsch, die letzte Hütte auf dem Arctic Circle Trail erreichen. Unterdessen passierten wir einige wunderbare Zeltgelegenheiten, die wir allerdings links liegen ließen. Da wir am kommenden Tag grundsätzlich den Plan verfolgten, die restlichen 22,5 Kilometer, von der Hütte ausgehend, bis nach Sisimiut zu laufen, kam ein Stop vor der Hütte nicht in Frage. Während wir den letzten, ernstzunehmenden, Anstieg des Tages in Angriff nahmen, lief uns ein Wanderer entgegen. Dieser erfragte, ob wir auf unserem Weg möglicherweise eine geeignete Zeltstelle gefunden hätten. Wir beschrieben ihm kurz die von uns gefundenen Plätze und folgten weiter dem Aufstieg. Als wir die Hochebene erreichten und einen Blick zurück warfen, sahen wir besagten Wanderer an der beschriebenen Stelle sein Zelt errichten. Kurzzeitig keimte etwas Neid in uns auf, da ein Plätzchen direkt am Seeufer ziemlichen Luxus versprach. Vom kurzen Weg des Wasser holens, über den wundervollen Ausblick bis hin zur beruhigenden Geräuschkulisse.

#77

Der Blick zurück auf den unbenannten See, an dem wir rasteten und an dem der Wanderer sein Zelt aufschlug. Der beschriebene Platz befand sich direkt auf der kleinen Landzunge, die ziemlich in der Bildmitte in den See hinein ragt. Dort morgens seinen Kaffee zu genießen, bedeutet in meinen Augen absoluter Luxus, völlige Entpannung und vollendeter Genuss! Auch dieser See und die entgangene Übernachtung lässt uns immer wieder darüber nachdenken, den Trail möglicherweise ein zweites Mal zu laufen. Sicher nicht in diesem Jahr (2019), aber wer weiß.

#78

Der Blick in die andere Richtung auf den Fjord Kangerluarsuk Tulleq. Hier sahen wir die ersten Vorboten der Zivilisation, da am Ufer des Fjords eine Vielzahl von Häuschen auftauchten, die wohl von den Einwohnern Sisimiuts als Wochenendhäuser genutzt werden. Die rote Hütte direkt an der Spitze des Fjords dient übrigens unter anderem auch als Wandererunterkunft (hauptsächlich aber als Jagdhütte), allerdings taucht sie in Beschreibungen nur selten auf. Dafür liegt sie ein wenig zu weit abseits des markierten Weges und, viel entscheidender, man müsste gute 150m absteigen und am nächsten Tag auch wieder erklimmen. Da unser Reiseführer aber eine weitere Hütte direkt am Trail versprach, ließen wir diese andere Hütte rechts liegen. Kein sonderlich kluger Entschluss, wie sich im Verlauf des Abends heraus stellen sollte. Dies lag in diesem Einzelfall allerdings nicht am Buch, sondern an den Menschen, die wir trafen. Ein Abstieg zur Fjordkante wäre rückblickend eine Wohltat gewesen, im Vergleich dessen, was uns an der empfohlenen Hütte erwartete.
Die letzten Kilometer bis zur Hütte zogen sich, anders als in unserem besagten Buch beschrieben, keineswegs sonderlich in die Länge. Ganz im Gegenteil, wir genossen das wesentlich einfachere Wandern auf der recht trockenen Hochebene. Da auch kaum Kriechweiden den Pfad säumten, kamen wir uns fast vor wie im Wandererhimmel. Kein Matsch, der die Schuhe festhält und auch kein Gestrüpp, das nach den Wanderstöcken greift. Entsprechend kamen wir gut voran. Auf dem letzten Kilometer erkannten wir aber, was dieses Vergnügen für die Wasserversorgung an der Hütte bedeutete: recht weite Wege, um das kostbare Naß zum Zelt zu transportieren. Wir legten fest, dass sich mit diesem Problem unsere Zukunfts-Ichs auseinandersetzen sollten, für den Moment genossen wir einfach das Wandern auf der Hochebene.

#79

Aus einiger Entfernung erblickten wir die Hütte und erkannten dabei auch recht schnell, dass bereits Wanderer vor uns eingetroffen waren. An der Hütte angekommen, kamen wir mit zwei von ihnen auch direkt ins Gespräch, wobei wir uns zunächst wunderten, wie die beiden es ohne Netz vor dem Gesicht aushielten. In der Unterhaltung erfuhren wir, dass sie aus Tschechien kommen und sich wohl 14 Tage Zeit für den Trail nehmen wollen, sie liefen in entgegengesetzter Richtung zu uns. Daraufhin baten wir direkt um Entschuldigung, da die beiden noch erstaunlich frisch aussahen, wovon bei uns nicht mal im Entferntesten die Rede sein konnte. Als wir ein wenig über Erfahrungen plauderten, nahm das Gespräch eine seltsame Wendung. Mein Kumpel erzählte ein wenig aus dem letzten Jahr von unserer Wanderung auf Island und schließlich kam auch die Frage auf, ob wir denn schon häufiger Grönland besucht hätten. Dies bejahte ich und erzählte kurz von meinen beiden Segeltouren, woraufhin mich Blicke voller Ehrfurcht trafen und sich die Tonlage der Frau auch schlagartig veränderte. Reichlich seltsam. Als die dritte Person der kleinen tschechischen Gruppe gruß- und wortlos hinzu trat, beendeten wir das Gespräch recht schnell, erhielten aber noch die Information, dass sie die Schlafplätze in der Hütte für sich beanspruchen würden, auch wenn eine Frage dieser Art gar nicht im Raume stand.
Wir bauten an einer geeigneten Stelle unser Zelt auf und warfen dennoch einen Blick ins Hütteninnere, auch auf der Suche nach möglicher zurückgelassener Nahrung, fanden aber leider nichts wirklich verwertbares, so dass wir am darauffolgenden Tag tatsächlich bis nach Sisimiut durchwandern würden. Missmutig ließen wir es uns ein wenig im Schatten der Hütte gut gehen und ruhten unsere Füße aus, als mich um Haaresbreite ein Schwall kochendes Wasser verfehlte. Die drei kochten wohl ihr Abendessen und entledigten sich, ohne Blick nach draußen, ihres kochenden Wassers. Da mein Kumpel telefonierend vor selbiger stand, hätte man einen Blick wohl vielleicht doch erwarten können. So verfinsterte sich unsere Meinung über die Drei noch etwas mehr. Da dies aber möglicherweise auch mit unseren grummelnden Mägen in Verbindung stehen konnte, kochten wir uns zunächst unser Abendmahl. Dabei stellte sich die Entfernung zur nächsten Wasserquelle als kleine Herausforderung dar, der Weg zog sich recht ordentlich in die Länge. Nach vollendetem Essen stromerte ich noch ein wenig durch die Umgebung und warf völlig fasziniert Blicke auf den Fjord, einen ersten Boten der Zivilisation. Als ich in einem jener Momente Flötenmusik aufschnappte, dachte ich zunächst, das Wandern in der prallen Sonne forderte nun seinen Tribut an meinem Verstand. In jenem Moment vernahm ich die Stimme meines Kumpels aus dem Zelt, der mich ungläubig fragte, ob ich ebenfalls Flötenmusik hörte. Sein Tonfall machte sehr deutlich, dass er sich seines Verstandes ebenfalls nicht mehr gänzlich sicher war. Beruhigt erklärte ich ihm, die Töne ebenfalls zu vernehmen, woraufhin wir uns eines schallenden Gelächters nicht mehr erwehren konnten. Stell’ dir vor, du sitzt mitten in Grönland, triffst eine 3er Gruppe merkwürdiger Menschen, die an einem Abend in der Wildnis eine Flöte erklingen lassen. An Absurdität ließ sich dieses Schauspiel (oder besser Hörspiel…) wahrlich kaum noch überbieten. Grundsätzlich kann Musik in einer solchen Umgebung schwer eindrücklich sein (ich erinnere mich an Momente in Island, an denen Solstafir aus meinen Kopfhörern strömte und mich dies beim Anblick der Berge um Thorsmörk völlig gefangen nahm), aber eine alberne Flötenkinderliedmelodie? Das passte hinten und vorne nicht mehr zusammen. Damit stand unser Entschluss fest, die drei schafften es auf unserer Merkwürdigkeitenliste bis ganz nach oben (noch vor den Franzosen mit dem Trolley)!
Die oben gezeigte Aufnahme entstand ganz früh morgens, als das viele getrunkene Wasser nach einem Ausweg verlangte. Also schälte ich mich aus meinem Schlafsack, plünte mich an und wurde von diesem Farbenspiel am Himmel fast erschlagen. Der eigentliche Grund meines nächtlichen Aufstehens trat in den Hintergrund und ich kramte meine Kamera aus der Tasche. Das ganze Schauspiel wehrte dabei nicht länger als vielleicht zwei oder drei Minuten. Gern hätte ich diese Lichtstimmung über dem Fjord aufgenommen, aber bis ich in Waatschuhen an einem halbwegs passablen Punkt ankam, lösten sich die Wolken und damit auch das wundervolle Licht in Wohlgefallen auf.

