Tag 5, Etappe 4, Abfluss des Amitsorsuaq –> Hütte Ikkatooq


#31

Unser Zeltplatz im Lichte der morgendlichen Sonne. Für diesen Tag stand die erste “schwere” Etappe unserer Tour an, so man denn der Einteilung unseres Reiseführers Glauben schenken mochte. Die Route würde uns am Abfluss des Sees entlang führen, wobei es ein stetig bergab führendes Flusstal zu durchqueren galt. Im Anschluss erwartete uns ein Anstieg von etwa 350hm auf knapp 3 Kilometern. Trotz dieser Aussichten wanderten wir guter Dinge los und ließen den wunderschönen See alsbald hinter uns.

#32

Die Navigation in diesem Flusstal sollte laut Reiseführer wohl komplizierter werden, da es kaum Steinmännchen gibt und sich der Pfad immer stärker in der Graslandschaft verliert. Beides bestätigte sich nicht. Bis auf den Morast des Pfades kamen wir erstaunlich gut voran und auch die Orientierung stellte uns kaum vor Herausforderungen. Das Wetter spielte im Vergleich zum Vortag keine strahlende Rolle mehr, wobei es immerhin trocken blieb. Im Hintergrund der Aufnahme lässt sich bereits ein weiterer See erkennen, an welchem wir ebenfalls entlang laufen würden und welcher ziemlich genau auf Höhe des Meeresspiegels liegt. Dort angekommen, erwartete uns der erste wirklich ernstzunehmende Anstieg.

#33

Nach dem wir das, laut unserem Reiseführer “sehr sumpfige”, Flusstal durchquert hatten, kamen wir an einen kleinen Aussichtspunkt, der einen wundervollen Blick über den See Kangerluatsiarsuaq bot. Als wir den Aussichtspunkt erreichten, setzte allerdings Wind ein, so dass die kurz vorher noch perfekt spiegelnde Oberfläche des Sees leider gestört wurde, bevor ich ein Bild aufnehmen konnte. Dieser Rentierschädel mit Geweih sorgte dann aber noch für ein einigermaßen witziges Foto, welches ich einfach mal mit einstelle, für die Liebhaber der Känguruhchroniken.
Im weiteren Verlauf des Weges liefen wir ein Stück am Seeufer entlang und sahen uns mit einem kurzen und knackigen Anstieg konfrontiert, der über eine kleine Halbinsel führte. Am Fuße der Halbinsel sollte uns ein Sandstrand erwarten, der auch als hervorragender Zeltplatz ausgewiesen wurde. Uns gab der kleine aber doch ziemlich happige Anstieg einen Vorgeschmack, auf das, was uns nach dem Sandstrand erwartete.

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#34

Tatsächlich trafen wir nach dem knackigen Auf- und Abstieg auf diesen wunderschönen Strand, der eigentlich überhaupt nicht in die Natur und die Umgebung passte. Wir nutzten diese Gelegenheit und unterbrachen unsere Wanderung für eine längere Mittagspause, da sich nun auch noch ohne jede Vorankündigung die Sonne urplötzlich durch die Wolken kämpfte. So lagen wir bei angenehmen 15°C am Sandstrand, die einzigen Geräusche bildeten das leise Plätschern des Sees und eine gelegentliche Mücke, auf der Suche nach Nahrung. So verdösten wir etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde, bis sich eine Gruppe von fünf Menschen aus der Landschaft löste und auf den Strand zuhielt. Durch aufgefangene Gesprächsfetzen entnahmen wir die Information, dass es sich bei den fünf Personen um Franzosen handelte, die aber an keiner Kontaktaufnahme interessiert zu sein schienen. Sie taten es uns aber gleich und nutzten den wundervollen Platz um eine ausgedehntere Rast einzulegen.
An dieser Stelle beschlich mich zum ersten Mal das Gefühl der Verärgerung wegen der falschen Kartuschen, denn an jenem Platz hätte ich liebend gern das Zelt aufgeschlagen und die Ruhe genossen.

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Nach einer guten Stunde erhoben wir uns schließlich mit einem weiteren, sehr häufig verwendeten Satz: “Auch die schönste Pause geht halt mal zu Ende.” Direkt vor uns lag nun ein Anstieg von 350hm auf knapp 3km. Klingt nicht fürchterlich herausfordernd und die obige Aufnahme verdeutlicht den Höhenunterschied auch nur sehr unzulänglich. Dennoch wuchs unser Respekt vor diesem Teilstück mit jedem Meter, dem wir der Felswand näher kamen. Man kann den Pfad zur Wand zunächst ganz gut im Bild erkennen, dieser führt relativ schnörkellos direkt den Hang hinauf. Nur im oberen Teil kraxelt der geneigte Wanderer dann etwas entspannter nach links und dann weiter hinauf. Dabei brachte uns ein weit oben auf dem Hang erkennbares Steinmännchen zumindest einen kleinen Motivationsschub, auch wenn das Größenverhältnis den Höhenunterschied verdeutlichte und unseren Respekt noch ein wenig wachsen ließ.

