Tag 3 – Etappe 2, Qarlissuit –> Amitsorsuaq


#15

Der nächste Morgen empfing uns mit trübem und wolkenverhangenem Himmel. Dies passte ganz gut zu unserer Stimmung, da wir auch über Nacht nicht sonderlich sicherer wurden, was unsere Entscheidung anbelangt. Wir ließen es uns aber dennoch nicht nehmen, zum Frühstück einen Kaffee zu kochen und brachen unser Zelt ab. Die angebene Hütte mit dem recht simplen Namen Katiffik sollten wir, unserem Reiseführer zufolge, nach etwa 10km erreichen. Obwohl die Stimmung beim Loslaufen ein wenig gedrückt wirkte, nahmen wir dennoch diese wunderbare Natur wahr. Der Trail führte erneut an kleineren, namenlosen Seen vorbei, und stieg immer mal wieder sanft an und ab. Entsprechend entspannt verlief auch das Wandern selbst.

#16

Nach ca. anderthalb Stunden erreichten wir den See Qarlissuit, der im obigen Bild zu erkennen ist. Wir nutzten den wundervollen Ausblick und unterbrachen unsere Wanderung für eine längere Pause. Auch hier stellten wir wiederum fest, dass es auch schlechtere Stellen gibt, um eine ausgedehnte Pause einzulegen. Während wir pausierten, besprachen wir nochmal unseren Plan, so wir denn in der Katiffik-Hütte hoffentlich auf Gas stießen. Sollte dies nicht der Fall sein, stünden wir vor einem ernsten Problem. Erstmalig warf mein Kumpel aber ein, ob wir in diesem Falle vielleicht unsere gesamten Vorräte überprüfen und vielleicht darüber nachdenken sollten, dass wir unseren Gasverbrauch derartig einschränken, dass wir die Kartusche nur abends fürs Abendessen nutzen. Genaueres würden wir dann an der Hütte heraus finden.
Während der Pause fiel eine stattliche Anzahl an Mücken über uns her, die wirklich jeden Quadratzentimeter entblößte Haut zielsicher auffanden. Zwar trugen wir ein erstaunlich gut wirkendes Anti-Mücken-Spray auf, aber wer denkt schon daran, sich auch noch die Fußsohlen einzusprühen oder rechnet gar damit, dass durch den Beckengurt des Rucksacks, das Shirt angehoben wird. Dabei krochen die Mosquitos unter den Beckengurt und zerstachen mir die komplette Hüfte. Kein sonderlich angenehmes Gefühl… Rückblickend betrachtet kann man eigentlich nur den Hut vor soviel Überlebenswillen ziehen, dass sich die Viecher sogar unter den Beckengurt verkrochen, um an frisches Blut heranzukommen. Die sind echt zäh und hart im Nehmen.

#17

Nach unserer ausgedehnten Pause stiegen wir recht steil abwärts und näherten uns dem im Bild zu erahnenden Verbindungsflusslauf des Qarlissuit und einem kleinen unbenannten See, hier im Bild zu sehen. Laut Reiseführer stellt der Verbindungsbachlauf Wanderer vor die Herausforderung, das erstemal die Wanderschuhe auszuziehen und sich fürs Furten bereit zu machen. Etwa knietiefes Wasser sollte uns erwarten, wobei der Bachlauf durch große Steine nicht ganz einfach zu queren sei.
Das umgebende Gebiet um den herausfordernden Bachlauf empfiehlt sich übrigens als hervorragende Zeltgelegenheit. Es gibt ebene Plätze und direkten Zugang zu frischem Wasser. Sollte ich noch mal in den Genuss kommen, den Wanderweg zu laufen, steht diese Stelle für eine Übernachtung ganz weit oben.

#18

Dies ist nun eine Aufnahme des “knietiefen” Flusses. Das Gewässer erweckte bei näherer Betrachtung nicht den Eindruck, dass er zu unterschiedlichen Jahreszeiten höhere Wasserstände aufweist. Die Vegetation rundherum war intakt und wir kamen trockenen Fußes und sehr einfach auf die andere Seite. Uns erwartete nun ein längerer aber nicht sehr steiler Anstieg, den wir recht gut gelaunt unter die Füße nahmen. Auch hier kamen wir wieder recht gut voran, wobei ich diesmal auf meine Wanderstöcke verzichtete, da mir die Kriechweiden zu häufig die Stöcke festhielten, so dass es mehr Kraft kostete, die Stöcke nachzuziehen als man durch deren Gebrauch einsparte. Nach etwa anderthalb Stunden und einer kurzen Trinkpause erreichten wir einen Rastplatz, der ob seiner Aussicht zu einer ausgedehnteren Pause einlud.