Tag 10, Etappe 9, Hütte am Fjord Kangerluarsuk Tulleq –> Sisimiut

#80

Recht früh am Morgen krabbelten wir aus unseren Schlafsäcken und stellten überrascht fest, dass die Tschechen bereits außer Sichtweite gewandert waren. So genossen wir die morgendliche Ruhe und ein letztes Trekkingfrühstück. Mit einiger Routine bauten wir unsere mobile Behausung ab und verstauten die übrigen Sachen in unseren Rucksäcken. Das ganze Schauspiel dauerte mittlerweile keine volle Stunde mehr. Wirklich erstaunlich, hatten wir zu Beginn der Tour noch fast zwei Stunden für die gleiche Prozedur benötigt.
Laut Tourbeschreibung, stand uns zunächst ein kleiner Anstieg direkt an der Hütte bevor, wobei wir direkt skeptisch wurden, da Pfad und Trail, gut zu erkennen etwa 200m entfernt an der Hütte vorbei führten. Auch ein Schild fanden wir, dass uns die Richtung zum Arctic Circle Trail wies. Welche Gründe uns auch an dieser Stelle bewogen, unserem Reiseführer mehr Vertrauen zu schenken, als den wirklich unverkennbar offensichtlichen Hinweisen in der unmittelbaren Umgebung, erschließt sich mir rückblickend nicht. Nach Aussage unseres Buches, sollten wir uns an ein Steinmännchen halten, das auf einem Hügel oberhalb der Hütte gut zu erkennen sein sollte. In der Tat, dort gab es tatsächlich ein Steinmännchen. Also stiefelten wir auf dieses Männlein zu, um dann allerdings festzustellen, dass das Männlein nicht etwa einen Pfad markiert, sondern viel mehr einen herrlichen Blick über den Fjord. Grundsätzlich auch ganz schön, aber in unserem Falle nicht sonderlich zielführend. Ein Blick auf das GPS-Gerät schuf Gewissheit, wir hatten uns erneut von unserem Buch ins Bockshorn jagen lassen. So kletterten und solperten wir einen ansehnlichen Abhang hinunter, kraxelten im Anschluss einen sanften Hügel hinauf und fanden uns schließlich kaum 500m von der Hütte entfernt, endlich wieder auf dem ACT ein. Der Zeitverlust betrug dabei etwa eine dreiviertel Stunde. Ganz große Klasse! Dabei standen für diesen Tag schlanke 22,5km an, inklusive eines heftigen Anstiegs nach den ersten zwei Kilometern. Da wir nicht mitten in der Nacht in Sisimiut ankommen wollten, sackte unsere Laune über die verschenkte Zeit und auch den halsbrecherischen Abstieg merklich in den Keller. Immerhin entschädigte uns der Pfad, der sich recht dicht an der Fjordkante entlang schlengelte, mit wunderschönen Aussichten. Nach etwa anderhalb Kilometern erkannten wir hinter uns eine Gestalt auf dem Pfad. Es dauerte auch nicht allzu lang, bis sie uns einholte. Wir kamen mit dem Grönländer kurz ins Gespräch. Er hätte vor zwei Tagen im Kanucenter übernachtet (grob geschätzt beträgt die Entfernung etwa 85-90km…). Auf unsere erstaunten Blicke reagierte er mit der Aussage, dass er seit dem Kanucenter langsamer unterwegs sei, irgendwie habe er Schmerzen im Bein. Er hätte Sisimiut eigentlich bereits gestern erreichen wollen. Sprachs und rannte den Anstieg von 400hm auf 1,5 km vor unseren Augen in einem atemberaubenden Tempo hinauf. Bei uns lief es nicht mal annähernd so rasch, dieser letzte Anstieg forderte mir zumindest, nochmal so einiges ab. Völlig erschlagen und körperlich ziemlich am Ende, erreichten wir die Kuppe etwa zur Mittagszeit. Wir hatten seit unserem Aufbruch an der Hütte zwar kaum Strecke bewältigt, das größte Hindernis lag nun aber hinter uns. Entsprechend gönnten wir uns eine ausgedehnte Pause. Dabei entstand auch obige Aufnahme, die erneut den Fjord zeigt. Die Hütte liegt hinter dem Bergrücken auf der rechten Seite, auf dem Hügel der in den Fjord hineinragt.

#81

Unseren Rastplatz wählten wir dabei nicht zufällig, sondern an dieser netten Hütte, ein funktionstüchtiges Klohäusschen. Nicht mehr und auch nicht weniger. Weshalb diese Hütte dort steht, konnte mir bisher niemand beantworten. Mir kam sie jedoch sehr gelegen, zumal man in diesem Häuschen auch vor den lästigen Fliegen seine Ruhe hatte. Als wir unsere Pause beendeten, traf ein weiterer Wanderer, aus Sisimiut kommend, an unserem Plätzchen ein. Dieser wollte die Hütte nutzen, um sich ein kleines Päuschen zu gönnen. Sein Gesicht war Gold wert, als er erkannte, wozu die Hütte dient. Selten habe ich ein Klohäuschen in solch einer exponierten Lage gesehen. Diese Episode hob dann auch gleich wieder unsere am Boden liegende Stimmung.

#82

Der Pfad führte uns über eine Hochebene, in der wir einem Flusslauf folgten. Die Hochebene barg den kaum zu überschätzenden Vorteil, dass vorerst keine Kriechweiden mehr unseren Weg säumten und auch die Beschaffenheit des Pfades ein fast schon entspanntes Wandern zuließ. Lediglich ein paar Felsbrocken erforderten gelegentlich ein höheres Maß an Aufmerksamkeit. Nach etwa zwei Kilometern kamen wir an einem ersten direkten Zeichen der Zivilisation vorbei, sieht man von dem Klohäuschen einmal ab. Etwas abseits des Pfades konnte man die Hütte des Sisimiuter Schneemobilclubs erkennen. Entsprechend veränderte sich nun auch die Markierung des Trails, denn die Strecke nutzen die Einwohner Sisimiuts wohl auch für Schneemobilfahrten. Im weiteren Verlauf passierten wir einige malerische Seen, die uns zu der einen oder anderen kurzen Pause einluden und mit köstlichem Trinkwasser versorgten. So langsam realisierten wir nun auch, dass dies die letzten Kilometer auf dem Trail für uns sein würden. Wir hatten es also tatsächlich, trotz aller Widrigkeiten, beinahe geschafft.

#82a

Ein kleines Selfie auf beschriebener Hochebene.

#83

Dem Höhenprofil nach zu urteilen, erwartete uns noch ein etwas heftigerer Abstieg, bis wir schließlich einen relativ großen Bogen schlagen und direkt auf Sisimiut zulaufen würden. Da sich das Wetter an jenem Tag wieder von seiner eher prächtigen Seite zeigte, genossen wir vor dem Abstieg noch einmal ausgiebig die Aussicht auf das zu durchquerende Tal. Die Schönheit und die Erhabenheit dieses Anblicks nahm uns dabei völlig gefangen. Schon etwa fünfhundert Meter vor diesem Punkt, ließ sich erahnen, welch Anblick kurz vor dem Abstieg auf uns wartete. Als wir nun schließlich an diesen Punkt kamen, verschlug es uns vor Staunen schlicht die Sprache. Ganz in der Ferne lässt sich übrigens bereits das offene Meer sehen.
Im Bild lässt sich der Pfad und damit auch unser weiterer Weg ziemlich gut erkennen. Er würde uns rechts an dieser imposanten Bergkette entlang führen, so dass wir hinter der Hügelkuppe rechts im Bild, das erste Mal Sisimiut in den Blick bekommen müssten.

#84

Nahezu die gleiche Stelle, nur mit etwas mehr Weitwinkel. Die Wanderung durch die Hochebene zählt zu meinen Favoriten des gesamten Weges. Nicht nur, weil wir uns dem Ende der Tour näherten, sondern auch, weil es sich, wie beschrieben, fast schon mühelos wandern ließ. Sieht man von einem kleineren Gebiet eines Felssturzes mal ab, bei dem einige imposante Felsbrocken umgangen und überklettert werden wollten. Sollte ich eigentlich noch erwähnen, dass dieses Geröllfeld in unserem Reiseführer nicht auftauchte?
Die markante Bergkette im Hintergrund findet man häufig auch auf Ansichten Sisimiuts. Der höchte Berg heißt Nasaasaaq, 784 Meter hoch. Diesen kann man wohl auch besteigen, es wird allerdings dringend dazu geraten, sich für diese Kletterei einen heimischen Guide zu organisieren. Unser großartiger Reiseführer weist übrigens ausdrücklich darauf hin, dass bei einsetzendem Nebel, die erhoffte Aussicht über die Fjordlandschaft verwehrt werden könnte. Darauf wären wir mit Sicherheit auch nicht von allein gekommen.

#85

Nach dem Abstieg ins Tal, der uns vor keine allzu großen Hürden mehr stellte, sieht man von zwei, drei matschigen Passagen ab, kamen wir an die letzte Flussquerung des Trails. Keine Ahnung, woher uns urplötzlich die Weisheit hinterrücks überfiel, aber nach etwa zwei Minuten des Absuchens nach einer geeigneteren Stelle, entschlossen wir uns diesmal, direkt die Watschuhe anzuziehen und den Fluss an der angeratenen Stelle zu queren. Ganz zum Ende holte uns die Wandererweisheit tatsächlich noch ein. Das Furten selbst stellte ebenfalls keine große Herausforderung dar. Das Gewässer strömte nicht sehr heftig in Richtung Meer, lediglich die Temperatur des Wassers sorgte im ersten Moment für weit aufgerissene Augen und etwas Schnappatmung.

#86

Der Blick in die andere Richtung des Flusses. Das Tal, das wir durchwanderten, wartete mit einem einzigen größeren Nachteil auf. Dem Nachteil des relativ allumfassenden Windschutzes. Dies führte wiederum dazu, dass wir auch hier unsere Mosquitonetze nicht abnehmen konnten. Glücklicherweise wehte aber ein laues Lüftchen direkt am Fluss, so dass wir nach dem erfolgreichen Furten, die Gunst der Stunde nutzten und eine längere Pause einschoben. Diese konnten wir ob des schwach wehenden Windes tatsächlich auch ohne Netz genießen, das Gesicht dem wehenden Lufthauch zugewandt. So genossen wir das wohlige Gefühl nach dem Queren eines Flusses, wenn das Blut rauschend in die Füße zurückkehrt und diese anfangen vor Wärme zu glühen. In jenem Moment fiel uns auch keine Erklärung mehr ein, weshalb wir bei den übrigen Furten jedes Mal solch einen enormen Aufwand betrieben, um möglichst eine Stelle zu finden, die das Wechseln der Schuhe obsolet werden ließ.

#87

Nach etwa einer guten Dreiviertelstunde Pause wuchteten wir die Rucksäcke erneut auf unsere Schultern und nahmen die letzten neun Kilometer unter die Sohlen. Nach etwa einer halben Stunde tauchte auf der rechten Seite ein Skilift auf, ein weiteres, untrügliches Zeichen, dass wir uns unserem Zielort stetig näherten. Etwa auf gleicher Höhe kam uns ein einheimischer Fahrradfahrer auf einem Mountainbike entgegen. Wir verließen nun endgültig die Wildnis des Arctic Circle Trails und näherten uns der Zivilissation. Etwas wehmütig nahm ich daher dieses Bild auf, einem Blick zurück.
An der Stelle, wo sich die Hügelkette links und rechts absteigend treffen, nahm ich übrigens die Bilder #83 und #84 auf. Dort führte uns der Weg in das Tal, welches wir bereits nahezu durchwandert hatten. Dabei stellte sich bei mir ein Wechselbad der Gefühle ein. Einerseits konnte ich es kaum Abwarten unter eine Dusche zu kommen und ein Essen einzunehmen, dass nicht ausschließlich auf kochendem Wasser basierte. Andererseits bedeutete das Ende des Trails auch, dass wir nun wieder in die Zivilisation gelangten und der Einfachheit des Trekkinglebens den Rücken kehrten. Letztlich überwog aber die Vorfreude und erstaunlicherweise zog unser Tempo auch noch ein wenig an. Wobei dies nicht mit dem sanften Gefälle zusammenhing, den der Trail auf den letzten Kilometern aufwies. Es hing wohl eher mit der Aussicht auf ein kühles Bier zusammen.

#88

Die besagte letzte Biegung und möglicherweise auch das letzte Steinmännchen des Trails. Kann aber auch sein, dass mich im Punkt mit dem Steinmännchen meine Erinnerung trügt. Es ging nun stetig bergab in Richtung Sisimiut und unser Tempo erhöhte sich von ganz allein. Kurz nach diesem Steinmännchen wartete aber noch eine recht ansehnliche Feuchtwiese auf uns, deren Durchquerung sich als tückischer darstellte, als wir zuvor annahmen.

