Tag 11 – 12, Zeit in Sisimiut


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Den Sonntag begannen wir mit einem ausgedehnten und nahezu perfekten Frühstück im Hotel. Nach den Tagen der Trockennahrung, Müsli mit Milchpulver, Müsliriegel, Schokoriegel und wasserbasierter Trekkingnahrung, überkam uns kurzzeitig der Gedanke, gestorben und im Paradies erwacht zu sein. Ein riesiger Kübel mit gebratenem Speck, Rührei, gekochte Eier, frisches Obst, richtige Milch, Butter, Brot, feinster Käse und eine große Auswahl an Wurst erwartete uns. Nach dem dritten Teller Speck und Rührei meldete mein Magen “Wegen Überfüllung geschlossen”, was mich aber nicht davon abhielt, noch drei Tassen Kaffee und drei Gläser Saft in das letzte bisschen Freiraum zu pressen. Es wäre nicht übertrieben, dies als das beste Frühstück meines Lebens zu bezeichnen.
Im Anschluss fassten wir den Entschluss, zunächst einmal unsere Wäsche in die hoteleigene Wäscherei zu geben, wobei sich uns aber recht schnell die Frage aufdrängte, wie wir uns nun in der Öffentlichkeit bewegen wollten. Die Lösung bestand aus einer langen Unterhose (ich hatte noch eine unbenutzte, quasi frische, dabei) und einer darüber gezogenen Regenhose. Dieser Aufzug brachte uns auf die Idee, in den hiesigen Geschäften nach einer billigen, alltagstauglicheren Hose zu suchen, ebenso wie nach frischen Socken. Denn obwohl Merino-Socken wirklich ausgesprochen bequem sind und gefühlt eine Ewigkeit brauchen, um Gerüche anzunehmen, fühlten sich die noch vorhandenen Socken ziemlich furchtbar an, besonders nach einer frischen Dusche. Auch entwickelte mein Kumpel den Wunsch nach bequemem Schuhwerk, welches nicht den Knöchel einzwängte und die Füße weiter malträtierte. Den Wunsch nach Schuhwerk konnte ich allerdings nicht nachvollziehen, denn auch nach 9 Tagen und 180km, liefen sich meine Stiefel wunderbar, ohne Drücken, Schmerzen oder Scheuern. Da der Kalender aber einen Sonntag anzeigte, fiel die Auswahl an geöffneten Geschäften nicht sonderlich groß aus. Lediglich frische Socken fanden den Weg in den Einkaufskorb. Hosen und Schuhe scheiterten entweder an der geringen Auswahl oder schlicht am Preis. Aber bereits die frischen Socken erhöhten den Komfortfaktor nicht unerheblich. Den Rest des Tages brachten wir damit zu, uns Sisimiut anzusehen, ein wenig die Atmosphäre der Stadt aufzunehmen und sehr gebannt die Spiele der grönländischen Fußballmeisterschaft im Fernsehen zu verfolgen.
Da das Hotel Sisimiut mittlerweile über ein freies W-LAN verfügt, kam ich auch in den Genuss, mich ein wenig auf den neuesten Stand hinsichtlich der Nachrichtenlage in der Welt zu bringen. Nach den ersten Katastrophenmeldungen ließ ich dies aber auch recht schnell wieder bleiben. Lediglich in der ACT-Gruppe auf Facebook war ich ziemlich aktiv. Dort las ich dann auch von Berichten eines Charity-Hikes, der wohl zwei Tage vor uns 100km durch die grönländische WIldnis führte. Als Ausrichter tauchte WaterAid auf, der sage und schreibe 100 Menschen mobilisierte, ab der Eqalugaarniarfik-Hütte zu starten und bis Sisimiut zu laufen. Dies erklärte im Nachhinein den stark ausgetretenen Pfad, der an einigen Stellen einer Wasserrinne glich. Auch bekamen wir nun eine Erklärung für den Hubschrauberlärm am ersten Tag unserer Wanderung, da die Teilnehmer per Helicopter zur Hütte transportiert wurden. Die Verpflegung kam ebenfalls über den Luftweg zu den Hütten, inklusive der notwendigen Gaskartuschen. Die Berichte von Wanderern, die durch Zufall in dieses Großaufgebot der Logistik hineinrutschten, ließen mir zumindest die Haare zu Berge stehen. Allein die Tatsache, mit 100 Menschen einen Trail zu laufen, den man nicht auswählt, weil man an jeder Ecke interessante Menschen treffen, stelle ich mir auch heute noch ziemlich furchtbar vor. Auch empfinde ich die Idee, mit 100 Menschen durch nahezu unberührte Natur zu laufen, Transfer und Nahrung dabei einfliegen zu lassen, um auf das Grundrecht auf sauberes Trinkwasser hinzuweisen, als irgendwie schräg. Wie schon geschrieben, brachte uns dieser Hike zumindest Nachschub an passenden Gaskartuschen. Die Diskussion in besagter Gruppe nahm dabei immer mehr an Fahrt auf, in die sich auch Vertreter der grönländischen Regierung einschalteten. Es gab und gibt Überlegungen, den Verlauf des Trails zu ändern sowie eine Art Permit einzuführen, so dass durch die Einnahmen Maßnahmen zum Schutz der Region unternommen werden können. Alles in allem ein sehr dynamischer Prozess, der mir auch noch mal vor Augen führte, dass der ACT für Grönland, wie der Tourismus generell, mittlerweile eine wichtige Einnahmequelle darstellt. Gleichzeitig herrscht aber auch das Bewusstsein, dass die Natur nicht grenzenlos ausgebeutet werden kann, da dies unmittelbare Folgen für die Einwohner haben wird. Alles in allem eine hochspannende Diskussion, die ich besonders im Vergleich zu Island wichtig und richtig finde. Denn Berichte, wie die Sperrung des Zugangs zu einem Wasserfall auf Island, möchte man in Grönland scheinbar unbedingt vermeiden. Tourismus ja, aber nicht in der Masse wie in Island. Ich bin gespannt, welchen Weg der Entwicklung Grönland einschlagen wird, da zum einen nach wie vor der Wunsch und Wille besteht, sich gänzlich von Dänemark loszusagen, zum anderen aber bereits auch Fakten hinsichtlich eines Anstiegs des Tourismus geschaffen werden, wie etwa mit dem geplanten Ausbau der Flughäfen in Ilulissat und Nuuk.
Entschuldigt bitte den Exkurs, dennoch finde ich die Rahmenbedingungen des Trails im Zusammenhang mit einem Reisebericht wichtig zu erwähnen.