#19

Zu sehen ist der westliche Ausläufer des Qarlissuit, an dessen Ufer wir zunächst absteigen würden, um dann auf den Rücken hinaufzuklettern, der auf der linken Seite den See Amitsorsuaq zum Teil verdeckt. Nach dem folgenden Abstieg des Rückens sollten wir im Anschluss an die Hütte Kattivik gelangen, in der ja, laut Reiseführer hoffentlich Gasreste auf uns warten würden. Nach dem wir den Ausblick hinreichend genossen hatten, schnallten wir uns die Rucksäcke auf den Rücken und machten uns, auch ein wenig aufgeregt, auf, die letzten drei Kilometer zur Hütte zu erwandern.
Laut unserem Reiseführer sollte der Weg einfach zu finden sein, da nach dem Erklimmen des Rückens wohl ein gut sichtbarer Pfad und auch ein Steinmännchen den Abstieg zur Hütte zeigt. Also folgten wir bedenkenlos dem Pfad und stiegen kurioserweise immer höher hinauf, bis sich der Pfad an einer Felswand verlor und wir zwar einen schönen Blick über den Amitsorsuaq erhaschten, aber keine Möglichkeit des Abstiegs fanden. Unsere rudimentären Orientierungssinne auf das im Buch abgedruckte Foto angewandt, ließen in uns die Ahnung aufsteigen, dass wir die Felswand nicht zur Rechten, sondern zur Linken haben sollten. Der Vergleich mit dem GPS-Track schaffte Gewissheit. In unserem Glauben, dem richtigen und erwähnten “gut sichtbaren” Pfad weiter zu folgen, kamen wir vom Weg ab. Kurz machten wir unserem Ärger ein wenig Luft und zweifelten zunächst an unseren Lese- und Orientierungsfähigkeiten. Wir liefen ein gutes Stück unseres Weges zurück und kämpften uns ein wenig durchs Unterholz, bis wir schließlich an einen Felssturz kamen, von welchem man die Hütte aus sah. Dort fanden wir dann auch wieder ein Steinmännchen. Uns erschloss sich jedoch auch im Nachhinein nicht, wo wir falsch abgebogen waren. Im Verlauf der Wanderung trafen wir auf weitere Wanderer, die ein ähnliches Schicksal ereilte und die ebenfalls vor dieser Felswand standen, als sie dem “gut sichtbaren” Pfad folgten. Der Abstieg zu Hütte und See über den Felssturz stellte kein großes Problem dar, unsere Anspannung jedoch stieg je dichter wir der Hütte kamen.

#20

Die Hütte Katiffik. Mit großen Schritten erreichten wir die Hütte. Wir ließen unsere Rucksäcke fallen und rannten ins Innere. Dort fanden wir nach kurzer Suche tatsächlich eine passende Gaskartusche; einziger Nachteil, sie war komplett leer. Nach etwas intensiverer Suche stießen wir auf eine weitere Kartusche, aber auch diese verfügte über keinerlei Inhalt. Da die Hütte selbst recht klein ist, schlossen wir unsere Suche nach etwa 20 Minuten ohne Erfolg ab. Es war schlicht nichts vorhanden. Darauf zog ich mich kurzzeitig für eine Zigarette an die Wand der Hütte zurück, während mein Kumpel einen neuen Plan schmiedete. Nach dem ich das Rauchen beendete, setzten wir uns zusammen und mein Kumpel erklärte mir seinen Plan. Er schlug vor, sämtlichen Proviant aus den Rucksäcken zu holen, um einen Überblick zu bekommen, was genau wir zusammen eigentlich an Nahrung mit uns führen. Die Idee war, den Gasverbrauch auf das Abendessen zu beschränken, das Frühstück mit Riegeln, Schokolade und Müsli zu bestreiten. Gleichzeitig würden wir unbrauchbare Sachen (wie etwa meine knapp 2,5kg 5-Minuten-Terrine) in der Hütte zurück zu lassen. Ebenso weitere Mahlzeiten, die wir als Reserve dabei hatten. So würde sich das Gewicht unserer Rucksäcke reduzieren und wir wären in der Lage den Trail in den Etappenvorschlägen unseres Reiseführers zu erwandern. Voraussetzung wäre, dass wir noch am gleichen Tag einen Teil der an der Hütte beginnenden vierten Etappe weiter wandern würden. Damit würden wir zwar unser Wandererlebnis nicht unerheblich einschränken, andererseits klang “umkehren” auch nicht grade verlockend. Da die Uhr grade erst drei Uhr Nachmittag anzeigte, einigten wir uns darauf, dass wir am nächsten Morgen entscheiden würden, ob wir tatsächlich den Trail nach Sisimiut weitergehen. Ich wollte die Entscheidung gern davon abhängig machen, wie weit wir an diesem Tag noch kämen und wie es uns am nächsten Morgen ginge; insbesondere ohne die Möglichkeit morgens einen Kaffee zu trinken. Als wir unsere Sachen zusammenräumten, traf ein Wanderer aus der uns entgegengesetzten Richtung an der Hütte ein. Wir erzählten von unserem Malheur und er bot uns direkt an, an jenem Abend seinen Kocher mitbenutzen zu können. Er hat leider am Morgen seine überzählige Kartusche in der Hütte zuvor zurückgelassen. Wir nutzten noch ein wenig die Möglichkeit mit ihm zu plaudern und ihm Informationen über das nächste Stück zu entlocken. Nach seiner Aussage stellt der Pfad am Seeufer entlang keine großen Hindernisse bereit. Mit etwas Geschick und Ausdauer sei der Weg sehr gut machbar. Dies verstärkte unseren Mut und auch unsere Entschlossenheit, weiter zu gehen und herauszufinden, wie weit wir auf der vierten Etappe unseres Buches kommen würden. Der Wanderer wünschte uns alles Gute, gab uns noch den Tip, dass diese gefriergetrockneten Mahlzeiten notfalls auch mit kaltem Wasser essbar seien. Danach setzten wir unseren Weg entschlossen fort, wobei die Unsicherheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, sich irgendwo im Hinterkopf tief einnistete und sich gelegentlich auch mal zu Wort meldete.
Unser konkreter Plan besagte nun, von der 11,5km langen, vierten Etappe noch 6-8km weiterzugehen, nachdem wir bisher etwa 11km gelaufen waren. Die ersten Schritte gingen erstaunlich leicht vonstatten, runtergerechnet reduzierte ich das Gewicht meines Rucksackes um etwa 4kg, was sich sehr deutlich bemerkbar machte und bei mir das Gefühl der Entschlossenheit auf den nächsten Kilometern nicht unwesentlich verstärkte.