#89

Fotografisch ist das Bild sicher kein Leckerbissen, dafür birgt es einen anderen Wert in sich. Denn ganz fern am Horizont lassen sich die ersten Gebäude der Stadt erkennen. Wir bogen also im Prinzip um die letzte Ecke des Trails und hielten nun direkt auf Sisimiut zu, das Ziel einer heißen Dusche direkt vor Augen. Dabei folgten wir dem kleinen Flusslauf auf der rechten Seite.

#90

Und hier ist sie nun, die letzte Aufnahme unserer Wanderung auf dem Arctic Circle Trail. Unmittelbar nach diesem steinigen Stück Weg, erreichten wir eine Schotterpiste, auf der uns ein grönländischer Schlittenhundwelpe zunächst etwas zögerlich, dann aber doch sehr herzlich begrüßte. Es fand sich am Ende des Trails auch ein Werbeplakat des Hotels Sisimiut, auf dem für eine sogenannte “Hikers offer” geworben wurde, drei Hotelübernachtungen zum Preis für zwei. Nach einem kurzen Studium unserer Karte, erkannten wir, dass uns unser Weg relativ direkt an besagtem Hotel entlang führte. Entsprechend trafen wir die Entscheidung uns nach dem Preis des Angebots zur erkundigen.
Am Hotel eingetroffen erhielten wir ein, für grönländische Verhältnisse, erstaunlich günstiges Angebot von knapp 170€ für drei Nächte inklusive Frühstück. Dies ließen wir uns nicht entgehen. Demzufolge endete unsere Wanderung in zwei freundlichen und gut ausgestatteten Hotelzimmern in einem Drei-Sterne-Hotel. Nach dem Abwerfen unseres Gepäcks im Zimmer erfolgte ein kurzer Gang an die Rezeption um eine Cola und eine Tüte Chips zu einem völlig absurden Preis zu erstehen. Dennoch behaupte ich, dass dies die beste Cola und die besten Chips der Welt waren.
Nach einer ausgiebigen Dusche, mit der reichlich erstaunlichen Feststellung ein gutes Stück an Körpergewicht verloren und unerwartet viele Muskeln in Beinen und Rücken aufgebaut zu haben, unternahmen wir noch den ersten Gang in die Metropole. Dort stießen wir kurz vor Ladenschluss auf ein Schnellrestaurant, in dem wir mit einem sogenannten Pølsermix unseren Heißhunger auf fettiges, labriges Fastfood zumindest für den ersten Moment stillten. Im Anschluss trieb es uns in die Hotelbar, da die Verkaufszeiten für Bier und andere alkoholische Getränke abgelaufen waren, und genossen dort drei wundervoll gekühlte Tuborg, bis wir gegen zehn nahezu am Ende unserer körperlichen Kräfte in den weichen Betten unseres Hotelzimmers in tiefem Schlummer versanken. Wirklich realisiert, dass wir fast 180km durch die grönländische Wildnis liefen, hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Tag 11 – 12, Zeit in Sisimiut

#91

Den Sonntag begannen wir mit einem ausgedehnten und nahezu perfekten Frühstück im Hotel. Nach den Tagen der Trockennahrung, Müsli mit Milchpulver, Müsliriegel, Schokoriegel und wasserbasierter Trekkingnahrung, überkam uns kurzzeitig der Gedanke, gestorben und im Paradies erwacht zu sein. Ein riesiger Kübel mit gebratenem Speck, Rührei, gekochte Eier, frisches Obst, richtige Milch, Butter, Brot, feinster Käse und eine große Auswahl an Wurst erwartete uns. Nach dem dritten Teller Speck und Rührei meldete mein Magen “Wegen Überfüllung geschlossen”, was mich aber nicht davon abhielt, noch drei Tassen Kaffee und drei Gläser Saft in das letzte bisschen Freiraum zu pressen. Es wäre nicht übertrieben, dies als das beste Frühstück meines Lebens zu bezeichnen.
Im Anschluss fassten wir den Entschluss, zunächst einmal unsere Wäsche in die hoteleigene Wäscherei zu geben, wobei sich uns aber recht schnell die Frage aufdrängte, wie wir uns nun in der Öffentlichkeit bewegen wollten. Die Lösung bestand aus einer langen Unterhose (ich hatte noch eine unbenutzte, quasi frische, dabei) und einer darüber gezogenen Regenhose. Dieser Aufzug brachte uns auf die Idee, in den hiesigen Geschäften nach einer billigen, alltagstauglicheren Hose zu suchen, ebenso wie nach frischen Socken. Denn obwohl Merino-Socken wirklich ausgesprochen bequem sind und gefühlt eine Ewigkeit brauchen, um Gerüche anzunehmen, fühlten sich die noch vorhandenen Socken ziemlich furchtbar an, besonders nach einer frischen Dusche. Auch entwickelte mein Kumpel den Wunsch nach bequemem Schuhwerk, welches nicht den Knöchel einzwängte und die Füße weiter malträtierte. Den Wunsch nach Schuhwerk konnte ich allerdings nicht nachvollziehen, denn auch nach 9 Tagen und 180km, liefen sich meine Stiefel wunderbar, ohne Drücken, Schmerzen oder Scheuern. Da der Kalender aber einen Sonntag anzeigte, fiel die Auswahl an geöffneten Geschäften nicht sonderlich groß aus. Lediglich frische Socken fanden den Weg in den Einkaufskorb. Hosen und Schuhe scheiterten entweder an der geringen Auswahl oder schlicht am Preis. Aber bereits die frischen Socken erhöhten den Komfortfaktor nicht unerheblich. Den Rest des Tages brachten wir damit zu, uns Sisimiut anzusehen, ein wenig die Atmosphäre der Stadt aufzunehmen und sehr gebannt die Spiele der grönländischen Fußballmeisterschaft im Fernsehen zu verfolgen.
Da das Hotel Sisimiut mittlerweile über ein freies W-LAN verfügt, kam ich auch in den Genuss, mich ein wenig auf den neuesten Stand hinsichtlich der Nachrichtenlage in der Welt zu bringen. Nach den ersten Katastrophenmeldungen ließ ich dies aber auch recht schnell wieder bleiben. Lediglich in der ACT-Gruppe auf Facebook war ich ziemlich aktiv. Dort las ich dann auch von Berichten eines Charity-Hikes, der wohl zwei Tage vor uns 100km durch die grönländische WIldnis führte. Als Ausrichter tauchte WaterAid auf, der sage und schreibe 100 Menschen mobilisierte, ab der Eqalugaarniarfik-Hütte zu starten und bis Sisimiut zu laufen. Dies erklärte im Nachhinein den stark ausgetretenen Pfad, der an einigen Stellen einer Wasserrinne glich. Auch bekamen wir nun eine Erklärung für den Hubschrauberlärm am ersten Tag unserer Wanderung, da die Teilnehmer per Helicopter zur Hütte transportiert wurden. Die Verpflegung kam ebenfalls über den Luftweg zu den Hütten, inklusive der notwendigen Gaskartuschen. Die Berichte von Wanderern, die durch Zufall in dieses Großaufgebot der Logistik hineinrutschten, ließen mir zumindest die Haare zu Berge stehen. Allein die Tatsache, mit 100 Menschen einen Trail zu laufen, den man nicht auswählt, weil man an jeder Ecke interessante Menschen treffen, stelle ich mir auch heute noch ziemlich furchtbar vor. Auch empfinde ich die Idee, mit 100 Menschen durch nahezu unberührte Natur zu laufen, Transfer und Nahrung dabei einfliegen zu lassen, um auf das Grundrecht auf sauberes Trinkwasser hinzuweisen, als irgendwie schräg. Wie schon geschrieben, brachte uns dieser Hike zumindest Nachschub an passenden Gaskartuschen. Die Diskussion in besagter Gruppe nahm dabei immer mehr an Fahrt auf, in die sich auch Vertreter der grönländischen Regierung einschalteten. Es gab und gibt Überlegungen, den Verlauf des Trails zu ändern sowie eine Art Permit einzuführen, so dass durch die Einnahmen Maßnahmen zum Schutz der Region unternommen werden können. Alles in allem ein sehr dynamischer Prozess, der mir auch noch mal vor Augen führte, dass der ACT für Grönland, wie der Tourismus generell, mittlerweile eine wichtige Einnahmequelle darstellt. Gleichzeitig herrscht aber auch das Bewusstsein, dass die Natur nicht grenzenlos ausgebeutet werden kann, da dies unmittelbare Folgen für die Einwohner haben wird. Alles in allem eine hochspannende Diskussion, die ich besonders im Vergleich zu Island wichtig und richtig finde. Denn Berichte, wie die Sperrung des Zugangs zu einem Wasserfall auf Island, möchte man in Grönland scheinbar unbedingt vermeiden. Tourismus ja, aber nicht in der Masse wie in Island. Ich bin gespannt, welchen Weg der Entwicklung Grönland einschlagen wird, da zum einen nach wie vor der Wunsch und Wille besteht, sich gänzlich von Dänemark loszusagen, zum anderen aber bereits auch Fakten hinsichtlich eines Anstiegs des Tourismus geschaffen werden, wie etwa mit dem geplanten Ausbau der Flughäfen in Ilulissat und Nuuk.
Entschuldigt bitte den Exkurs, dennoch finde ich die Rahmenbedingungen des Trails im Zusammenhang mit einem Reisebericht wichtig zu erwähnen.

An jenem Sonntag passierte unsererseits nicht mehr sehr viel. Wir verfolgten gebannt die Fußballspiele und erkundigten uns im Hotel, welche Möglichkeiten der Aktivitäten es in Sisimiut gibt. Die Antwort fiel reichlich ernüchternd aus. Es gibt zwar eine Auswahl an Bootstouren, diese starten allerdings erst dann, wenn sich mindest fünf Personen gefunden haben. Entsprechend ließen wir uns für die kommenden zwei Tage auf die Liste jeglicher Bootstouren setzen, in der Hoffnung, noch andere Touristen würden es uns gleichtun. Für den folgenden Montag jedoch, sahen die Perspektiven recht düster aus. Den Abend beendeten wir mit der sogenannten “Meat-Lovers-Pizza” im an das Hotel angeschlossenen Restaurant. Der Name war Programm und wir fielen völlig übersätigt in unsere Betten.
Der folgende Morgen hielt erneut das bereits beschriebene, sehr reichhaltige Frühstück für uns bereit. Im Anschluss erkundeten wir Sisimiut erneut und sahen uns nun auch den ursprünglichen Ortskern etwas genauer an. Zusehen sind zwei Gebäude der Kolonialzeit, links, in rot, das Haus des Siedlungsvorstehers und rechts, in blau, die alte Kirche. Diese Gebäude stammen aus der Kolonialzeit Grönlands und markieren den Mittelpunkt der verlegten Siedlung, aus der im Laufe der Zeit schließlich die zweitgrößte Stadt Grönlands wurde, Sisimiut.