An jenem Sonntag passierte unsererseits nicht mehr sehr viel. Wir verfolgten gebannt die Fußballspiele und erkundigten uns im Hotel, welche Möglichkeiten der Aktivitäten es in Sisimiut gibt. Die Antwort fiel reichlich ernüchternd aus. Es gibt zwar eine Auswahl an Bootstouren, diese starten allerdings erst dann, wenn sich mindest fünf Personen gefunden haben. Entsprechend ließen wir uns für die kommenden zwei Tage auf die Liste jeglicher Bootstouren setzen, in der Hoffnung, noch andere Touristen würden es uns gleichtun. Für den folgenden Montag jedoch, sahen die Perspektiven recht düster aus. Den Abend beendeten wir mit der sogenannten “Meat-Lovers-Pizza” im an das Hotel angeschlossenen Restaurant. Der Name war Programm und wir fielen völlig übersätigt in unsere Betten.
Der folgende Morgen hielt erneut das bereits beschriebene, sehr reichhaltige Frühstück für uns bereit. Im Anschluss erkundeten wir Sisimiut erneut und sahen uns nun auch den ursprünglichen Ortskern etwas genauer an. Zusehen sind zwei Gebäude der Kolonialzeit, links, in rot, das Haus des Siedlungsvorstehers und rechts, in blau, die alte Kirche. Diese Gebäude stammen aus der Kolonialzeit Grönlands und markieren den Mittelpunkt der verlegten Siedlung, aus der im Laufe der Zeit schließlich die zweitgrößte Stadt Grönlands wurde, Sisimiut.

