Tag 17 – Eisfjord Ilulissat


#106

Der Morgen begann mit einem ausgiebigen Frühstück und reichlich Kaffee. Da durch die Oberlichter der Unterkunft bereits die ersten Sonnenstrahlen hervorragendes Wetter ankündigten, hielt ich mich nicht länger als notwendig im Frühstücksraum auf, sondern packte flugs meinen Rucksack und machte mich auf den Weg zum Eisfjord. Dort lassen sich Wanderungen an der Fjordkante unternehmen, farblich unterschiedlich markiert, wobei es mich reizte, die längste der Touren unter die Sohlen zu nehmen. Die aufgestellte Infotafel versprach eine Distanz von ca 6km, nahezu stetig an der Kante des Fjords entlang. Dabei gab es zwei mögliche Startpunkte, ich wählte natürlich jenen, der direkt am Eis begann. Wie sich später herausstellte, eine nur mäßig kluge Idee.
Während der kleinen Wanderung zum Startpunkt traf ich wiederum auf eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Touristen, die einem der Ozeanriesen im Hafen entstiegen. So dauerte es gefühlt fast schon eine Ewigkeit, ehe mir endlich obige Aufnahme gelang, ohne jemandem im Weg zu stehen, oder dass mir jemand durchs Bild trottete. Entsprechend stellte sich bei mir die Erkenntnis ein, dass zwischen 9 und 10 Uhr ein schlechter Zeitpunkt ist, um zum Fjord zu laufen. Denn genau dann, beendeten die Kreuzfahrtschiffe wohl das Frühstück und sorgte mit Fahrten nach Ilulissat für ein unterhaltsames Vormittagsprogramm.

#107

Die meisten der Kreuzfahrttouristen belassen es glücklicherweise beim ausgebauten Weg zum Aussichtspunkt und ersparen sich die Kletterei über die Felsen. Entsprechend findet man auch recht schnell ein ruhiges Plätzchen, so man sich von etwas Anstrengung nicht abschrecken lässt.

#108

Wie man sieht, zeigte sich das Wetter im Prinzip von seiner besten Seite. Die leichte Bewölkung sorgte dabei für genau das richtige Maß an Drama. Leider führte das Hochdruckgebiet dazu, dass nur noch ein sehr schwacher Wind wehte, entsprechend erforderten die Moschusochsenfliegen mal wieder das Mosquitonetz.

#109

Auf dem Wanderweg, den ich nun einschlug, gab es immer mal wieder auch die Gelegenheit einen Blick zurück zu werfen. Hier sieht man beispielsweise recht deutlich, dass Ilulissat sich auf Touristen ganz gut eingestellt hat und einiges an Programm vorweist. Alle Boote sind auf Ausflüge mit Touristen spezialisiert und bieten Fahrten der unterschiedlichsten Kategorie zum Eis an.

#110

Erstaunlicherweise findet sich selbst hier, auf kargem, felsigen Untergrund, die erstaunlich zähe, aber auch sehr hübsch anzusehende Glockenblume, die ich bereits vom Trail kannte. Zusammen mit der Sonne und dem spektakulären Hintergrund ein sehr dankbares Motiv.

#111

Am Eisfjord gibt es drei farblich markierte Wanderungen, die in verschiedenen Routen am Eisfjord entlang führen. Die häufigste gewählte Tour ist vermutlich die rot markierte. Die einfachste und kürzeste. Eine weitere markierte Route führt mit gelben Hinweisen vom Eisfjord in die Stadt (oder umgekehrt, je nach Ausgangslage) und die längste und schwierigste Wanderung, mit blauen Hinweisen, führt in einem großen Bogen immer an der Kante des Fjords entlang von der Mündung bis zum Ende der Stadt. Ich entschied mich für die lange Strecke und stellte recht bald fest, das ich die falsche Entscheidung hinsichtlich der Richtung traf. Ich startete an der Mündung des Fjords, quasi dem HotSpot für alle Touristen und arbeitete mich auf dem Pfad immer weiter in Richtung Hinterland vor. Dabei geriet die traumhafte Kulisse leider immer stärker in meinen Rücken und ich blickte während der Wanderung immer mehr auf kargen Fels. Läuft man in die mir entgegengesetzte Richtung, läuft man geradewegs auf das Eis zu, sicherlich wesentlich reizvoller. Da ich aber keinerlei Zeitdruck verspürte (lediglich hinsichtlich der stark eingeschränkten Verkaufszeiten für Bier) stoppte ich sehr häufig und ließ die Kulisse auf mich wirken.

