Tag 10 Etappe 9, Hütte am Fjord Kangerluarsuk Tulleq –> Sisimiut


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Recht früh am Morgen krabbelten wir aus unseren Schlafsäcken und stellten überrascht fest, dass die Tschechen bereits außer Sichtweite gewandert waren. So genossen wir die morgendliche Ruhe und ein letztes Trekkingfrühstück. Mit einiger Routine bauten wir unsere mobile Behausung ab und verstauten die übrigen Sachen in unseren Rucksäcken. Das ganze Schauspiel dauerte mittlerweile keine volle Stunde mehr. Wirklich erstaunlich, hatten wir zu Beginn der Tour noch fast zwei Stunden für die gleiche Prozedur benötigt.
Laut Tourbeschreibung, stand uns zunächst ein kleiner Anstieg direkt an der Hütte bevor, wobei wir direkt skeptisch wurden, da Pfad und Trail, gut zu erkennen etwa 200m entfernt an der Hütte vorbei führten. Auch ein Schild fanden wir, dass uns die Richtung zum Arctic Circle Trail wies. Welche Gründe uns auch an dieser Stelle bewogen, unserem Reiseführer mehr Vertrauen zu schenken, als den wirklich unverkennbar offensichtlichen Hinweisen in der unmittelbaren Umgebung, erschließt sich mir rückblickend nicht. Nach Aussage unseres Buches, sollten wir uns an ein Steinmännchen halten, das auf einem Hügel oberhalb der Hütte gut zu erkennen sein sollte. In der Tat, dort gab es tatsächlich ein Steinmännchen. Also stiefelten wir auf dieses Männlein zu, um dann allerdings festzustellen, dass das Männlein nicht etwa einen Pfad markiert, sondern viel mehr einen herrlichen Blick über den Fjord. Grundsätzlich auch ganz schön, aber in unserem Falle nicht sonderlich zielführend. Ein Blick auf das GPS-Gerät schuf Gewissheit, wir hatten uns erneut von unserem Buch ins Bockshorn jagen lassen. So kletterten und solperten wir einen ansehnlichen Abhang hinunter, kraxelten im Anschluss einen sanften Hügel hinauf und fanden uns schließlich kaum 500m von der Hütte entfernt, endlich wieder auf dem ACT ein. Der Zeitverlust betrug dabei etwa eine dreiviertel Stunde. Ganz große Klasse! Dabei standen für diesen Tag schlanke 22,5km an, inklusive eines heftigen Anstiegs nach den ersten zwei Kilometern. Da wir nicht mitten in der Nacht in Sisimiut ankommen wollten, sackte unsere Laune über die verschenkte Zeit und auch den halsbrecherischen Abstieg merklich in den Keller. Immerhin entschädigte uns der Pfad, der sich recht dicht an der Fjordkante entlang schlengelte, mit wunderschönen Aussichten. Nach etwa anderhalb Kilometern erkannten wir hinter uns eine Gestalt auf dem Pfad. Es dauerte auch nicht allzu lang, bis sie uns einholte. Wir kamen mit dem Grönländer kurz ins Gespräch. Er hätte vor zwei Tagen im Kanucenter übernachtet (grob geschätzt beträgt die Entfernung etwa 85-90km…). Auf unsere erstaunten Blicke reagierte er mit der Aussage, dass er seit dem Kanucenter langsamer unterwegs sei, irgendwie habe er Schmerzen im Bein. Er hätte Sisimiut eigentlich bereits gestern erreichen wollen. Sprachs und rannte den Anstieg von 400hm auf 1,5 km vor unseren Augen in einem atemberaubenden Tempo hinauf. Bei uns lief es nicht mal annähernd so rasch, dieser letzte Anstieg forderte mir zumindest, nochmal so einiges ab. Völlig erschlagen und körperlich ziemlich am Ende, erreichten wir die Kuppe etwa zur Mittagszeit. Wir hatten seit unserem Aufbruch an der Hütte zwar kaum Strecke bewältigt, das größte Hindernis lag nun aber hinter uns. Entsprechend gönnten wir uns eine ausgedehnte Pause. Dabei entstand auch obige Aufnahme, die erneut den Fjord zeigt. Die Hütte liegt hinter dem Bergrücken auf der rechten Seite, auf dem Hügel der in den Fjord hineinragt.

