Tag 18 – Bootstour auf dem Eisfjord

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Der nächste Morgen begann recht gewöhnlich mit dem einfachen aber nicht minder gutem Frühstück. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dass ich nun auch mal den anderen Teil Ilulissats erkunden wollte, sprich nördlich des Hafens. Möglicherweise gab es dort ja auch noch interessante Sachen zu entdecken, die ein gewöhnlicher Reiseführer verheimlicht. Das Wetter zeigte sich an jenem Tag mal wieder von der besten Seite, leider wehte nur ein ganz laues Lüftchen, so dass ich erneut zur Schonung meiner Nerven auf das Mosquitonetz zurück greifen musste. So schlenderte ich zunächst über die Brücke, welche den Hafen überspannt und ich kam nicht umhin festzustellen, dass die Parksituation in Ilulissat der in anderen Großstädten in nichts nachzustehen scheint. Nur dass es hier weniger um mangelnde Flächen für Autos geht, als viel mehr um mangelnde Liegeplätze für die Boote der Einwohner.

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Meine Erwartung hinsichtlich des “anderen” Viertels wurde weitestgehend enttäuscht, so dass es mich bei dem herrlichen Wetter nach etwa einer Stunde Stadtbummel wieder an den Eisfjord zog. Das Treiben des Eises empfand ich als wesentlich spannender, als das geschäftige Treiben im Hafen, zumal ein weiteres größeres Kreuzfahrtschiff vor Ilulissat vor Anker lag. So erwarb ich lediglich einen, unerwartet guten, Kaffee an der Bootstankstelle im Hafen, schaute dem Gewusel für einen Moment lang zu und kehrte dann vor den ersten eintreffenden Kreuzfahrttouristen an den Fjord zurück. Rechtzeitig, um ein gemütliches und vor allem ruhiges Eckchen abseits der Haupttouristenroute zu finden. Dort ließ ich mir in aller Ruhe die Sonne auf den Pelz brennen und genoß den Augenblick.

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Nach einiger Zeit des herrlich befreienden Nichtstuns, meldete sich mein Magen und verlangte nach Nahrung. Da ich den letzten Tag in Ilulissat verbrachte, entschloss ich mich, mir noch mal ein ordentliches Mahl zu gönnen. Dieses bestand aus einem reichhaltigen Burger und einer gefühlten Schubkarre Pommes. Halt etwas Kleines für zwischendurch. Im Anschluss kehrte ich in meine Unterkunft zurück und beschloss, mich noch ein wenig aufs Ohr zu legen, ehe am Abend die Bootstour startete.

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Angesetzt war die Fahrt von 20:00 Uhr bis etwa 22:30 Uhr. Entsprechend dick packte ich mich ein, wobei ich auf dem Weg von meiner Unterkunft zum Treffpunkt ordentlich ins Schwitzen kam. Im Hafen angekommen (tatsächlich gab es einen Transfer mit Kleinbussen für etwa 1km…), sicherte ich mir direkt einen Platz im Heck des Schiffes, wo eine Seekiste eine optimale Sitzgelegenheit bot. Gewusst wie. Als sich der Kutter schließlich langsam in Bewegung setzte und wir aus dem Hafenbecken glitten, saß ich erwartungsvoll auf der Kiste und harrte der Dinge, die da kommen mögen. Nach etwa 20 Minuten Fahrt erreichten wir die ersten Ausläufer des Eisfjords und die Sonne gab sich große Mühe, ein spannendes Farbspektakel beizutragen.