#92

Ein Überblick über den “Stadtkern” Sisimiuts, aufgenommen von der auf einer Anhöhe stehenden neuen Kirche. Links im Bild die Hauptstraße, an der sich einige Supermärkte und kleinere Geschäfte finden lassen. Sie führt im unteren Bildrand zum Hafen, wo eine hervorragende Imbissbude steht, die sowohl von Einheimischen als auch von Touristen, die nicht von einem Kreuzfahrtschiff aus in die Stadt einfallen, hoch frequentiert wird. Der Bacon-Burger und auch der Kaffee sind dabei verhältnismäßig günstig und wahre Gaumenfreuden.
Folgt man der Hauptstraße weiter den Berg hinauf, erreicht man nach etwa einem Kilometer die Blocksiedlungen aus den 50er und 60er Jahren. Diese entstanden nach dem Beschluss der dänischen Regierung, dass die grönländische Bevölkerung möglichst in großen Städten leben soll, um so die Versorgung, insbesondere die medizinische, zu vereinfachen. Dabei kam es zu massenhaften Zwangsumsiedlungen der Inuit aus ihren kleinen Siedlungen in große Ballungszentren. Dies führte wiederum dazu, dass das Volk von Jägern und Sammlern, die seit weit über tausend Jahren nomadengleich durch die Natur zogen, von heute auf morgen ein sesshaftes Leben führen sollten. Die Auswirkungen waren fatal. Alkoholismus, Selbstaufgabe bis hin zum Suizid und Verelendung ließen Grönland, bzw. deren Bewohner zu trauriger Berühmtheit gelangen. Gewalt, sexueller Missbrauch und Misshandlungen gehörten fast schon zum Alltag und stellen auch noch heute ein großes Problemfeld dar. In den Blocksiedlungen, hinter denen übrigens auch unser Hotel stand, konnte man die Trost- und Hoffnungslosigkeit fast mit den Händen greifen. Sicher wäre es um des Berichtes Willen hilfreich gewesen, auch diese Seite Grönlands zu dokumentieren, ich brachte es aber schlicht nicht übers Herz, diese einstmals so stolzen Jäger, die sich nahezu perfekt an diese unwirtliche Umgebung anpassten, in ihrem Elend zu präsentieren.

#93

Begibt man sich auf eine der Straßen rechts der Hauptstraße, erwarten einen die typischen bunten Häuser der Arktis. All dies vor der imposanten Kulisse des Nasaasaaq, des hervorragenden Berges im Hintergrund. Diesen erwähnte ich bereits in einem früheren Teil des Berichtes. In diesem, dem westlichen Teil Sisimiuts, wirkt das Stadtleben ungleich freundlicher, da die Gebäude modernerer Bauart sind und es auch eine Vielzahl an Eigenheimen gibt. Dabei konnten wir auch zusehen, wie der örtliche Fußballclub während seiner Teilnahme an der Fußballmeisterschaft einen neuen Kunstrasen erhielt. In diesem Teil sind auch größere Bildungseinrichtungen, wie etwa ein technisches Gymnasium und das Ausbildungszentrum für Bauhandwerker und Schiffszimmerleute, zu finden.

#94

Da man für die Besichtigung Sisimiuta allerdings kaum länger als einen Tag benötigt, versuchten wir auf eigene Faust auch noch ein wenig das Umlande zu erkunden. Ziel war ein Aussichtspunkt, den unser gelbes Buch als einfache kleine Tageswanderung angab. Ich brauche wohl kaum noch zu erwähnen, dass bis auf den Startpunkt im Prinzip keine versprochene Markierung oder gar ein Pfad sichtbar wurde. So krabbelten wir ein wenig durch die Felsenlandschaft, bis wir auf einen Hügel kamen, der uns diese Aussicht ermöglichte. Da sich außerhalb der Stadt aber wiederum die bekannten Fliegen ein Stelldichein gaben, verwarfen wir unsere Idee des Kaffees. Immerhin genossen wir die Aussicht, wenn auch wiedereinmal durch die Filterung der Mosquitonetze.

#95

So richtig Motivation wollte sich beim Wandern auch nicht einstellen, irgendwie wirkte diese kleine Etappe doch wenig herausfordernd und es fehlte einfach ein richtiges Ziel. So drehten wir eine kleine Runde, passierten das Trinkwassereservoir Sisimiuts und kehrten recht früh wieder ins Hotel zurück. Dabei erhielten wir die freudige Auskunft, dass wohl am nächsten Tag eine Bootstour stattfinden würde. Den Abend ließen wir schließlich bei Bier und Fußball entspannt ausklingen.

Tag 13 – 16, Zeit in Sisimiut, warten auf den Flug nach Ilulissat

#96

Am Dienstag erhielten wir die Information, dass die Bootstour definitiv stattfinden wird, ein sogenannter “fishing trip”. Da weder mein Kumpel noch ich wirkliche Fans des Angelsports sind, hielt sich zunächst unsere Freude noch ein wenig in Grenzen. Man versicherte uns aber, dass das Fischen auf traditionelle grönländische Art erfolgen soll und immerhin zwei Stunden Bootsfahrt auf dem Wasser eingeplant waren. Es bestünde auch eine gute Chance Wale zu beobachten, auch wenn dies der Name der Tour nicht vermuten lässt. So stieg schließlich die Vorfreude doch recht ordentlich, allerdings sahen wir uns gezwungen, die Bootstour fand erst am Abend statt, einen weiteren Tag in Sisimiut zu verbringen, dass wir mittlerweile aber weitestgehend kannten. Entsprechend schlenderten wir die bereits bekannten Straßen entlang, ärgerten uns über die Fliegen, bestaunten erneut das Verlegen eines neuen Kunstrasens auf dem örtlichen Sportplatz und genossen Kaffee und Burger im Imbiss am Hafen. Im Anschluss zog es uns wieder in die Hotellobby, zur Fußballübertragung. Pünktlich zur vereinbarten Zeit hielt ein klappriger Van vor dem Hotel und chauffierte uns zum Hafen, rückblickend irgendwie auch unsinnig, die Strecke beträgt großzügig geschätzt vielleicht einen Kilometer. Hier hieß uns unser Guide ein wenig zu warten, bis der Kapitän das Boot soweit klar machte, dass wir los schippern konnten. Das Wetter zeigte sich mal wieder von seiner besten Seite, so dass wir zu Beginn der Fahrt die Sonne vorn auf dem Deck genossen. Dieser Spaß wehrte allerdings nur kurz, da unser Kapitän mit der Ausfahrt aus dem Hafengebiet den Gashebel ordentlich nach vorn drückte und wir uns nach der ersten Dusche in das geschütztere Heck begaben.

#97

Auf der schnellen Fahrt in einen Fjord südlich der Stadt, erhielten wir die Möglichkeit, Sisimiut im Lichte der tiefstehenden Sonne zu bestaunen. Die vielen farbenfrohen Häuser an der Küste begeistern mich immer wieder aufs Neue.
Vor der Hügelkette im linken Bildteil befindet sich übrigens der Flughafen Sisimiuts. Viel mehr als zwei Baracken und eine Start- und Landebahn gibt es dort allerdings nicht zu sehen. Da die Piste aber im Prinzip in den Fels gesprengt wurde, ist der Start und auch die Landung wohl nicht ganz ohne. So bald etwas Nebel aufzieht, was in Sisimiut recht häufig passieren kann, werden Flüge verschoben. Doch dazu an späterer Stelle mehr…

#98

Auf unserem Weg in die Fischgründe passierten wir eine verlassene Siedlung namens Assaqutaq. Die Bewohner verließen halb freiwillig, halb unter Druck in den 50er und 60er Jahren ihre Heimat und siedelten sich im nahe gelegenen Sisimiut an. Die Probleme und Herausforderungen für diese große Umsiedlungswelle erklärte ich ja bereits. Heute stehen dort nur noch einige wenige Häuser und es gibt geführte Touren von Sisimiut aus zur Siedlung. Dieser Ausflug hätte mich ebenfalls stark interessiert, aber leider gab es keine großartige Resonanz, so dass der Ausflug nicht statt fand.
Wenig später stoppte der Kapitän erstmals den Motor und unterwies uns in die traditionelle Fischerei der Inuit. Es wird eine starke Angelleine über Bord geworfen, an der sich eine Vielzahl von Haken befinden. An einem Ende befindet sich eine Art Köder, der durch ruckartiges Ziehen an der Leine in Bewegung gehalten werden soll, so dass die Fische ein Beutetier wittern und sich dann an den Haken festbeißen. Könner dieses Handwerks lassen die Leine kurz vor dem Grund herum baumeln und erzielen reiche Fangerfolge. Unser Glück hielt sich hingegen stark zurück. Nach mehrmailgen, erfolglosen Versuchen, wechselte der Kapitän auf Geheiß des Guides noch einmal die Position und tatsächlich, diesmal dauerte es keine 20 Sekunden und es ruckte etwas Lebendiges an meiner Schnur. Mit Hilfe holten wir die Schnur zurück an Bord. In der Tat, ein sehr kleiner Fisch mir unbekannter Art hing am Haken. Getreu dem isländischen Motto aus unserer Reise 2017 warfen wir den Fisch zurück, da er zum Essen einfach zu klein war. Lediglich eine einzige Touristin wartete mit einem Fang auf, der sich als groß genug für eine Bratpfanne erwies. Nach dieser kleinen Einführung in die Angelkunde begaben wir uns auf den Rückweg und kamen nach etwa zweieinhalb Stunden gut durchgefroren in unserem Hotel an.
Dieser Abend war gleichzeitig der letzte gemeinsame Abend, da mein Kumpel am darauffolgenden Mittwoch zurück nach Deutschland flog. Ich genoß das Glück, noch einen weiteren Tag in Sisimiut zubringen zu dürfen, bis ich am Donnerstag nach Ilulissat fliegen würde; zumindest sah mein Plan so aus.
Den Abend wollten wir eigentlich bei einem gemütlichen Pils in der Hotelbar ausklingen lassen, stellten dann aber fest, dass wir zu spät zurückkehrten. Die Bar schloss und wir sahen uns gezwungen, das Abschiedsbier auf einen anderen Tag, zuhause, zu legen.