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Ein Überblick über den “Stadtkern” Sisimiuts, aufgenommen von der auf einer Anhöhe stehenden neuen Kirche. Links im Bild die Hauptstraße, an der sich einige Supermärkte und kleinere Geschäfte finden lassen. Sie führt im unteren Bildrand zum Hafen, wo eine hervorragende Imbissbude steht, die sowohl von Einheimischen als auch von Touristen, die nicht von einem Kreuzfahrtschiff aus in die Stadt einfallen, hoch frequentiert wird. Der Bacon-Burger und auch der Kaffee sind dabei verhältnismäßig günstig und wahre Gaumenfreuden.
Folgt man der Hauptstraße weiter den Berg hinauf, erreicht man nach etwa einem Kilometer die Blocksiedlungen aus den 50er und 60er Jahren. Diese entstanden nach dem Beschluss der dänischen Regierung, dass die grönländische Bevölkerung möglichst in großen Städten leben soll, um so die Versorgung, insbesondere die medizinische, zu vereinfachen. Dabei kam es zu massenhaften Zwangsumsiedlungen der Inuit aus ihren kleinen Siedlungen in große Ballungszentren. Dies führte wiederum dazu, dass das Volk von Jägern und Sammlern, die seit weit über tausend Jahren nomadengleich durch die Natur zogen, von heute auf morgen ein sesshaftes Leben führen sollten. Die Auswirkungen waren fatal. Alkoholismus, Selbstaufgabe bis hin zum Suizid und Verelendung ließen Grönland, bzw. deren Bewohner zu trauriger Berühmtheit gelangen. Gewalt, sexueller Missbrauch und Misshandlungen gehörten fast schon zum Alltag und stellen auch noch heute ein großes Problemfeld dar. In den Blocksiedlungen, hinter denen übrigens auch unser Hotel stand, konnte man die Trost- und Hoffnungslosigkeit fast mit den Händen greifen. Sicher wäre es um des Berichtes Willen hilfreich gewesen, auch diese Seite Grönlands zu dokumentieren, ich brachte es aber schlicht nicht übers Herz, diese einstmals so stolzen Jäger, die sich nahezu perfekt an diese unwirtliche Umgebung anpassten, in ihrem Elend zu präsentieren.

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Begibt man sich auf eine der Straßen rechts der Hauptstraße, erwarten einen die typischen bunten Häuser der Arktis. All dies vor der imposanten Kulisse des Nasaasaaq, des hervorragenden Berges im Hintergrund. Diesen erwähnte ich bereits in einem früheren Teil des Berichtes. In diesem, dem westlichen Teil Sisimiuts, wirkt das Stadtleben ungleich freundlicher, da die Gebäude modernerer Bauart sind und es auch eine Vielzahl an Eigenheimen gibt. Dabei konnten wir auch zusehen, wie der örtliche Fußballclub während seiner Teilnahme an der Fußballmeisterschaft einen neuen Kunstrasen erhielt. In diesem Teil sind auch größere Bildungseinrichtungen, wie etwa ein technisches Gymnasium und das Ausbildungszentrum für Bauhandwerker und Schiffszimmerleute, zu finden.

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Da man für die Besichtigung Sisimiuta allerdings kaum länger als einen Tag benötigt, versuchten wir auf eigene Faust auch noch ein wenig das Umlande zu erkunden. Ziel war ein Aussichtspunkt, den unser gelbes Buch als einfache kleine Tageswanderung angab. Ich brauche wohl kaum noch zu erwähnen, dass bis auf den Startpunkt im Prinzip keine versprochene Markierung oder gar ein Pfad sichtbar wurde. So krabbelten wir ein wenig durch die Felsenlandschaft, bis wir auf einen Hügel kamen, der uns diese Aussicht ermöglichte. Da sich außerhalb der Stadt aber wiederum die bekannten Fliegen ein Stelldichein gaben, verwarfen wir unsere Idee des Kaffees. Immerhin genossen wir die Aussicht, wenn auch wiedereinmal durch die Filterung der Mosquitonetze.

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So richtig Motivation wollte sich beim Wandern auch nicht einstellen, irgendwie wirkte diese kleine Etappe doch wenig herausfordernd und es fehlte einfach ein richtiges Ziel. So drehten wir eine kleine Runde, passierten das Trinkwassereservoir Sisimiuts und kehrten recht früh wieder ins Hotel zurück. Dabei erhielten wir die freudige Auskunft, dass wohl am nächsten Tag eine Bootstour stattfinden würde. Den Abend ließen wir schließlich bei Bier und Fußball entspannt ausklingen.

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