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Unseren Rastplatz wählten wir dabei nicht zufällig, sondern an dieser netten Hütte, ein funktionstüchtiges Klohäusschen. Nicht mehr und auch nicht weniger. Weshalb diese Hütte dort steht, konnte mir bisher niemand beantworten. Mir kam sie jedoch sehr gelegen, zumal man in diesem Häuschen auch vor den lästigen Fliegen seine Ruhe hatte. Als wir unsere Pause beendeten, traf ein weiterer Wanderer, aus Sisimiut kommend, an unserem Plätzchen ein. Dieser wollte die Hütte nutzen, um sich ein kleines Päuschen zu gönnen. Sein Gesicht war Gold wert, als er erkannte, wozu die Hütte dient. Selten habe ich ein Klohäuschen in solch einer exponierten Lage gesehen. Diese Episode hob dann auch gleich wieder unsere am Boden liegende Stimmung.

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Der Pfad führte uns über eine Hochebene, in der wir einem Flusslauf folgten. Die Hochebene barg den kaum zu überschätzenden Vorteil, dass vorerst keine Kriechweiden mehr unseren Weg säumten und auch die Beschaffenheit des Pfades ein fast schon entspanntes Wandern zuließ. Lediglich ein paar Felsbrocken erforderten gelegentlich ein höheres Maß an Aufmerksamkeit. Nach etwa zwei Kilometern kamen wir an einem ersten direkten Zeichen der Zivilisation vorbei, sieht man von dem Klohäuschen einmal ab. Etwas abseits des Pfades konnte man die Hütte des Sisimiuter Schneemobilclubs erkennen. Entsprechend veränderte sich nun auch die Markierung des Trails, denn die Strecke nutzen die Einwohner Sisimiuts wohl auch für Schneemobilfahrten. Im weiteren Verlauf passierten wir einige malerische Seen, die uns zu der einen oder anderen kurzen Pause einluden und mit köstlichem Trinkwasser versorgten. So langsam realisierten wir nun auch, dass dies die letzten Kilometer auf dem Trail für uns sein würden. Wir hatten es also tatsächlich, trotz aller Widrigkeiten, beinahe geschafft.

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Ein kleines Selfie auf beschriebener Hochebene.

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Dem Höhenprofil nach zu urteilen, erwartete uns noch ein etwas heftigerer Abstieg, bis wir schließlich einen relativ großen Bogen schlagen und direkt auf Sisimiut zulaufen würden. Da sich das Wetter an jenem Tag wieder von seiner eher prächtigen Seite zeigte, genossen wir vor dem Abstieg noch einmal ausgiebig die Aussicht auf das zu durchquerende Tal. Die Schönheit und die Erhabenheit dieses Anblicks nahm uns dabei völlig gefangen. Schon etwa fünfhundert Meter vor diesem Punkt, ließ sich erahnen, welch Anblick kurz vor dem Abstieg auf uns wartete. Als wir nun schließlich an diesen Punkt kamen, verschlug es uns vor Staunen schlicht die Sprache. Ganz in der Ferne lässt sich übrigens bereits das offene Meer sehen.
Im Bild lässt sich der Pfad und damit auch unser weiterer Weg ziemlich gut erkennen. Er würde uns rechts an dieser imposanten Bergkette entlang führen, so dass wir hinter der Hügelkuppe rechts im Bild, das erste Mal Sisimiut in den Blick bekommen müssten.