#99

Das Frühstück nahmen wir noch gemeinsam ein, bis am Vormittag ein Taxi meinen Kumpel zum Flughafen brachte. Nun war ich auf mich allein gestellt und begann den Tag zunächst mit einem Ausflug zum Hafen. Bereits auf dem Weg dorthin sah ich eine Vielzahl an Personen in auffällig gefärbten Outdoorjacken, die den Schluss nahe legten, dass wohl ein weiteres Kreuzfahrtschiff im Hafen angelegt hatte. In der Tat, ein Schiff der Hurtigruten. An den Tagen zuvor liefen ebenfalls diverse Kreuzfahrtschiffe Sisimiut an, so dass zwischen 10 und 14 Uhr am Museum wahrlich Hochbetrieb herrschte. Ich gönnte mir erneut einen Kaffee an besagtem Imbiss und schaute mir das bunte Treiben ganz in Ruhe an. Anschließend verbrachte ich noch ein wenig Zeit auf einem kleinen Spaziergang durch die Stadt um schließlich, auch weil sich das Wetter stetig verschlechterte, wieder in der Lobby beim Fußball zu landen. Das Abendbrot ließ ich ausfallen, schickte mich stattdessen an, nun ebenfalls meine Sachen zusammen zu packen. Enrsprechend früh zog ich mich auch auf mein Zimmer zurück, und schlief voller Vorfreude auf Ilulissat ein.
Der Morgen begann recht routiniert mit einem ordentlichen Frühstück und dem pünktlich wartenden Taxi, das mich zum Flughafen transferieren sollte. An selbigem angekommen, wartete bereits eine recht ansehnliche Zahl Menschen auf die Ankunft des ersten Flugzeuges. Doch zur angeschlagenen Zeit tat sich auffallend wenig. Die folgende Ansage per Lautsprecher erklang leider nur auf Dänisch, so dass mich eine nette Reisende über den Inhalt aufklärte. Aufgrund schlechten Wetters verschöben sich die Flüge des Vormittages um vermutlich zwei bis drei Stunden. Da sich am und im Flughafen nichts befindet, womit man sich die Zeit vertreiben könnte, nutzte ich die Zeit um ein wenig zu dösen und ziellos vor mich hin zu sinnieren. Nach etwa zwei Stunden gab es erneut eine Ansage, wieder nur auf Dänisch. Meine freundliche Übersetzerin teilte mir mit, dass sich die Flüge wohl um eine weitere Stunde verzögern. Ich suchte nun ein wenig hektisch die AirGreenland-Dame auf, da ich mir Sorgen um das Erreichen meines Anschlussfluges machte. Diese beruhigte mich und versprach mir, die Info an ihre Kollegen weiterzugeben, so dass ich meinen Anschluss auf jeden Fall bekommen würde (zur Info: Es gibt keine Direktflüge von Sisimiut nach Ilulissat, man fliegt zurück nach Kangerlussuaq und von dort weiter). Etwas beruhigt begab ich mich wieder auf meinen Platz und wartete erneut stillschweigend vor mich hin. Schließlich sorgte eine dritte Lautsprecheransage für hektische Betriebsamkeit unter den anderen, wartetenden Passagieren, welche sich zu einer Schlange vor der AirGreenland-Dame formierten. Diesmal erhielt ich die übersetzte Information, dass die Vormittagsflüge ersatzlos gestrichen werden. Die Passagiere werden auf die Flüge am Nachmittag umgebucht. AirGreenland spendiert auf eigene Kosten ein Mittagessen im Seemannsheim in Sisimiut. Der Transfer rollte bereits an, als ich den Schalter erreichte. Dabei teilte mir die Dame mit, dass ich an jenem Tag nicht mehr fliegen würde, da die Flugreisenden mit internationalen Anschlüssen (also von Kangerlussuaq nach Kopenhagen) Vorrang hätten. Dafür stünde ich nun auf der Liste für den darauffolgenden Tag. Zur Übernachtung stellte sie mir einen Gutschein aus, ebenfalls für das Seemannsheim. Ein Taxi brachte mich alsbald auch wieder zurück in die Stadt, wobei sich der Taxifahrer über den Unsinn der Fluggesellschaft ausließ. Hintergrund für die ständigen Flugausfälle und Verspätungen sei wohl, dass die Flieger nachts in Nuuk in einem Depot stehen. Von dort aus fliegen sie dann morgens in alle Richtungen aus um abends wieder nach Nuuk zurückzukehren. Da das Wetter in Nuuk aber generell ziemlich miserabel sei, fallen immer wieder Flüge aus. An den Kosten würde dann wohl der Staat beteiligt, da er Anteilseigner der Fluglinie sei. Alles in allem wohl eine schreiende Ungerechtigkeit, und das nur, weil die Polititik aufgrund des Hauptstadtstatus in Nuuk sitze. Ich war ziemlich erstaunt, wie mein Taxifahrer mir in 10 Minuten Autofahrt sämtliche Gründe für die ständigen Flugausfälle erklärte. Großartig geärgert habe ich mich über den ausgefallenen Flug nicht, da ich irgendwie auch schon damit rechnete, dass auf der Reise etwas schief gehen würde. Leider handelte es sich dabei nicht um den Rückflug.
Im Seemannsheim angekommen, unterwies mich der Rezeptionist in die Gepflogenheiten, sprich Essenszeiten und die Ausstattung des Zimmers. Dabei erfuhr ich dann auch, dass ich das große Glück hatte, dass ich im Flügel untergebracht werde, der über einen kostenlosen WiFi-Zugang verfügt. Da es im Anschluss auch noch begann leicht aber stetig zu regnen, verbrachte ich den restlichen Tag in meinem Zimmer mit grönländischem Fußball.

#100

Bereits am Vorabend las ich an den Monitoren des Seemannsheimes, dass die morgigen Flüge mit Verspätungen aufwarteten. Etwas angefressen, erhob ich mich am Morgen und checkte direkt die Flugzeiten erneut. Die Verspätungen erhielten über Nacht einen weiteren Zuschlag, so dass mein eigentlich geplanter Flug etwa eine Stunde später abfliegen sollte. Ich ließ mir also beim Frühstück reichlich Zeit und klärte im Anschluss mit dem Rezeptionisten den Transfer zum Flughafen. Im Anschluss ließ ich mir erneut recht viel Zeit beim Packen, bis ich mich zur vereinbarten Zeit nach unten begab. Dort empfing mich eine junge Dame, die mich zum Flughafen fahren sollte, mit der Ankündigung, dass sich mein Flug weiter verspätete. Grundsätzlich solle ich heute aber fliegen. Ich schlenderte also zurück in mein Zimmer und verbrachte wieder ein wenig Zeit mit der grönländischen Fußballliga. Zur vereinbarten Zeit begab ich mich erneut mit meinen Sachen in die Lobby und wurde dort mit den Worten empfangen, dass es keine weiteren Verspätungen zu geben scheint und man mich nun zum Flughafen transferieren würde. Dort angekommen empfing mich die AirGreenland-Dame vom Vortag und versicherte mir zunächst, dass ich heute auf jeden Fall nach Ilulissat kommen würde. Dies hob meine Stimmung dann doch wieder ein gutes Stück. Und tatsächlich, eine Woge der Freude brandete in mir auf, als ich Motorenlärm vernahm und eine Maschine auf der Landebahn aufsetzte. Der Flug nach Kangerlussuaq verlief recht unspektakulär, sieht man einmal von der Tatsache ab, dass wir für die Strecke, die wir in neun Tagen erwanderten, lediglich 25 Minuten mit dem Flieger brauchten. In Kangerlussuaq kam ich noch mal ordentlich in Bewegung, da ich nicht sah, dass ich direkt übers Rollfeld zum Flieger nach Ilulissat laufen sollte. Ich nahm den Umweg übers Terminal und bestieg als Vorletzter die Maschine. Vor mir allerdings tummelte sich ein großes Gefolge um eine einzelne Person, ein recht bekannter Dokumentarfilmer, dessen Name ich aber bereits schon wieder vergessen habe. Lediglich seine schlechten Manieren bei der Gepäckausgabe in Ilulissat blieben mir nachdrücklich in Erinnerung.
Nach einem ruhigen Flug von etwa 45 Minuten erreichten wir schließlich Ilulissat. Der Anflug selbst ist dabei schon ziemlich spektakulär, da man direkt über den Eisfjord fliegt. Ein tolles Gefühl. Am Flughafen angekommen rempelte zunächst besagter Dokumentarfilmer alles und jeden aus dem Weg, der seinem Gepäck zu nahe kam, was mir schon ein wenig die Stimmung verhagelte. Keine Ahnung, warum man sich so aufführen muss. Eile und Zeitnot sind in Grönland nun wirklich völlig fehl am Platz, wie ich ja bereits auf dieser Reise wieder feststellen konnte. Als ich endlich meinen Rucksack in Händen hielt, trat ich vor das Flughafengebäude und stellte fest, dass der Flughafen ja doch ziemlich weit außerhalb liegt und nicht, wie in Europa, eine stattliche Anzahl an Taxen auf mögliche Fahrgäste wartete. So dauerte es eine Weile ehe ich begriff, dass ich mich wohl aktiv um einen Transfer kümmern müsste. Dies gelang mir schließlich durch ein bereits bestelltes Taxi, dass kurzerhand einen Kollegen zum Flughafen beorderte. Eigentlich nicht der offizielle Weg, aber am praktikabelsten.
Nach einer kurzen Autofahrt und der Frage, weshalb ich meinen Urlaub in Grönland verbringe, wo es in Europa doch so wunderbar warm sei, erreichten wir schließlich meine Unterkunft. Dort stellte ich meine Sachen in die Ecke, studierte die Karte, schnappte meine Kamera und begab mich direkt auf den Weg zum Eisfjord. Endlich angekommen.

#101

Eis! Ein wunderbares Gefühl, nach drei Jahren wieder dort zu stehen, wo meine Leidenschaft für Eis und Grönland so richtig entfacht wurde. An diesem Anblick könnte ich mich wohl Zeit meines Lebens nicht satt sehen. Auch wenn vielleicht das Wetter nicht so mitspielte, wie ich es mir wünschte. Ein wenig Zeit hatte ich ja aber glücklicherweise noch vor mir. So war ich voller Optimismus, dass es mit dem passenden Licht über dem Eisfjord schon noch klappt.

#102

Auf dem Weg zum Eisfjord gilt es zunächst, die Stadt Ilulissat zu durchqueren, bis man das Schlittenhundegelände erreicht. Dort werden die Tiere während der Sommermonate gehalten, bis sie mit dem ersten Schneefall wieder eingesetzt werden können. Entsprechend lässt sich der Weg zum Eisfjord auch nur schwerlich verfehlen. Im Zweifel immer dem Gehör nach. Auf dem Weg dorthin sah ich mich dann allerdings mit einigen geführten Wanderungen konfrontiert, die lauthals plappernd durch das Weltnaturerbe stapften. Diese Erfahrung “genoss” ich ja bereits 2015. Mit dem Voranschreiten der Zeiger auf der Uhr, lichtete sich dankenswerterweise das Eisfjordpublikum, bis ich zwischenzeitlich mit diesen beiden Genießern quasi allein dort verweilte. Ein erhabenes Gefühl.

#103

Zur besseren Übersicht ein Panorama über den Eisfjord und dessen Mündung in die offene See.
Die oben beschriebene erhabene Stimmung wehrte leider nicht allzu lang. Jäh unterbrochen wurde sie von einem acht- oder neunjährigen Jungen, der sich lautstark mit seiner Mutter und anderen Familienmitgliedern über die Felsen hinweg zu verständigen suchte. Anhand der verbalen Positionsbestimmungen identifizierte ich den Familientrupp als Russen, die mich schließlich in fürchterlichem Englisch nach einem Weg am Fjord entlang befragten. Ich erklärte ihnen welche Richtung sie einzuschlagen haben, garnierte meine Hinweise aber auch mit der Information, dass es für eine Wanderung am Fjord vielleicht auch schon ein wenig spät sei. Die Zeiten der Polarnacht sind vorüber, so dass mit Dunkelheit gerechnet werden muss. Dies schien die Familie nicht sonderlich zu interessieren, vielleicht verstanden sie mich aber auch einfach nicht. Nach etwa einer Viertelstunde verschwanden sie aus meiner Hörweite.