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Da das Abendlicht trotz des fortgeschrittenen August noch wesentlich länger anhält als in unseren Breiten üblich, gab es genug Zeit diverse Ereignisse vor einem zart leuchtenden Abendhimmel abzulichten. So auch die Schule Buckelwale, die ich bisher ja schon jeden Abend, den ich in Ilulissat verweilte, am Rande des Eises antraf. Diesmal nun aber aus wesentlich geringerer Entfernung. Die Burschen ließen sich dabei durch die Anwesenheit der Boote, neben uns fuhren noch zwei weitere Kutter eine wackere Tourischar an den Rand des Eises, wenig bis gar nicht stören. Wenn es ihnen doch mal zu viel wurde, oder die Boote zu dicht kamen, tauchten sie ab und wenig später irgendwo im Eis wieder auf.

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Während der Fahrt passierten wir ein ums andere Mal auch interessant geformte und gestaltete Eisberge. So wie hier, fast schon eine Art Garage. Es wird in diesem Falle wohl auch nicht mehr allzu lang dauern, bis dieser Koloss zerbröckelt und damit leicht genug wird, sich über die Moränenkante unter Wasser zu schieben und seine Reise ins offene Meer anzutreten. Die Aushöhlungen und die tiefen Spalte im rechten Bereich sind deutliche Anzeichen dafür und gleichzeitig auch eine Art Warnsignal, nicht zu dicht heran zu fahren.

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Aufgrund der Wolken am Himmel entstanden immer wieder unterschiedliche Lichtstimmungen, die die unzähligen Schattierungen und Farbtöne des Eises hervorhoben. In diesem Falle versteckte sich die Sonne für einen Moment hinter den Wolken, so dass das intensive Blau und Türkis des Eises so richtig zur Geltung kam.
Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme war bereits die erste Stunde des Ausflugs verstrichen und die offenen Bereiche des Schiffes leerten sich allmählich. Die Kälte vertrieb bereits jetzt schon mehr als die Hälfte aller Mitfahrer in die beheizten Innenbereiche. Entsprechend hatte ich reichlich Raum und Platz um mich herum, den ich zusammen mit einer sympathischen jungen Dänin und einem nicht minder sympathischen, japanischen Fotografen genoss. Unterdessen erklärte einer der Guides den Passagieren im Inneren, wie es zu den unterschiedlichen Färbungen des Eises kommt.

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Unterdessen sank die Sonne unter bereits angesprochene Wolke und ließ nun das Eis und die Umgebung in immer kräftigeren Rottönen erstrahlen. Einfach traumhaft! Und ich war ursprünglich der Meinung, dass der Abend tagszuvor nur noch schwer zu übertreffen sein dürfte.

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Das Farbenspiel, welches wir erlebten, ließ sich kaum in Worte fassen. Das Rot auf dem Eis wurde immer intensiver, so dass gefühlt die gesamte Umgebung anfing im zarten Pastellrosa zu strahlen.

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Der Blick in die andere Richtung, als die Sonne für einen kurzen Augenblick komplett durch die Wolkendecke brach.
In jenem Moment kam ich mit einer Dänin auf dem Schiff ins Gespräch, die sich, wie schon erwähnt, ebenfalls nur zum Tee/Kaffee holen unter Deck begab und den Rest der Zeit das Naturschauspiel bewunderte. Im Gespräch kamen wir auch darauf zu sprechen, dass sie aus Aalborg kommt, eine Stadt, die ich bei zahlreichen Reisen nach Dänemark sehr zu schätzen gelernt habe. So hatten wir gleich ein gutes Fundament für ein Gespräch. Sie erzählte mir, dass die grönländische Reederei Royal Arctic ihren Zweitsitz in Aalborg hat und nahezu der gesamte Import von Dänemark nach Grönland über Aalborg abgewickelt wird. Entsprechend eng sind auch die sozialen Verflechtungen zwischen Aalborg und Grönland. Für mich erklärte sich damit im Nachhinein, weshalb mir Aalborg als Stadt so sympathisch ist.

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Nach dem kurzen Plausch ließen wir uns aber wieder recht schnell vom Zauber der Umgebung einfangen. Dabei entstand diese Aufnahme, die offen gesagt, mein absoluter Favorit aus den Bildern der Reise ist.