#84

Nahezu die gleiche Stelle, nur mit etwas mehr Weitwinkel. Die Wanderung durch die Hochebene zählt zu meinen Favoriten des gesamten Weges. Nicht nur, weil wir uns dem Ende der Tour näherten, sondern auch, weil es sich, wie beschrieben, fast schon mühelos wandern ließ. Sieht man von einem kleineren Gebiet eines Felssturzes mal ab, bei dem einige imposante Felsbrocken umgangen und überklettert werden wollten. Sollte ich eigentlich noch erwähnen, dass dieses Geröllfeld in unserem Reiseführer nicht auftauchte?
Die markante Bergkette im Hintergrund findet man häufig auch auf Ansichten Sisimiuts. Der höchte Berg heißt Nasaasaaq, 784 Meter hoch. Diesen kann man wohl auch besteigen, es wird allerdings dringend dazu geraten, sich für diese Kletterei einen heimischen Guide zu organisieren. Unser großartiger Reiseführer weist übrigens ausdrücklich darauf hin, dass bei einsetzendem Nebel, die erhoffte Aussicht über die Fjordlandschaft verwehrt werden könnte. Darauf wären wir mit Sicherheit auch nicht von allein gekommen.

#85

Nach dem Abstieg ins Tal, der uns vor keine allzu großen Hürden mehr stellte, sieht man von zwei, drei matschigen Passagen ab, kamen wir an die letzte Flussquerung des Trails. Keine Ahnung, woher uns urplötzlich die Weisheit hinterrücks überfiel, aber nach etwa zwei Minuten des Absuchens nach einer geeigneteren Stelle, entschlossen wir uns diesmal, direkt die Watschuhe anzuziehen und den Fluss an der angeratenen Stelle zu queren. Ganz zum Ende holte uns die Wandererweisheit tatsächlich noch ein. Das Furten selbst stellte ebenfalls keine große Herausforderung dar. Das Gewässer strömte nicht sehr heftig in Richtung Meer, lediglich die Temperatur des Wassers sorgte im ersten Moment für weit aufgerissene Augen und etwas Schnappatmung.

#86

Der Blick in die andere Richtung des Flusses. Das Tal, das wir durchwanderten, wartete mit einem einzigen größeren Nachteil auf. Dem Nachteil des relativ allumfassenden Windschutzes. Dies führte wiederum dazu, dass wir auch hier unsere Mosquitonetze nicht abnehmen konnten. Glücklicherweise wehte aber ein laues Lüftchen direkt am Fluss, so dass wir nach dem erfolgreichen Furten, die Gunst der Stunde nutzten und eine längere Pause einschoben. Diese konnten wir ob des schwach wehenden Windes tatsächlich auch ohne Netz genießen, das Gesicht dem wehenden Lufthauch zugewandt. So genossen wir das wohlige Gefühl nach dem Queren eines Flusses, wenn das Blut rauschend in die Füße zurückkehrt und diese anfangen vor Wärme zu glühen. In jenem Moment fiel uns auch keine Erklärung mehr ein, weshalb wir bei den übrigen Furten jedes Mal solch einen enormen Aufwand betrieben, um möglichst eine Stelle zu finden, die das Wechseln der Schuhe obsolet werden ließ.

#87

Nach etwa einer guten Dreiviertelstunde Pause wuchteten wir die Rucksäcke erneut auf unsere Schultern und nahmen die letzten neun Kilometer unter die Sohlen. Nach etwa einer halben Stunde tauchte auf der rechten Seite ein Skilift auf, ein weiteres, untrügliches Zeichen, dass wir uns unserem Zielort stetig näherten. Etwa auf gleicher Höhe kam uns ein einheimischer Fahrradfahrer auf einem Mountainbike entgegen. Wir verließen nun endgültig die Wildnis des Arctic Circle Trails und näherten uns der Zivilissation. Etwas wehmütig nahm ich daher dieses Bild auf, einem Blick zurück.
An der Stelle, wo sich die Hügelkette links und rechts absteigend treffen, nahm ich übrigens die Bilder #83 und #84 auf. Dort führte uns der Weg in das Tal, welches wir bereits nahezu durchwandert hatten. Dabei stellte sich bei mir ein Wechselbad der Gefühle ein. Einerseits konnte ich es kaum Abwarten unter eine Dusche zu kommen und ein Essen einzunehmen, dass nicht ausschließlich auf kochendem Wasser basierte. Andererseits bedeutete das Ende des Trails auch, dass wir nun wieder in die Zivilisation gelangten und der Einfachheit des Trekkinglebens den Rücken kehrten. Letztlich überwog aber die Vorfreude und erstaunlicherweise zog unser Tempo auch noch ein wenig an. Wobei dies nicht mit dem sanften Gefälle zusammenhing, den der Trail auf den letzten Kilometern aufwies. Es hing wohl eher mit der Aussicht auf ein kühles Bier zusammen.