#104

Auch wenn es bei meiner Ankunft der Wolkenhimmel nicht erwarten ließ, schenkte mir der Wettergott zum Abschluss des Tages noch ein wenig Sonnenlicht. Zwar nicht viel, aber das war mir gleich. Die beinahe absolute Ruhe wurde durch ein wundervolles Farbenspiel bereichert. So blieb mir keine Wahl als mich niederzulassen, die Kapuze aufzuziehen (mit dem Verschwinden der Sonne wurde es spürbar kälter, unterstrichen durch einen beißenden Wind aus der Richtung des ewigen Eises) und in stiller Andacht dieses Bild zu genießen.Dabei schoß mir in den Sinn, dass zur Vervollkommnung des Augenblickes nun eigentlich noch ein paar Wale an der Eiskante auftauchen könnten. Dann wäre der Moment wirklich perfekt.

#105

Kaum dachte ich den Gedanken zu Ende, hörte ich lautes Schnauben. Dicht gefolgt von weiteren, ähnlichen Geräuschen. Nach kurzer Suche an der Eiskante, erspähte ich schließlich schwarze auftauchende Punkte. Als sich kurz nach deren Auftauchen majestätische Schwanzflossen aus dem Wasser hoben, konnte ich mein Glück kaum fassen. Eine Schule Buckelwale, nach meiner Zählung bestehend aus fünf Tieren. Sprachlos und völlig gebannt vergas ich meine komplette Umwelt und starrte fasziniert auf die sich bietende Szenerie.
Im Bild lässt sich einer der Wale finden. Geht man vom höchsten Punkt der kleinen Felseninsel in horizontaler Linie zum Eis nach links hinüber, entdeckt man vor dem Eis einen schwarzen Punkt im Wasser, dies ist einer der Buckelwale. Einer der wenigen Momente, in denen ich ein Mehr an Brennweite dann doch vermisste. Auf die Entfernung wäre aber wohl irgendetwas in der Gewichtsklasse eines 400/2.8 notwendig gewesen…

Tag 17 – Eisfjord Ilulissat

#106

Der Morgen begann mit einem ausgiebigen Frühstück und reichlich Kaffee. Da durch die Oberlichter der Unterkunft bereits die ersten Sonnenstrahlen hervorragendes Wetter ankündigten, hielt ich mich nicht länger als notwendig im Frühstücksraum auf, sondern packte flugs meinen Rucksack und machte mich auf den Weg zum Eisfjord. Dort lassen sich Wanderungen an der Fjordkante unternehmen, farblich unterschiedlich markiert, wobei es mich reizte, die längste der Touren unter die Sohlen zu nehmen. Die aufgestellte Infotafel versprach eine Distanz von ca 6km, nahezu stetig an der Kante des Fjords entlang. Dabei gab es zwei mögliche Startpunkte, ich wählte natürlich jenen, der direkt am Eis begann. Wie sich später herausstellte, eine nur mäßig kluge Idee.
Während der kleinen Wanderung zum Startpunkt traf ich wiederum auf eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Touristen, die einem der Ozeanriesen im Hafen entstiegen. So dauerte es gefühlt fast schon eine Ewigkeit, ehe mir endlich obige Aufnahme gelang, ohne jemandem im Weg zu stehen, oder dass mir jemand durchs Bild trottete. Entsprechend stellte sich bei mir die Erkenntnis ein, dass zwischen 9 und 10 Uhr ein schlechter Zeitpunkt ist, um zum Fjord zu laufen. Denn genau dann, beendeten die Kreuzfahrtschiffe wohl das Frühstück und sorgte mit Fahrten nach Ilulissat für ein unterhaltsames Vormittagsprogramm.

#107

Die meisten der Kreuzfahrttouristen belassen es glücklicherweise beim ausgebauten Weg zum Aussichtspunkt und ersparen sich die Kletterei über die Felsen. Entsprechend findet man auch recht schnell ein ruhiges Plätzchen, so man sich von etwas Anstrengung nicht abschrecken lässt.

#108

Wie man sieht, zeigte sich das Wetter im Prinzip von seiner besten Seite. Die leichte Bewölkung sorgte dabei für genau das richtige Maß an Drama. Leider führte das Hochdruckgebiet dazu, dass nur noch ein sehr schwacher Wind wehte, entsprechend erforderten die Moschusochsenfliegen mal wieder das Mosquitonetz.

#109

Auf dem Wanderweg, den ich nun einschlug, gab es immer mal wieder auch die Gelegenheit einen Blick zurück zu werfen. Hier sieht man beispielsweise recht deutlich, dass Ilulissat sich auf Touristen ganz gut eingestellt hat und einiges an Programm vorweist. Alle Boote sind auf Ausflüge mit Touristen spezialisiert und bieten Fahrten der unterschiedlichsten Kategorie zum Eis an.

#110

Erstaunlicherweise findet sich selbst hier, auf kargem, felsigen Untergrund, die erstaunlich zähe, aber auch sehr hübsch anzusehende Glockenblume, die ich bereits vom Trail kannte. Zusammen mit der Sonne und dem spektakulären Hintergrund ein sehr dankbares Motiv.

#111

Am Eisfjord gibt es drei farblich markierte Wanderungen, die in verschiedenen Routen am Eisfjord entlang führen. Die häufigste gewählte Tour ist vermutlich die rot markierte. Die einfachste und kürzeste. Eine weitere markierte Route führt mit gelben Hinweisen vom Eisfjord in die Stadt (oder umgekehrt, je nach Ausgangslage) und die längste und schwierigste Wanderung, mit blauen Hinweisen, führt in einem großen Bogen immer an der Kante des Fjords entlang von der Mündung bis zum Ende der Stadt. Ich entschied mich für die lange Strecke und stellte recht bald fest, das ich die falsche Entscheidung hinsichtlich der Richtung traf. Ich startete an der Mündung des Fjords, quasi dem HotSpot für alle Touristen und arbeitete mich auf dem Pfad immer weiter in Richtung Hinterland vor. Dabei geriet die traumhafte Kulisse leider immer stärker in meinen Rücken und ich blickte während der Wanderung immer mehr auf kargen Fels. Läuft man in die mir entgegengesetzte Richtung, läuft man geradewegs auf das Eis zu, sicherlich wesentlich reizvoller. Da ich aber keinerlei Zeitdruck verspürte (lediglich hinsichtlich der stark eingeschränkten Verkaufszeiten für Bier) stoppte ich sehr häufig und ließ die Kulisse auf mich wirken.

#112

Auf die Frage, wie dicht man dem Eis eigentlich kommt, hier als Antwort eine der kleinen vorgelagerten Inseln im Fjord. Wie man erkennt, hebt sich der Fels geschätzte vier bis fünf Meter aus dem eigentlichen Wasser. Bewuchs findet sich allerdings nur auf der äußersten Spitze der Insel. Eine Folge der wiederkehrenden, durch brechende Eisberge ausgelöste, Minitsunamiwellen, die eine ernsthafte Gefahr für Touristen darstellen, so sie sich denn zu dicht ans Wasser wagen.
Bei dieser Aufnahme fällt es mir immer wieder schwer zu glauben, dass all diese Eismassen im Hintergrund auf der Wasseroberfläche aufliegen und gemächlich Richtung Fjordmündung treiben.

#113

Nach etwa drei Stunden sehr gemütlichen Wanderns passierte ich diese Stelle, an der sich die Wanderung zwischen einer in den Fjord hinein ragenden Halbinsel hindurch zwängt. Ergo schwindet die Sicht auf den Fjord sehr schnell. Dort realisierte ich schließlich auch, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Da ich aber über ausreichend Zeit verfügte, stellte dies nun kein großes Drama dar.

#114

Eng am Pfad schlengelt sich ein kleiner Bach an den Strand. Da sich das Gewässer unmittelbar vor mir gabelte und in der Mitte einige trockene Steine eine wunderbare Rastmöglichkeit versprachen, nutzte ich die Gelegenheit. Der auserkorene Stein bot sogar genug Platz, sich der Länge nach hinzupacken, umwirbelt von glasklarem, rauschenden und gurgelnden Wasser, welches in seiner Köstlichkeit den Quellen auf dem Arctic Circle Trail in nichts nach stand. Da ich klugerweise vom Frühstück noch etwas Wegzehrung abzweigen konnte, genoss ich nun bei ausreichend Wind ohne Netz vor dem Gesicht eine längere Rast und etwas Nahrung. Ein wundervolles Gefühl der absoluten Entspannung. Da das Wasser auch recht laut an mir vorbei rauschte, nahm ich die fünf oder sechs Wanderer, die an mir vorüberzogen, nur sehr verzögert wahr. Lediglich zwei Dänen prosteten mir lautstark zu und beglückwünschten mich zu meiner hervorragenden Rastplatzwahl.

#115

Nach dem Ende meiner ausgiebigen Pause nahm ich nun die letzten Kilometer zum Endpunkt der Wanderung unter die Sohlen. Dabei stieß ich unter anderem auf diesen See, der wohl als Trinkwasserreservoir für Ilulissat genutzt wird. Leider befand ich mich nach einem kurzen Abstieg in windgeschützter Lage, so dass ich alsbald ohne Netz vor dem Gesicht keinen entspannten Schritt mehr gehen konnte. Nach einem erstaunlich knackigen Anstieg erreichte ich eine Art Plateau, das einen Blick auf Ilulissat ermöglichte.
Zum Ende hin wird der Wanderweg etwas unübersichtlich, mitunter verliert er sich inmitten eines Schlittenhundegeländes, so dass man schon ein wenig die Augen offen halten sollte um nicht einem schlafenden Hund unvermittelt auf die Pfoten zu treten. Nach einer kurzen Orientierungspause schlug ich schließlich den Weg direkt in den Ortskern ein und folgte einer spontanen Eingebung gehorchend einer kleinen Gruppe zur Touristeninformation. Dort fand ich recht schnell eine Übersicht der angebotenen Ausflüge inklusive der jeweiligen Startzeit. Nach kurzer Suche stieß ich schließlich auf eine Bootstour zum Eis in den Abendstunden am Folgetag. Auf Nachfrage reservierte mir die sehr freundliche und humorvolle junge Dame an der Rezeption tatsächlich den letzten Platz auf der Fahrt. Kein ganz günstiges Unterfangen, aber, wie sich später herausstellte, absolut lohnenswert!
Im Anschluss durchstöberte ich noch das lokale Bierangebot und erwarb noch etwas Nahrung für den Tag. In meine Unterkunft zurückgekehrt, legte ich eine Pause ein, die Wanderung hatte mich doch mehr geschafft, als ich zugeben wollte. Da ich aber am Abend fit und ausgeruht sein wollte, dehnte ich meine Mittagspause voller Vorfreude recht ordentlich aus.

