Tag 2 – Etappe 1, Kangerlussuaq –> Qarlissuit


#4

Den nächsten Morgen begannen wir voller Vorfreude mit einem ordentlichen Frühstück in unserer kleinen Unterkunft, bei dem wir auf ein Paar aus Hamburg trafen. Diese standen am Ende ihrer Grönlandreise und ich vermeinte auch in ihren Augen das Feuer zu entdecken, dass sich bei denen zeigt, die, vom arktischen Virus infiziert, von ihren Erlebnissen ihrer Grönlandreise erzählen. Als wir von unseren Plänen berichteten, bekamen beide große Augen und erfragten, ob wir denn mit einem Guide unterwegs seien. Die Antwort lautete Nein, aber wir verfügten über einen informativen Reiseführer aus der “Outdoor”-Reihe. In jenem Moment ahnten wir noch nicht, dass es den ein oder anderen Augenblick gab, an dem wir uns einen leibhaftigen Guide wünschten und nicht dieses seltsame, gelbe Buch, dem auch der merkwürdige Threadtitel zu verdanken ist…
Im Prinzip führt die erste Etappe von Kangerlussuaq nach Kellyville (einer kleinen, verlassenen Ortschaft) zum eigentlichen Startpunkt des Arctic Circle Trail. Nach übereinstimmenden Berichten führt der Weg recht unspektakulär etwa 12km auf einer Schotterpiste entlang, bis der Weg sich teilt, einmal nach Kellyville und einmal in den Hafen Kangerlussuaqs. Die allgemeine Meinung geht dazu über, diesen Teil des Weges lieber per Anhalter zurückzulegen, da sich die Strecke doch ziemlich in die Länge zieht. Leider hatten wir bei den ersten Fahrzeugen kaum Glück, so dass wir bestimmt schon vier Kilometer gelaufen waren, ehe ein kleiner zweitüriger Geländewagen hielt und uns mitnahm. Im Nachhinein frage ich mich schon, wie wir neben Vater und Sohn mit unseren beiden Rucksäcken in dieses erstaunlich enge Gefährt hinein passten. Die Fahrt hingegen war witzig, unterhaltsam (auch wenn der Vater weder Dänisch noch Englisch sprach) und verging erstaunlich schnell. Sie entließen uns am Abzweig nach Kellyville, natürlich mit dem Hinweis, dass wir nach einem verschwundenen Chinesen Ausschau halten sollen. Dieser ging wohl im Jahr 2016 auf dem Trail verloren, bis heute ist nichts über sein Verschwinden bekannt. Ganz rechts im Bild, am Wegweiser Richtung Kellyville, ist das Suchplakat zu sehen. Als der Jeep davon brauste und wir das Plakat etwas näher betrachteten, beschlich mich dann ein doch etwas mulmiges Gefühl.

#5

Nach den ersten Schritten verflog dieses Gefühl aber wieder recht schnell und wir genossen immer mal wieder den Blick zurück, auf den großartig anzusehenden Fjord bei Kangerlussuaq. Bis zum tatsächlichen, offiziellen Startpunkt des Trails hatten wir nun noch gute vier Kilometer vor uns, die zunächst noch über eine solche Schotterpiste führten, unsere Motivation stieg aber Schritt um Schritt, hatten wir doch bereits das erste größere Hindernis, nämlich die erste eher langweilige Etappe, ein gutes Stück verkürzt. Vor uns lagen nun 175 Kilometer unberührte grönländische Natur, die mit Sicherheit das ein oder andere Abenteuer für uns bereit halten würde. Wie schnell wir in den Genuss eines Abenteuers kommen würden, nämlich noch am selben Abend, ahnten wir in jenem Augenblick noch nicht.