#112

Auf die Frage, wie dicht man dem Eis eigentlich kommt, hier als Antwort eine der kleinen vorgelagerten Inseln im Fjord. Wie man erkennt, hebt sich der Fels geschätzte vier bis fünf Meter aus dem eigentlichen Wasser. Bewuchs findet sich allerdings nur auf der äußersten Spitze der Insel. Eine Folge der wiederkehrenden, durch brechende Eisberge ausgelöste, Minitsunamiwellen, die eine ernsthafte Gefahr für Touristen darstellen, so sie sich denn zu dicht ans Wasser wagen.
Bei dieser Aufnahme fällt es mir immer wieder schwer zu glauben, dass all diese Eismassen im Hintergrund auf der Wasseroberfläche aufliegen und gemächlich Richtung Fjordmündung treiben.

#113

Nach etwa drei Stunden sehr gemütlichen Wanderns passierte ich diese Stelle, an der sich die Wanderung zwischen einer in den Fjord hinein ragenden Halbinsel hindurch zwängt. Ergo schwindet die Sicht auf den Fjord sehr schnell. Dort realisierte ich schließlich auch, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Da ich aber über ausreichend Zeit verfügte, stellte dies nun kein großes Drama dar.

#114

Eng am Pfad schlengelt sich ein kleiner Bach an den Strand. Da sich das Gewässer unmittelbar vor mir gabelte und in der Mitte einige trockene Steine eine wunderbare Rastmöglichkeit versprachen, nutzte ich die Gelegenheit. Der auserkorene Stein bot sogar genug Platz, sich der Länge nach hinzupacken, umwirbelt von glasklarem, rauschenden und gurgelnden Wasser, welches in seiner Köstlichkeit den Quellen auf dem Arctic Circle Trail in nichts nach stand. Da ich klugerweise vom Frühstück noch etwas Wegzehrung abzweigen konnte, genoss ich nun bei ausreichend Wind ohne Netz vor dem Gesicht eine längere Rast und etwas Nahrung. Ein wundervolles Gefühl der absoluten Entspannung. Da das Wasser auch recht laut an mir vorbei rauschte, nahm ich die fünf oder sechs Wanderer, die an mir vorüberzogen, nur sehr verzögert wahr. Lediglich zwei Dänen prosteten mir lautstark zu und beglückwünschten mich zu meiner hervorragenden Rastplatzwahl.

#115

Nach dem Ende meiner ausgiebigen Pause nahm ich nun die letzten Kilometer zum Endpunkt der Wanderung unter die Sohlen. Dabei stieß ich unter anderem auf diesen See, der wohl als Trinkwasserreservoir für Ilulissat genutzt wird. Leider befand ich mich nach einem kurzen Abstieg in windgeschützter Lage, so dass ich alsbald ohne Netz vor dem Gesicht keinen entspannten Schritt mehr gehen konnte. Nach einem erstaunlich knackigen Anstieg erreichte ich eine Art Plateau, das einen Blick auf Ilulissat ermöglichte.
Zum Ende hin wird der Wanderweg etwas unübersichtlich, mitunter verliert er sich inmitten eines Schlittenhundegeländes, so dass man schon ein wenig die Augen offen halten sollte um nicht einem schlafenden Hund unvermittelt auf die Pfoten zu treten. Nach einer kurzen Orientierungspause schlug ich schließlich den Weg direkt in den Ortskern ein und folgte einer spontanen Eingebung gehorchend einer kleinen Gruppe zur Touristeninformation. Dort fand ich recht schnell eine Übersicht der angebotenen Ausflüge inklusive der jeweiligen Startzeit. Nach kurzer Suche stieß ich schließlich auf eine Bootstour zum Eis in den Abendstunden am Folgetag. Auf Nachfrage reservierte mir die sehr freundliche und humorvolle junge Dame an der Rezeption tatsächlich den letzten Platz auf der Fahrt. Kein ganz günstiges Unterfangen, aber, wie sich später herausstellte, absolut lohnenswert!
Im Anschluss durchstöberte ich noch das lokale Bierangebot und erwarb noch etwas Nahrung für den Tag. In meine Unterkunft zurückgekehrt, legte ich eine Pause ein, die Wanderung hatte mich doch mehr geschafft, als ich zugeben wollte. Da ich aber am Abend fit und ausgeruht sein wollte, dehnte ich meine Mittagspause voller Vorfreude recht ordentlich aus.