#116

Nach ausgedehnter Mittagsruhe schlenderte ich zunächst ein wenig durch die Straßen Ilulissats, bis ich auf ein Burger-Restaurant stieß. Da dies auch von Einheimischen frequentiert wurde, beschloß ich, mir eine ordentliche Mahlzeit zu gönnen. Die bestellte Portion sorgte dafür, dass ich den restlichen Abend nicht mehr hungerte und die Zeit bis zum Frühstück problemlos durchhielt…
Im Anschluss suchte ich nach dem Startpunkt der schon angesprochenen, gelb markierten Route, da ich mir fest vornahm, zum Sonnenuntergang am Eisfjord zu stehen. Wie man in obiger Aufnahme erkennt, gestaltete sich bereits gute zwei Stunden vor dem tatsächlichen Sonnenuntergang die Kulisse höchst ansehnlich und malerisch. Hier der Blick über das offene Meer.

#117

Noch am selben Standort, nur etwas weiter nach links, Richtung Eisfjord geschwenkt, ließen sich die zurückkehrenden Ausflugskutter im Abendlicht ziemlich gut einfangen.
Obwohl auch an diesem Abend ein großes Kreuzfahrtschiff vor Ilulissat vor Anker lag, bewanderte ich den Pfad weitestgehend allein. Lediglich ein Ehepaar überholte mich dann und wann, ehe sie stehen blieben, Fotos aufnahmen und ich nun meinerseits die beiden wiederum überholte. Alles in allem, eine wundervoll entspannte Wanderung mit einem kaum in Worte zu fassenden Ausblick.
Lediglich die Moschusochsenfliegen legten eine Spätschicht ein, so dass ich auch an jenem Abend mal wieder mein Netz vors Gesicht ziehen durfte.

#118

Eis im Licht der untergehenden Sonne, für mich einer der schönsten Anblicke, den es geben kann.

#119

Die Ruhe, die mich an diesem Plätzchen umgab, habe ich mal versucht mit diesem Bild einzufangen. Wirklich zeigen lässt sie sich aber nicht. Unterbrochen wurde diese Idylle lediglich vom Heulen der Schlittenhunde. Diese ruhen allerdings derartig weit entfernt, dass das Geheule nicht zum nervigen Lärm anschwillt, sondern eine ganz eigene, wildromantische Stimmung erzeugt.
Wie schon am Abend vorher mahlte ich mir aus, dass diese Szenerie nur noch von Walen gekrönt werden könnte.

#120

Kaum zu Ende gedacht, tauchte eine Schule Buckelwale auf. Wenn ich richtig zählte, müssten es fünf Tiere gewesen sein. Da ich über ausreichend Zeit verfügte, saß ich bestimmt eine gute halbe Stunde an diesem Fleck und rührte mich keinen Meter. Ich genoss diesen wundervollen Moment in ganzer, epischer Angemessenheit.

#121

Das Licht zum Ende des Tages ließ sich, wie man unschwer erkennen kann, wahrlich nicht lumpen, so dass ich die Möglichkeit nutzte, eine ganze Reihe von Bildern aufzunehmen. Auch wenn der Kalender schon das Ende des Augusts verzeichnete und die Luft erstaunlich schnell zum Abend hin abkühlte, währte die Dämmerung und das zauberhafte Licht noch immer ausreichend lang, so dass beim Fotografieren keinerlei Hektik entstand. Ein ganz großer Vorteil so hoch im Norden als Landschaftsfotograf.

#122

Dem gelben Pfad folgend näherte ich mich nun wieder dem unmittelbaren Hinterland des Eisfjords an. Passend untermalt durch das vielstimmige Geheule der Schlittenhunde.

#123

Nach einem kurzen aber knackigen Anstieg bot sich mir dieser großartige Ausblick über die Mündung des Fjords. An diesem stauen sich die Eismassen, bis sie durch den Druck der nachschiebenden Eisberge zerbrechen und leicht genug werden, die unter Wasser verborgene Moräneschwelle zu überqueren.

#124

Der Pfad führte im Anschluss in einem Bogen vom Fjord weg, bis am Zeltplatz Ilulissats die drei Wanderrouten aufeinander treffen. Dabei führt der Weg auch am örtlichen Friedhof vorbei, an dem ich es mir nicht nehmen lassen konnte, auch mal einen Sonnenstern aufzunehmen. Ein wenig vertieft ins Herumexperimentieren realisierte ich ein wenig spät, dass die Wolkendecke sich immer weiter gen Horizont zu zuschieben schien. So kam nun doch kurzzeitig ein wenig Hektik auf, wollte ich doch das güldene Licht unwahrscheinlich gern auf dem treibenden Eis fotografieren. Vom besagten Punkt der drei Pfade aus, hat man noch gut einen Kilometer zurückzulegen, ehe man wieder an der Kante des Eisfjords steht. Entsprechend zügig schritt ich aus und ließ stirnrunzelnd drei oder vier Reisegruppen hinter mir.

#125

An der Kante des Fjords angekommen, schienen sich meine Befürchtungen zu bestätigen. Ein dickes Wolkenband schob sich am Horizont entlang und drohte das erhoffte Farbspektakel zu verhindern. Missmutig versuchte ich aus den Gegebenheiten das Optimale herauszuholen.

#126

Glücklicherweise ließ ich mich von den miserablen Vorzeichen nicht beeindrucken, sondern harrte bei 4°C und ziemlich beißendem Westwind am Eisfjord aus. Und siehe da, nach etwa einer halben Stunde schob sich die Sonne dem Horizont entgegen und erhaschte eine Lücke im Wolkenvorhang. So kam ich zunächst in den Genuss eines traumhaften Farbenspiels auf dem Eis.

#127

Dieses Farbenspiel dehnte sich danach noch ein wenig auf den Himmel und die Wolken aus. Als schließlich im Süden auch noch der Mond aufging, wusste ich gar nicht mehr wohin mit mir und meiner Glückseligkeit. Aufgeregt wie ein Huhn hüpfte ich von einer Position zur nächsten, völlig überwältigt von diesem Naturschauspiel.

#128

Ein wenig später verschob sich das Farbspektakel gänzlich auf den Himmel, was wiederum kaum in Worte zu fassende Kontraste zwischen Eis und Firmament hervorbrachte.

#129

Auch wenn ich bereits das dritte Mal in Grönland meinen Urlaub verbrachte, nach Momenten wie diesen, kann ich mir, auch mit reichlich Abstand, einfach kein schöneres Reiseziel vorstellen. Vor solch einer Kulisse auf dieser Bank zu sitzen, bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und einem schneidigen Seewind um die Nase, so ähnlich muss mein Paradies aussehen.

#130

Leider vergeht aber Ende August auch soweit oben das schönste Abendrot, so dass ich nach dieser Aufnahme schließlich den Rückweg antrat. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass ich den Abend am Eisfjord nach einem kurzen Intermezzo völlig für mich genießen konnte.
Angereichert mit Glückshormonen bis unter die Schädeldecke trabte ich in mein Hotel zurück und begoß diesen wundervollen Abend mit einem gut gekühlten (ich hatte tatsächlich am Tage vergessen mein Fenster zu schließen…) Bier. Noch beim Einschlafen wollte sich der Gedanke breit machen, dass dieser Abend wohl nur noch schwer zu toppen wäre.

Tag 18 – Bootstour auf dem Eisfjord

Der nächste Morgen begann recht gewöhnlich mit dem einfachen aber nicht minder gutem Frühstück. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dass ich nun auch mal den anderen Teil Ilulissats erkunden wollte, sprich nördlich des Hafens. Möglicherweise gab es dort ja auch noch interessante Sachen zu entdecken, die ein gewöhnlicher Reiseführer verheimlicht. Das Wetter zeigte sich an jenem Tag mal wieder von der besten Seite, leider wehte nur ein ganz laues Lüftchen, so dass ich erneut zur Schonung meiner Nerven auf das Mosquitonetz zurück greifen musste. So schlenderte ich zunächst über die Brücke, welche den Hafen überspannt und ich kam nicht umhin festzustellen, dass die Parksituation in Ilulissat der in anderen Großstädten in nichts nachzustehen scheint. Nur dass es hier weniger um mangelnde Flächen für Autos geht, als viel mehr um mangelnde Liegeplätze für die Boote der Einwohner.

#132

Meine Erwartung hinsichtlich des “anderen” Viertels wurde weitestgehend enttäuscht, so dass es mich bei dem herrlichen Wetter nach etwa einer Stunde Stadtbummel wieder an den Eisfjord zog. Das Treiben des Eises empfand ich als wesentlich spannender, als das geschäftige Treiben im Hafen, zumal ein weiteres größeres Kreuzfahrtschiff vor Ilulissat vor Anker lag. So erwarb ich lediglich einen, unerwartet guten, Kaffee an der Bootstankstelle im Hafen, schaute dem Gewusel für einen Moment lang zu und kehrte dann vor den ersten eintreffenden Kreuzfahrttouristen an den Fjord zurück. Rechtzeitig, um ein gemütliches und vor allem ruhiges Eckchen abseits der Haupttouristenroute zu finden. Dort ließ ich mir in aller Ruhe die Sonne auf den Pelz brennen und genoß den Augenblick.

#133

Nach einiger Zeit des herrlich befreienden Nichtstuns, meldete sich mein Magen und verlangte nach Nahrung. Da ich den letzten Tag in Ilulissat verbrachte, entschloss ich mich, mir noch mal ein ordentliches Mahl zu gönnen. Dieses bestand aus einem reichhaltigen Burger und einer gefühlten Schubkarre Pommes. Halt etwas Kleines für zwischendurch. Im Anschluss kehrte ich in meine Unterkunft zurück und beschloss, mich noch ein wenig aufs Ohr zu legen, ehe am Abend die Bootstour startete.

#134

Angesetzt war die Fahrt von 20:00 Uhr bis etwa 22:30 Uhr. Entsprechend dick packte ich mich ein, wobei ich auf dem Weg von meiner Unterkunft zum Treffpunkt ordentlich ins Schwitzen kam. Im Hafen angekommen (tatsächlich gab es einen Transfer mit Kleinbussen für etwa 1km…), sicherte ich mir direkt einen Platz im Heck des Schiffes, wo eine Seekiste eine optimale Sitzgelegenheit bot. Gewusst wie. Als sich der Kutter schließlich langsam in Bewegung setzte und wir aus dem Hafenbecken glitten, saß ich erwartungsvoll auf der Kiste und harrte der Dinge, die da kommen mögen. Nach etwa 20 Minuten Fahrt erreichten wir die ersten Ausläufer des Eisfjords und die Sonne gab sich große Mühe, ein spannendes Farbspektakel beizutragen.

#135

Da das Abendlicht trotz des fortgeschrittenen August noch wesentlich länger anhält als in unseren Breiten üblich, gab es genug Zeit diverse Ereignisse vor einem zart leuchtenden Abendhimmel abzulichten. So auch die Schule Buckelwale, die ich bisher ja schon jeden Abend, den ich in Ilulissat verweilte, am Rande des Eises antraf. Diesmal nun aber aus wesentlich geringerer Entfernung. Die Burschen ließen sich dabei durch die Anwesenheit der Boote, neben uns fuhren noch zwei weitere Kutter eine wackere Tourischar an den Rand des Eises, wenig bis gar nicht stören. Wenn es ihnen doch mal zu viel wurde, oder die Boote zu dicht kamen, tauchten sie ab und wenig später irgendwo im Eis wieder auf.