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So langsam ging nun aber auch der schönste Abend einmal zu Ende. Die Sonne verschwand ganz allmählich hinter dem Horizont und der Kapitän nahm Kurs auf den Heimathafen. Auch jetzt konnte ich mich allerdings nicht durchringen, das offene Deck zu verlassen. Meine Füße froren zwar schon fast auf dem Deck fest, aber ich konnte mich einfach nicht von diesem Anblick losreißen.

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Und hier nun das letzte Bild von meiner Reise nach Grönland 2018.
Nach der Rückkehr in den Hafen hieß mein Ziel direkt zurück zur Unterkunft und erstmal einen warmen Tee ansetzen. Dabei kam ich noch kurz mit einigen anderen Gästen ins Gespräch, denen ich voller Euphorie eine Bootstour zu dieser Tageszeit wärmestens ans Herz legte. Im Anschluss packte ich meine sieben Sachen zusammen und verkroch mich ein letztes Mal in Ilulissat in meiner Bettdecke.
Der darauffolgende Morgen begann so entspannt wie die übrigen, wenngleich sich meine Stimmung wie der Himmel mehr und mehr eintrübte. Da mein Flieger nach Kangerlussuaq erst gegen 12 Uhr abhob, beschloss ich den Weg zum Flughafen zu Fuß zurück zu legen und so die arktische Natur noch ein wenig intensiver zu genießen. Kurzzeitig keimte in mir die Hoffnung auf, dass der Flug aufgrund des Wetters vielleicht ausfallen müsste, dem war aber leider nicht so. Pünktlich (!) rollte die Maschine aufs Startfeld und während des Starts erhaschte ich noch einige Blicke auf den Eisfjord. Richtung Kangerlussuaq besserte sich das Wetter schlagartig und ich erhielt noch mal einen Überblick über das Gelände, in dem ich mich vor gut einer Woche mit Rucksack und Zelt durchschlug.
In Kangerlussuaq angekommen stand nun die Suche nach einer Unterkunft auf dem Programm, denn diese hatte ich im Vorwege nicht gebucht. So führte mich mein Weg schnurstracks zum Hotel, in dem wir die erste Nacht verbrachten. Dort fand ich einen Zettel, man möge sich aufgrund von Abwesenheit des Personals im Flughafen melden. Also lief ich die 750m wieder zurück um an benanntem Schalter die Information zu erhalten, die Rezeption des Hostels sei nun wieder besetzt und man möge sich direkt melden. Ich also wieder zurück, wobei mir die etwas unfreundliche und gestresste Dame knapp mitteilte, dass sie keinen Schlafplatz mehr hätte. Ich solle mich anderweitig umsehen. Es gäbe noch etwas weiter draußen das “Old Camp”, in der ursprünglichen Siedlung Kangerlussuaq, etwa zweieinhalb Kilometer zu Fuß. Genervt durch das Hin und Her und die etwas unwillige Dame, stapfte ich wütend nach draußen und nahm den Weg unter die Füße. Nach der Hälfte der Strecke donnerte dann der Stadtbus an mir vorbei. Einen kühlen Kopf zu bewahren, wäre wohl sinnvoller gewesen.
Nach zweieinhalb staubigen Straßenkilometern erreichte ich das Old Camp und wurde direkt ausnehmend freundlich begrüßt. Die sehr freundliche Dame am Empfang hatte seinerzeit in Deutschland studiert und freute sich sehr, ihre Deutschkenntnisse wieder einmal anwenden zu können. Sie erfragte auch sogleich, wie lange ich in Grönland war, da man mir wohl recht deutlich ansah, dass ich mich auf dem Rückweg befand. Sie versuchte mich dann auch etwas aufzuheitern und erklärte mir, dass jedes Ende einer Grönlandreise, quasi schon die Vorfreude auf die nächste Grönlandreise in sich birgt. Wahre Worte, auch wenn die Aussicht, dieses Jahr nicht nach Grönland zu kommen, mir schon fast körperliche Schmerzen bereitet.