#6

Diese Aufnahme entstand direkt am offiziellen Startpunkt des Arctic Circle Trail. Ein wirkliches Symbol oder einen Hinweis auf den Start- bzw. Endpunkt gibt es nicht, dafür aber eine riesige Tafel, auf der die Telefonnummer eines Taxiunternehmens in Kangerlussuaq geschrieben steht. Für all diejenigen also, die in uns entgegengesetzter Richtung liefen und sich nicht auf das Trampglück verlassen wollten.
Die lilanen Glockenblumen sahen wir im Verlauf des Trails immer wieder, wobei ich zunächst fälschlicherweise annahm, es handelte sich um das arktische Weidenröschen, die grönländische Nationalblume. Wir freuten uns über diese schönen kleinen Farbtupfer und im Nachhinein betrachtet muss man diesen kleinen Pflanzen wohl auch gehörigen Respekt zollen, da sie sich in dieser unwirtlichen Gegend derartig gut und zahlreich zu halten vermögen.
Nach einer ausgiebigen Pause, starteten wir nun auch offiziell unser Abenteuer Arctic Circle Trail. Im Hintergrund ist der Pfad ein wenig zu erkennen und führte, wie fast die gesamte Strecke, an einem See entlang. Dies sorgte für einen recht morastigen Einstieg in den Wanderweg und würde sich auch bis zum Ende nicht mehr großartig verändern.

#7

Ein kleines Selbstportrait nach dem ersten Kilometer auf dem Trail. Das Wetter war uns hold und sorgte mit etwa 12°C, einer leichten Brise und einem interessanten bewölkten Himmel, für traumhafte Wanderbedingungen. Einen besseren Start kann man sich wohl nur schwer vorstellen.

#8

Nach etwa einer guten Stunde Wanderung kamen wir auf den dargestellten See zu, an dessen diesseitigem Ende ein alter, ausrangierter Wohnwagen steht, der von Wanderern als Übernachtungsmöglichkeit genutzt werden kann. Der See selbst beinhaltet ganz schwach salzhaltiges Wasser, so dass man es zwar trinken kann, ich aber im Nachhinein vom Genuss abraten würde. Weshalb das Wasser einen schwachen Salzgehalt aufweist, vermag ich allerdings nicht erklären. Am Ufer dieses Sees steuerten wir nun auch auf unsere erste Pause zu, das Ufer des Sees war etwa 4km vom Startpunkt entfernt. Die Rucksäcke waren schließlich noch schwer gefüllt, das Gewicht dementsprechend auch noch recht hoch. Mit dieser Aussicht vor Augen, ließ es sich aber auch herrlich abschalten, zumal wir nun auch noch in den Genuss von Sonnenstrahlen kamen, ohne dass es sich übermäßig aufheizte. Durch den nicht vorhandenen Handyempfang schaltete ich bereits nach dieser ersten Stunde des Wanderns meinen bisherigen Alltag komplett aus und wurde mit dem Gefühl belohnt, völlig losgelöst in der Gegenwart angekommen zu sein. Hier fanden wir nun auch unsere erste, ständig wiederkehrende Phrase: “Es gab schon auch schlechtere Plätze um Pause zu machen.”

#9

Der angesprochene, ausrangierte Wohnwagen vor dem Hundesø. Wie man sieht, wird der Wagen besonders im Sommer gern genutzt, um beispielsweise ein kleines Grillfest zu veranstalten. Bereits so früh auf der Wanderung kamen wir mit unserem “großartigen” Reiseführer das erste Mal ins Hadern. Die Beschreibung des Weges ging bereits hier nicht mehr so ganz konform mit dem eingezeichneten Weg auf der Karte und schon gar nicht, mit dem zum Buch gehörenden GPS-Track. Dass rund um den See nicht gerade wenige Trampelpfade entlangliefen, wurde mit keiner Silbe erwähnt, genauso wenig, dass der Weg des Reiseführers vom Weg in den offiziellen Karten abweicht. In jenem Moment schoben wir unseren kurzen Moment der Orientierungslosigkeit aber eher auf unsere Unerfahrenheit…
Am Wagen angekommen, sahen wir uns leider, und das ging uns bei vielen Hütten so, in der unmittelbaren Umgebung mit einer enormen Fülle an Müll konfrontiert. Da der Wagen keine 20km von Kangerlussuaq entfernt steht, wunderten wir uns doch schon ein wenig, dass es bereits hier mit dem Müll Probleme zu geben schien. Das Thema Müll würde uns aber den gesamten Weg über verfolgen, zum Glück weitestgehend nie auf dem Weg selbst, dafür umso heftiger an den zu erwartenden Hütten. In jenem Moment genossen wir jedoch noch ein wenig die Sonne und machten uns nach einer Pause wieder auf die Socken und wanderten den Pfad entlang an zwei weiteren Seen vorbei, dem Limnæasø und dem Brayasø.