#136

Während der Fahrt passierten wir ein ums andere Mal auch interessant geformte und gestaltete Eisberge. So wie hier, fast schon eine Art Garage. Es wird in diesem Falle wohl auch nicht mehr allzu lang dauern, bis dieser Koloss zerbröckelt und damit leicht genug wird, sich über die Moränenkante unter Wasser zu schieben und seine Reise ins offene Meer anzutreten. Die Aushöhlungen und die tiefen Spalte im rechten Bereich sind deutliche Anzeichen dafür und gleichzeitig auch eine Art Warnsignal, nicht zu dicht heran zu fahren.

#137

Aufgrund der Wolken am Himmel entstanden immer wieder unterschiedliche Lichtstimmungen, die die unzähligen Schattierungen und Farbtöne des Eises hervorhoben. In diesem Falle versteckte sich die Sonne für einen Moment hinter den Wolken, so dass das intensive Blau und Türkis des Eises so richtig zur Geltung kam.
Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme war bereits die erste Stunde des Ausflugs verstrichen und die offenen Bereiche des Schiffes leerten sich allmählich. Die Kälte vertrieb bereits jetzt schon mehr als die Hälfte aller Mitfahrer in die beheizten Innenbereiche. Entsprechend hatte ich reichlich Raum und Platz um mich herum, den ich zusammen mit einer sympathischen jungen Dänin und einem nicht minder sympathischen, japanischen Fotografen genoss. Unterdessen erklärte einer der Guides den Passagieren im Inneren, wie es zu den unterschiedlichen Färbungen des Eises kommt.

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Unterdessen sank die Sonne unter bereits angesprochene Wolke und ließ nun das Eis und die Umgebung in immer kräftigeren Rottönen erstrahlen. Einfach traumhaft! Und ich war ursprünglich der Meinung, dass der Abend tagszuvor nur noch schwer zu übertreffen sein dürfte.

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Das Farbenspiel, welches wir erlebten, ließ sich kaum in Worte fassen. Das Rot auf dem Eis wurde immer intensiver, so dass gefühlt die gesamte Umgebung anfing im zarten Pastellrosa zu strahlen.

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Der Blick in die andere Richtung, als die Sonne für einen kurzen Augenblick komplett durch die Wolkendecke brach.
In jenem Moment kam ich mit einer Dänin auf dem Schiff ins Gespräch, die sich, wie schon erwähnt, ebenfalls nur zum Tee/Kaffee holen unter Deck begab und den Rest der Zeit das Naturschauspiel bewunderte. Im Gespräch kamen wir auch darauf zu sprechen, dass sie aus Aalborg kommt, eine Stadt, die ich bei zahlreichen Reisen nach Dänemark sehr zu schätzen gelernt habe. So hatten wir gleich ein gutes Fundament für ein Gespräch. Sie erzählte mir, dass die grönländische Reederei Royal Arctic ihren Zweitsitz in Aalborg hat und nahezu der gesamte Import von Dänemark nach Grönland über Aalborg abgewickelt wird. Entsprechend eng sind auch die sozialen Verflechtungen zwischen Aalborg und Grönland. Für mich erklärte sich damit im Nachhinein, weshalb mir Aalborg als Stadt so sympathisch ist.

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Nach dem kurzen Plausch ließen wir uns aber wieder recht schnell vom Zauber der Umgebung einfangen. Dabei entstand diese Aufnahme, die offen gesagt, mein absoluter Favorit aus den Bildern der Reise ist.

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So langsam ging nun aber auch der schönste Abend einmal zu Ende. Die Sonne verschwand ganz allmählich hinter dem Horizont und der Kapitän nahm Kurs auf den Heimathafen. Auch jetzt konnte ich mich allerdings nicht durchringen, das offene Deck zu verlassen. Meine Füße froren zwar schon fast auf dem Deck fest, aber ich konnte mich einfach nicht von diesem Anblick losreißen.

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Und hier nun das letzte Bild von meiner Reise nach Grönland 2018.
Nach der Rückkehr in den Hafen hieß mein Ziel direkt zurück zur Unterkunft und erstmal einen warmen Tee ansetzen. Dabei kam ich noch kurz mit einigen anderen Gästen ins Gespräch, denen ich voller Euphorie eine Bootstour zu dieser Tageszeit wärmestens ans Herz legte. Im Anschluss packte ich meine sieben Sachen zusammen und verkroch mich ein letztes Mal in Ilulissat in meiner Bettdecke.
Der darauffolgende Morgen begann so entspannt wie die übrigen, wenngleich sich meine Stimmung wie der Himmel mehr und mehr eintrübte. Da mein Flieger nach Kangerlussuaq erst gegen 12 Uhr abhob, beschloss ich den Weg zum Flughafen zu Fuß zurück zu legen und so die arktische Natur noch ein wenig intensiver zu genießen. Kurzzeitig keimte in mir die Hoffnung auf, dass der Flug aufgrund des Wetters vielleicht ausfallen müsste, dem war aber leider nicht so. Pünktlich (!) rollte die Maschine aufs Startfeld und während des Starts erhaschte ich noch einige Blicke auf den Eisfjord. Richtung Kangerlussuaq besserte sich das Wetter schlagartig und ich erhielt noch mal einen Überblick über das Gelände, in dem ich mich vor gut einer Woche mit Rucksack und Zelt durchschlug.
In Kangerlussuaq angekommen stand nun die Suche nach einer Unterkunft auf dem Programm, denn diese hatte ich im Vorwege nicht gebucht. So führte mich mein Weg schnurstracks zum Hotel, in dem wir die erste Nacht verbrachten. Dort fand ich einen Zettel, man möge sich aufgrund von Abwesenheit des Personals im Flughafen melden. Also lief ich die 750m wieder zurück um an benanntem Schalter die Information zu erhalten, die Rezeption des Hostels sei nun wieder besetzt und man möge sich direkt melden. Ich also wieder zurück, wobei mir die etwas unfreundliche und gestresste Dame knapp mitteilte, dass sie keinen Schlafplatz mehr hätte. Ich solle mich anderweitig umsehen. Es gäbe noch etwas weiter draußen das “Old Camp”, in der ursprünglichen Siedlung Kangerlussuaq, etwa zweieinhalb Kilometer zu Fuß. Genervt durch das Hin und Her und die etwas unwillige Dame, stapfte ich wütend nach draußen und nahm den Weg unter die Füße. Nach der Hälfte der Strecke donnerte dann der Stadtbus an mir vorbei. Einen kühlen Kopf zu bewahren, wäre wohl sinnvoller gewesen.
Nach zweieinhalb staubigen Straßenkilometern erreichte ich das Old Camp und wurde direkt ausnehmend freundlich begrüßt. Die sehr freundliche Dame am Empfang hatte seinerzeit in Deutschland studiert und freute sich sehr, ihre Deutschkenntnisse wieder einmal anwenden zu können. Sie erfragte auch sogleich, wie lange ich in Grönland war, da man mir wohl recht deutlich ansah, dass ich mich auf dem Rückweg befand. Sie versuchte mich dann auch etwas aufzuheitern und erklärte mir, dass jedes Ende einer Grönlandreise, quasi schon die Vorfreude auf die nächste Grönlandreise in sich birgt. Wahre Worte, auch wenn die Aussicht, dieses Jahr nicht nach Grönland zu kommen, mir schon fast körperliche Schmerzen bereitet.
Den Rest des Tages lag ich immer mal wieder in der Sonne herum, es hatte erstaunliche 23°C und schlief schließlich mit der vagen Hoffnung ein, dass der Flug nach Kopenhagen am folgenden Tag, eventuell ausfallen könnte.
Das Frühstück im Old Camp war einfach aber irgendwie auch großartig. Wirkte mehr wie in einem Hostel, in dem sich sehr viele, sehr verrückte Leute zusammen finden und bereitwillig über die erlebten und bestandenen oder die erwarteten und bevorstehenden Abenteuer austauschten. Ich traf dabei auch noch den ein oder anderen ACT-Wanderer, denen ich dringlichst davon abriet, die Brücke zu nehmen. Diese versprachen nach dem sechsten oder siebenten Hinweis, dass sie nicht mal auf die Idee kommen wollten, die Flussdurchquerung zu vermeiden.
Im Anschluss packte ich meine sieben Sachen zusammen, stieg in den bereitstehenden Bus und ließ mich zum Flughafen kutschieren. Nach dem Einchecken und der Sicherheitskontrolle verfügte ich noch über reichlich Zeit und musste leider feststellen, dass das Wetter in Kangerlussuaq wohl keinen Flugausfall ermöglichte. Während ich meinen Kaffee schlürfte und mit einem Dänen ins Gespräch kam, der nach seinem ersten Besuch der weltgrößten Insel das Feuer des arktischen Virus in Augen erkennen ließ, erschallte eine Durchsage, dass es aufgrund schlechten Wetters an der Ostküste Grönlands zu Verspätungen in Richtung Kopenhagen käme. Schlagartig besserte sich unserer beider Stimmung, wurde aber keine halbe Stunde nach der Durchsage zunichte gemacht, da die Verspätung mit lediglich 30 Minuten angegeben wurde und wir kurz darauf den Airbus am Himmel erkannten.
Letztlich lief soweit (leider) alles glatt und wir landeten pünktlich am späten Abend in Kopenhagen, bei gefühlten 30°C. Mein Versuch, ein Zugticket nach Kiel zu erstehen scheiterte an den Automaten der DSB allerdings kläglich. Eine ausgesprochen unhöfliche Bedienstete der Staatsbahn teilte mir maulend mit, dass Fahrkarten ins Ausland nur an einem Schalter zu kaufen seien. Diese öffneten in Kopenhagen auf dem Hauptbahnhof um 8 Uhr. Auf meine Frage, ob ich die verbleibenden 10 Stunden hier auf dem Flughafen oder im Bahnhof verbringen solle, erhielt ich lediglich weiteres Gemaule zur Antwort. Glücklicherweise hatte ich solche eine ähnliche Situation schon einmal erlebt und buchte mir nach einer kurzen Schockzigarette meine Fahrkarte übers Internet. Diesen Hinweis hätte ich eigentlich von der Dame der DSB erwartet, aber vermutlich wurde sie von der Deutschen Bahn ausgebildet.
So kam ich schließlich, nach drei vollen Wochen Grönland zur Mittagszeit (mit lediglich 2,5 Stunden Verspätung, ein herzliches Danke an die Deutsche Bahn!) in Kiel an und fühlte mich von allem überfordert. Die Temperaturen passierten die 30°C-Marke, es herrschte ein unfassbares Gewusel am Bahnhof und in der Stadt, unglaublich viele Autos kurvten durch die Straßen… am liebsten wäre ich auf dem Absatz umgekehrt und wieder zurück geflogen.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine außergewöhnliche Zeit auf Grönland (wieder einmal), wundervolle Erfahrungen, Begegnungen und schräge Situationen. Und ja, ich kann es kaum erwarten, hoffentlich bald (2020) wieder auf die Insel zurückzukehren.