Nachtrag zu Tag 3.

Nach einem recht entspannten Marsch von etwa 2km am Seeufer des Amitsorsuaq entlang, trafen wir, laut unserem Reiseführer, auf eines der größten Hindernisse auf dem gesamten Arctic Circle Trail. Ein riesiger Felssturz sollte durchquert werden, wobei dies wohl mit einem großen Wanderrucksack auf dem Rücken eine ziemliche Herausforderung werden würde. Weiter gab unser Reiseführer an, dass man bei erfolgreicher Querung, ohne Ausflug in das sehr kalte Seewasser, gewissermaßen stolz auf sich und seine Leistung sein dürfe. Am Felssturz angekommen stellte sich zwar durchaus die eine oder andere Kletteraufgabe, worin nun aber genau der extreme Schwierigkeitsgrad liegen sollte, erschloss sich uns nicht. Zwar glichen wir bei unserer Kletterei sicher keinem leichtfüßigen Rentier, aber dass man einen unfreiwilligen Ausflug ins Seewasser hätte machen können, fanden wir nicht. Im Anschluss ging es noch für weitere 5km am Seeufer entlang, bis wir nach einer Biegung eine Landzunge erspähten, die laut Karte und Reiseführer, wohl gute Zeltgelegenheiten bot. Zwischenzeitilich rasteten wir noch kurz an einem wunderschönen Sandstrand, bis wir auf der angepeilten Landzunge schließlich ein leuchtendes Zelt ausmachten.
Als wir die Landzunge erreichten, fanden wir einen recht geräumigen Zeltplatz vor, auf dem bereits zwei Zelte standen. Da wir recht spät eintrafen und unsere Nachbarn auch keinen sonderlich gesprächigen Eindruck machten, bauten wir recht flott unser Zelt auf und bereiteten unser Abendbrot zu. Gleichzeitig hielten wir kurz Kriegsrat, ob wir den Weg nun wirklich weiter gehen sollten, oder doch besser umdrehten. Wir vertagten eine endgültige Entscheidung auf den nächsten Morgen. Im Anschluss zauberte mein Kumpel, zum Zwecke der Gewichtsreduktion, zwei Dosen Bier aus seinem Rucksack hervor. Passenderweise der Marke Bölkstoff mit dem großartig treffenden Aufdruck “Überlebensdose”. Außerdem überraschten wir uns gegenseitig mit kleinen, eingepackten Aufmerksamkeiten der jeweiligen Freundin. So entwickelte sich der Abend zu einem kleinen Fest der Rührseligkeit, allerdings nur im positiven Sinne des Wortes. Im Anschluss krabbelten wir in unsere Schlafsäcke und noch in der Nacht stand mein Entschluss, ob weitergehen oder nicht, im Prinzip fest.

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