#116

Nach ausgedehnter Mittagsruhe schlenderte ich zunächst ein wenig durch die Straßen Ilulissats, bis ich auf ein Burger-Restaurant stieß. Da dies auch von Einheimischen frequentiert wurde, beschloß ich, mir eine ordentliche Mahlzeit zu gönnen. Die bestellte Portion sorgte dafür, dass ich den restlichen Abend nicht mehr hungerte und die Zeit bis zum Frühstück problemlos durchhielt…
Im Anschluss suchte ich nach dem Startpunkt der schon angesprochenen, gelb markierten Route, da ich mir fest vornahm, zum Sonnenuntergang am Eisfjord zu stehen. Wie man in obiger Aufnahme erkennt, gestaltete sich bereits gute zwei Stunden vor dem tatsächlichen Sonnenuntergang die Kulisse höchst ansehnlich und malerisch. Hier der Blick über das offene Meer.

#117

Noch am selben Standort, nur etwas weiter nach links, Richtung Eisfjord geschwenkt, ließen sich die zurückkehrenden Ausflugskutter im Abendlicht ziemlich gut einfangen.
Obwohl auch an diesem Abend ein großes Kreuzfahrtschiff vor Ilulissat vor Anker lag, bewanderte ich den Pfad weitestgehend allein. Lediglich ein Ehepaar überholte mich dann und wann, ehe sie stehen blieben, Fotos aufnahmen und ich nun meinerseits die beiden wiederum überholte. Alles in allem, eine wundervoll entspannte Wanderung mit einem kaum in Worte zu fassenden Ausblick.
Lediglich die Moschusochsenfliegen legten eine Spätschicht ein, so dass ich auch an jenem Abend mal wieder mein Netz vors Gesicht ziehen durfte.

#118

Eis im Licht der untergehenden Sonne, für mich einer der schönsten Anblicke, den es geben kann.

#119

Die Ruhe, die mich an diesem Plätzchen umgab, habe ich mal versucht mit diesem Bild einzufangen. Wirklich zeigen lässt sie sich aber nicht. Unterbrochen wurde diese Idylle lediglich vom Heulen der Schlittenhunde. Diese ruhen allerdings derartig weit entfernt, dass das Geheule nicht zum nervigen Lärm anschwillt, sondern eine ganz eigene, wildromantische Stimmung erzeugt.
Wie schon am Abend vorher mahlte ich mir aus, dass diese Szenerie nur noch von Walen gekrönt werden könnte.

#120

Kaum zu Ende gedacht, tauchte eine Schule Buckelwale auf. Wenn ich richtig zählte, müssten es fünf Tiere gewesen sein. Da ich über ausreichend Zeit verfügte, saß ich bestimmt eine gute halbe Stunde an diesem Fleck und rührte mich keinen Meter. Ich genoss diesen wundervollen Moment in ganzer, epischer Angemessenheit.

#121

Das Licht zum Ende des Tages ließ sich, wie man unschwer erkennen kann, wahrlich nicht lumpen, so dass ich die Möglichkeit nutzte, eine ganze Reihe von Bildern aufzunehmen. Auch wenn der Kalender schon das Ende des Augusts verzeichnete und die Luft erstaunlich schnell zum Abend hin abkühlte, währte die Dämmerung und das zauberhafte Licht noch immer ausreichend lang, so dass beim Fotografieren keinerlei Hektik entstand. Ein ganz großer Vorteil so hoch im Norden als Landschaftsfotograf.