#88

Die besagte letzte Biegung und möglicherweise auch das letzte Steinmännchen des Trails. Kann aber auch sein, dass mich im Punkt mit dem Steinmännchen meine Erinnerung trügt. Es ging nun stetig bergab in Richtung Sisimiut und unser Tempo erhöhte sich von ganz allein. Kurz nach diesem Steinmännchen wartete aber noch eine recht ansehnliche Feuchtwiese auf uns, deren Durchquerung sich als tückischer darstellte, als wir zuvor annahmen.

#89

Fotografisch ist das Bild sicher kein Leckerbissen, dafür birgt es einen anderen Wert in sich. Denn ganz fern am Horizont lassen sich die ersten Gebäude der Stadt erkennen. Wir bogen also im Prinzip um die letzte Ecke des Trails und hielten nun direkt auf Sisimiut zu, das Ziel einer heißen Dusche direkt vor Augen. Dabei folgten wir dem kleinen Flusslauf auf der rechten Seite.

#90

Und hier ist sie nun, die letzte Aufnahme unserer Wanderung auf dem Arctic Circle Trail. Unmittelbar nach diesem steinigen Stück Weg, erreichten wir eine Schotterpiste, auf der uns ein grönländischer Schlittenhundwelpe zunächst etwas zögerlich, dann aber doch sehr herzlich begrüßte. Es fand sich am Ende des Trails auch ein Werbeplakat des Hotels Sisimiut, auf dem für eine sogenannte “Hikers offer” geworben wurde, drei Hotelübernachtungen zum Preis für zwei. Nach einem kurzen Studium unserer Karte, erkannten wir, dass uns unser Weg relativ direkt an besagtem Hotel entlang führte. Entsprechend trafen wir die Entscheidung uns nach dem Preis des Angebots zur erkundigen.
Am Hotel eingetroffen erhielten wir ein, für grönländische Verhältnisse, erstaunlich günstiges Angebot von knapp 170€ für drei Nächte inklusive Frühstück. Dies ließen wir uns nicht entgehen. Demzufolge endete unsere Wanderung in zwei freundlichen und gut ausgestatteten Hotelzimmern in einem Drei-Sterne-Hotel. Nach dem Abwerfen unseres Gepäcks im Zimmer erfolgte ein kurzer Gang an die Rezeption um eine Cola und eine Tüte Chips zu einem völlig absurden Preis zu erstehen. Dennoch behaupte ich, dass dies die beste Cola und die besten Chips der Welt waren.
Nach einer ausgiebigen Dusche, mit der reichlich erstaunlichen Feststellung ein gutes Stück an Körpergewicht verloren und unerwartet viele Muskeln in Beinen und Rücken aufgebaut zu haben, unternahmen wir noch den ersten Gang in die Metropole. Dort stießen wir kurz vor Ladenschluss auf ein Schnellrestaurant, in dem wir mit einem sogenannten Pølsermix unseren Heißhunger auf fettiges, labriges Fastfood zumindest für den ersten Moment stillten. Im Anschluss trieb es uns in die Hotelbar, da die Verkaufszeiten für Bier und andere alkoholische Getränke abgelaufen waren, und genossen dort drei wundervoll gekühlte Tuborg, bis wir gegen zehn nahezu am Ende unserer körperlichen Kräfte in den weichen Betten unseres Hotelzimmers in tiefem Schlummer versanken. Wirklich realisiert, dass wir fast 180km durch die grönländische Wildnis liefen, hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

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