#10

Auf dem Bild ist der Übergang vom Hundesø zum Limnæasø gut zu erkennen. Ebenfalls zeigt sich auf der Aufnahme, wie ich finde, sehr gut, weshalb Erik der Rote auf die Idee kam, das Land als Grünland zu bezeichnen. Zwar rührt das Grün eher von Kriechweiden (hach, wie sehr ich diese Gewächse auf der Wanderung ins Herz schloss…) als von saftigen Weiden her, dennoch zeigte sich die Landschaft im August in wundervollen grünen Farbtönen. Der Pfad selbst verlief zu Beginn der Wanderung auch recht eben und gleichmäßig, so dass man mit dem schweren Rucksack erstaunlich gut voran kam. Wie schon erwähnt, spielte das Wetter ebenfalls hervorragend mit, so dass wir Schritt um Schritt außerordentlich gut, und auch besser als gedacht, voran kamen.

#11

Eines der Steinmännchen, die uns den gesamten Weg über begleiten würden. Im Laufe der Wanderung lernten wir diese steinernen Kameraden als wichtige Orientierungshilfe zu schätzen. Glaubt man unserem Reiseführer, hat sich die Anzahl der Männchen in den letzten Jahren wohl auch ziemlich drastisch erhöht. Auf jeden Fall stellte die Orientierung auf dem Trail mit diesen Hilfen kein allzu großes Problem dar, so lange man sich nicht von einem großartigen, gelben Reiseführer ins Bockshorn jagen lässt.
An jenem Punkt unterbrachen wir unsere Wanderung erneut, diesmal aber für eine etwas ausgedehntere Pause. Immerhin lagen nun bereits gute dreieinhalb Stunden Wanderung hinter uns. Im Hintergrund ist der Limnæasø zu erkennen. Der Weg verläuft hier etwa 40-50 Meter über dem Seeufer, so dass sich ein toller Ausblick über den See bot. Dabei trafen wir auch die ersten Menschen auf dem Trail. Zwei Däninnen, denen ihre Urlaubsplanung wohl nur vier oder fünf Tage wandern im Gebiet um Kangerlussuaq erlaubten. Als wir uns trafen, waren sie grade auf dem Rückweg zum Flughafen. Sie wünschten uns noch eine schöne Wanderung und zogen ihrer Wege, während wir die Zeit nutzten, unsere Socken und Schuhe ordentlich durch zu lüften, den Ausblick auf den See zu genießen und ein erstes Trekking-Mittagessen zu uns nahmen.

#12

Nach unserem ausgedehnten Mittagspäuschen trafen wir nach einer kürzeren Strecke Weges auf zwei grönländische Damen. Als wir kurz ins Gespräch kamen, erzählte die ein von ihnen, dass sie den Trail schon das achte oder neune Mal läuft. Ihre Begleitung hingegen zum ersten Mal. Die erfahrenere der beiden Damen ließ es sich dann auch nicht nehmen, nach unserem Rucksackgewicht zu fragen, wobei wir ehrlich antworteten, dass wir jeweils gute 22 oder 23kg mit uns herum schleppten. Süffisant lächelnd ließ sie uns dann wissen, dass sie ja nur 8kg auf dem Rücken trage, da sie auf ein Zelt verzichten und von Hütte zu Hütte wandern. Sie rechnete mit 6-7 Tagen für die ca 175km bis nach Sisimiut. So eilig hatten wir es hingegen (noch) nicht, so dass wir auch kein schlechtes Gewissen bekamen, dass wir wesentlich mehr Gewicht durch die Landschaft wuchteten. Immerhin hieß Plan A, dass wir uns elf Tage Zeit nehmen wollten. Und trotz der Unterschiede, liefen die beiden Damen noch etwa gute zwei oder drei Stunden in Sichtweite vor uns her. So dass wir mit Stolz feststellten, dass wir recht zügig voran schritten und wohl doch fitter in dieses Abenteuer gingen, als wir zu Beginn befürchteten. Dennoch sollten wir, wenn auch nicht direkt, noch einige Male auf die beiden Damen zu sprechen kommen.
Obiges Bild entstand während einer kleinen Trinkpause, die nötig wurde, da ich meine Trinkflasche schlauerweise unserem Reiseführer folgend, am Hundesø auffüllte, sich das Wasser aber letztlich als nicht genießbar herausstellte, weil salzig. Hier realisierten wir auch, dass wir bereits 17km wanderten, mehr als auf jeder Etappe des Laugavegur im vergangenen Jahr. In jenem Moment ein wirklich erhabenes Gefühl.