Den Rest des Tages lag ich immer mal wieder in der Sonne herum, es hatte erstaunliche 23°C und schlief schließlich mit der vagen Hoffnung ein, dass der Flug nach Kopenhagen am folgenden Tag, eventuell ausfallen könnte.
Das Frühstück im Old Camp war einfach aber irgendwie auch großartig. Wirkte mehr wie in einem Hostel, in dem sich sehr viele, sehr verrückte Leute zusammen finden und bereitwillig über die erlebten und bestandenen oder die erwarteten und bevorstehenden Abenteuer austauschten. Ich traf dabei auch noch den ein oder anderen ACT-Wanderer, denen ich dringlichst davon abriet, die Brücke zu nehmen. Diese versprachen nach dem sechsten oder siebenten Hinweis, dass sie nicht mal auf die Idee kommen wollten, die Flussdurchquerung zu vermeiden.
Im Anschluss packte ich meine sieben Sachen zusammen, stieg in den bereitstehenden Bus und ließ mich zum Flughafen kutschieren. Nach dem Einchecken und der Sicherheitskontrolle verfügte ich noch über reichlich Zeit und musste leider feststellen, dass das Wetter in Kangerlussuaq wohl keinen Flugausfall ermöglichte. Während ich meinen Kaffee schlürfte und mit einem Dänen ins Gespräch kam, der nach seinem ersten Besuch der weltgrößten Insel das Feuer des arktischen Virus in Augen erkennen ließ, erschallte eine Durchsage, dass es aufgrund schlechten Wetters an der Ostküste Grönlands zu Verspätungen in Richtung Kopenhagen käme. Schlagartig besserte sich unserer beider Stimmung, wurde aber keine halbe Stunde nach der Durchsage zunichte gemacht, da die Verspätung mit lediglich 30 Minuten angegeben wurde und wir kurz darauf den Airbus am Himmel erkannten.
Letztlich lief soweit (leider) alles glatt und wir landeten pünktlich am späten Abend in Kopenhagen, bei gefühlten 30°C. Mein Versuch, ein Zugticket nach Kiel zu erstehen scheiterte an den Automaten der DSB allerdings kläglich. Eine ausgesprochen unhöfliche Bedienstete der Staatsbahn teilte mir maulend mit, dass Fahrkarten ins Ausland nur an einem Schalter zu kaufen seien. Diese öffneten in Kopenhagen auf dem Hauptbahnhof um 8 Uhr. Auf meine Frage, ob ich die verbleibenden 10 Stunden hier auf dem Flughafen oder im Bahnhof verbringen solle, erhielt ich lediglich weiteres Gemaule zur Antwort. Glücklicherweise hatte ich solche eine ähnliche Situation schon einmal erlebt und buchte mir nach einer kurzen Schockzigarette meine Fahrkarte übers Internet. Diesen Hinweis hätte ich eigentlich von der Dame der DSB erwartet, aber vermutlich wurde sie von der Deutschen Bahn ausgebildet.
So kam ich schließlich, nach drei vollen Wochen Grönland zur Mittagszeit (mit lediglich 2,5 Stunden Verspätung, ein herzliches Danke an die Deutsche Bahn!) in Kiel an und fühlte mich von allem überfordert. Die Temperaturen passierten die 30°C-Marke, es herrschte ein unfassbares Gewusel am Bahnhof und in der Stadt, unglaublich viele Autos kurvten durch die Straßen… am liebsten wäre ich auf dem Absatz umgekehrt und wieder zurück geflogen.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine außergewöhnliche Zeit auf Grönland (wieder einmal), wundervolle Erfahrungen, Begegnungen und schräge Situationen. Und ja, ich kann es kaum erwarten, hoffentlich bald (2020) wieder auf die Insel zurückzukehren.

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