#122

Dem gelben Pfad folgend näherte ich mich nun wieder dem unmittelbaren Hinterland des Eisfjords an. Passend untermalt durch das vielstimmige Geheule der Schlittenhunde.

#123

Nach einem kurzen aber knackigen Anstieg bot sich mir dieser großartige Ausblick über die Mündung des Fjords. An diesem stauen sich die Eismassen, bis sie durch den Druck der nachschiebenden Eisberge zerbrechen und leicht genug werden, die unter Wasser verborgene Moräneschwelle zu überqueren.

#124

Der Pfad führte im Anschluss in einem Bogen vom Fjord weg, bis am Zeltplatz Ilulissats die drei Wanderrouten aufeinander treffen. Dabei führt der Weg auch am örtlichen Friedhof vorbei, an dem ich es mir nicht nehmen lassen konnte, auch mal einen Sonnenstern aufzunehmen. Ein wenig vertieft ins Herumexperimentieren realisierte ich ein wenig spät, dass die Wolkendecke sich immer weiter gen Horizont zu zuschieben schien. So kam nun doch kurzzeitig ein wenig Hektik auf, wollte ich doch das güldene Licht unwahrscheinlich gern auf dem treibenden Eis fotografieren. Vom besagten Punkt der drei Pfade aus, hat man noch gut einen Kilometer zurückzulegen, ehe man wieder an der Kante des Eisfjords steht. Entsprechend zügig schritt ich aus und ließ stirnrunzelnd drei oder vier Reisegruppen hinter mir.

#125

An der Kante des Fjords angekommen, schienen sich meine Befürchtungen zu bestätigen. Ein dickes Wolkenband schob sich am Horizont entlang und drohte das erhoffte Farbspektakel zu verhindern. Missmutig versuchte ich aus den Gegebenheiten das Optimale herauszuholen.

#126

Glücklicherweise ließ ich mich von den miserablen Vorzeichen nicht beeindrucken, sondern harrte bei 4°C und ziemlich beißendem Westwind am Eisfjord aus. Und siehe da, nach etwa einer halben Stunde schob sich die Sonne dem Horizont entgegen und erhaschte eine Lücke im Wolkenvorhang. So kam ich zunächst in den Genuss eines traumhaften Farbenspiels auf dem Eis.

#127

Dieses Farbenspiel dehnte sich danach noch ein wenig auf den Himmel und die Wolken aus. Als schließlich im Süden auch noch der Mond aufging, wusste ich gar nicht mehr wohin mit mir und meiner Glückseligkeit. Aufgeregt wie ein Huhn hüpfte ich von einer Position zur nächsten, völlig überwältigt von diesem Naturschauspiel.

#128

Ein wenig später verschob sich das Farbspektakel gänzlich auf den Himmel, was wiederum kaum in Worte zu fassende Kontraste zwischen Eis und Firmament hervorbrachte.

#129

Auch wenn ich bereits das dritte Mal in Grönland meinen Urlaub verbrachte, nach Momenten wie diesen, kann ich mir, auch mit reichlich Abstand, einfach kein schöneres Reiseziel vorstellen. Vor solch einer Kulisse auf dieser Bank zu sitzen, bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und einem schneidigen Seewind um die Nase, so ähnlich muss mein Paradies aussehen.

#130

Leider vergeht aber Ende August auch soweit oben das schönste Abendrot, so dass ich nach dieser Aufnahme schließlich den Rückweg antrat. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass ich den Abend am Eisfjord nach einem kurzen Intermezzo völlig für mich genießen konnte.
Angereichert mit Glückshormonen bis unter die Schädeldecke trabte ich in mein Hotel zurück und begoß diesen wundervollen Abend mit einem gut gekühlten (ich hatte tatsächlich am Tage vergessen mein Fenster zu schließen…) Bier. Noch beim Einschlafen wollte sich der Gedanke breit machen, dass dieser Abend wohl nur noch schwer zu toppen wäre.

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