#13

Nach kurzer Pause schickten wir uns an, nun auch noch die übrigen 4-5km unter die Sohlen zu nehmen, laut Reiseführer sollten wir nach angegebener Distanz auf tolle Zeltmöglichkeiten stoßen. Unserem Pfad folgend, begannen allmählich die überall wachsenden Kriechweiden zumindest an meinen Nerven zu sägen. Die Dinger sind so zäh und widerstandsfähig, dass ich ständig mit meinen Wanderstöcken zwischen den Sträuchern hängen blieb, so dass ich irgendwann beschloss, auf die Stöcke ganz zu verzichten. Die stellte bei matschigen Passagen des Trails allerdings nur eine mäßig kluge Idee dar.

#14

Nach etwa zwei Stunden Wanderns und etlichen kleineren Trinkpausen fanden wir schließlich eine geeignete und wirklich großartige Zeltmöglichkeit. Der Ausblick auf die umliegenden Seen war einfach gigantisch. Nach dem wir feststellten, dass auch noch der Zeltaufbau genauso gut klappte, wie am Ende der Tour des letzten Jahres, stieg unsere Laune voller Vorfreude massiv an. Als wir uns im Zelt häuslich eingerichtet hatten, fassten wir den Entschluss, das Abendessen zusammenzurühren. Ich griff also wahllos in meinen Rucksack und erwischte eine der drei Gaskartuschen. Es war das Fabrikat, von welchem wir zwei Exemplare in Kangerlussuaq erwarben. Nach etwas nerviger Fummelei gab schließlich der Plastikdeckel den Anschluss der Kartusche frei und mich beschlich das Gefühl, dass wir ein Problem bekommen. Am Anschluss war kein Gewinde zu sehen, wie es bei passenden Kartuschen normalerweise der Fall ist. Nach hektischer Suche des Kochers herrschte schließlich Gewissheit, zwei von unseren drei Kartuschen passten nicht auf meinen Kocher. Es gibt wohl ein neues Patent für Gaskocher, das sieht von außen und auch mit Plastikdeckel haargenau so aus wie der Schraubverschluss. Allerdings sind die Dinger nicht kompatibel. Nach dem wir den ersten Schock verwunden hatten, suchten wir fieberhaft nach einer Lösung. Sämtliche Versuche, die Kartusche zum Laufen zu bekommen, scheiterten. Auch keine anderweitige Behelfslösung war von Erfolg gekrönt. Blöd, wenn man seine gesamte Nahrungsversorgung auf kochendes Wasser aufbaut und letztlich ohne ausreichend Gas da steht. Kurzzeitig war ich etwas ungläubig, dass dies unter Umständen bedeuten konnte, dass unser Abenteuer endete, bevor es begann. Grundsätzlich verfügten wir nur über zwei Alternativen: Variante A, wir gehen am nächsten Tag zurück und besorgen uns passende Kartuschen, haben dann aber zwei Tage verschenkt, müssten den Trail also in neun Tagen schaffen, ohne jeglichen Puffer; Variante B, laut Plan sollten wir am nächsten Tag an eine Hütte kommen, in der wohl hin und wieder Reste von anderen Wanderern zu finden sind. Mit etwas Glück vielleicht auch noch eine Kartusche. Nach längerem Überlegen und einem Abendessen mit einem leicht bitteren Beigeschmack (eine passende Kartusche hatten wir ja zumindest) entschieden wir uns für Variante B. Sollten wir kein Glück haben, wollten wir in der Hütte das weitere Vorgehen planen. Dass wir an jenem Tag stolze 22km zurückgelegt hatten, geriet dabei leider ein wenig ins Hintertreffen. Entsprechend unruhig schlief ich in jener Nacht dann auch, die anfängliche Euphorie war schließlich recht unsanft auf dem harten Boden der Realität aufgeschlagen.

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