#36

Erstaunlicherweise ging der Aufstieg besser vonstatten, als wir zunächst annahmen. In kurzen aber intensiven Intervallen erklommen wir den Berg in für uns überraschender Geschwindigkeit. Oben angekommen erhielten wir als Belohnung einen absolut phantastischen Blick über das umliegende Gelände und den See Tasersuaq. Da uns der Wettergott hold blieb, kam uns eine erstaunliche Weitsicht zugute, die den Eindruck der grandiosen, weiten Landschaft noch einmal verstärkte. Rechts im Bild, zwischen Bergflanke und See blitzt übrigens der Sandstrand auf, an dem wir zuvor ausgiebig rasteten. Von diesem Punkt aus erwartete uns nun knappe 8km stetes Auf und Ab in einer wunderschönen Fjälllandschaft. Nach dem wir schließlich wieder etwas besser Luft bekamen, setzten wir unseren Weg entlang zahlreicher, kleinerer Seen fort.

#37

Ursprünglich waren wir der Meinung, dass wir nach dem Anstieg die größte Herausforderung gemeistert hätten, das beständige Auf und Nieder belehrte uns aber recht schnell eines Besseren. Da sich auf der Ebene immer wieder wunderbare Ausblicke boten, nutzten wir dies, um häufige, kurze Pausen einzulegen. Bei einer dieser Pausen entstand auch obiges Bild. Im Anschluss nutzten wir die Gelegenheit mit einem Müsliriegel unsere Energiespeicher wiederaufzuladen und unseren Weg mit der Karte abzugleichen. Dabei wuchs scheinbar aus dem Nichts ein stattliches Rentier keine 10 Meter von uns entfernt aus dem Boden. Nahezu zeitgleich blickten wir uns gegenseitig sichtlich erschrocken in die Augen. Weder hatten wir mit einem Rentier dort oben gerechnet, noch das Rentier mit uns Menschen. Für einen kurzen Moment herrschte völlige Stille und ich ratterte im Hirn fieberhaft diverse Möglichkeiten durch, sollte das Rentier der Meinung sein, uns nicht zu mögen. Das Geweih des Tiers war im Übrigen auf diese kurze Distanz schwer beeindruckend. Glücklicherweise entschied sich das Tier aber für Weiterlaufen und tauchte im weiteren Verlauf des Weges immer mal wieder vor uns auf, diesmal aber aus wesentlich größerer Distanz. Die Rentierjagd scheint in Grönland wirklich keine sonderlich herausfordernde Aufgabe zu sein.

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An jenem Rastplatz erstellte ich ein weiteres Panorama, welches allerdings in Miniaturgröße kaum etwas erkennen lässt. Daher am besten einfach auf das Bild selbst klicken.

#38

Nach etwa zwei bis drei Stunden erreichten wir  diesen wunderschönen Punkt, von welchem aus, mit Adleraugen, wohl die Hütte sichtbar sein sollte, die das Etappenziel markierte. Mein Kumpel konnte diese auch in der Tat erkennen, meine Augen jedoch versagten auf diese Distanz. Als grobe Richtung blicke man bis zum Ende des recht präsenten Sees, schweife dann mit dem Blick auf das dunkle Feld ein Stück nach oben, bis sich andeutungsweise eine weitere Wasserfläche ganz klein zu erkennen gibt. Dort steht die Hütte Ikkatooq. Nun stand uns noch ein kleinerer Abstieg von 2 km bevor, bis der Weg kurz vor der Hütte nochmals anstieg. Da wir uns erneut auf unseren Reiseführer verließen, dieser versprach noch etwa eine Stunde Wanderung bis zur Hütte von unserem Punkt aus, nutzte mein Kumpel die Gelegenheit, per Satellitentelefon eine Verbindung in die Heimat herzustellen, während ich die umgebende Landschaft in mich aufsog. An jenem Punkt waren wir frohen Mutes, dass wir die erste als “schwer” bezeichnete Etappe in wirklich guter Verfassung meistern würden.

#39

Das Panorama zeigt die Umgebung und die eindrucksvolle Kulisse, in der wir uns bewegten. Da sich das Wetter, wie bereits angesprochen, von seiner besseren Seite zeigte, genossen wir auf dem nun folgenden Abstieg zunächst noch jeden einzelnen Schritt.
Mit zunehmender Strecke machte sich aber schließlich doch das Gewicht auf dem Rücken bemerkbar und die Tatsache, dass wir bereits gute 16km absolvierten. Als es in Sichtweite der Hütte noch einen letzten Anstieg zu bewältigen gab und wir keine 500m von unserem Ziel entfernt waren, verließen uns dennoch die Kräfte und wir mussten eine längere Pause einlegen. Dabei vertilgte ich auch noch meinen letzten, für diesen Tag, verbliebenen Schokoriegel um die Speicher für den Schlussspurt noch einmal aufzuladen. Dabei dehnte sich unsere Pause letztlich auf etwa eine halbe Stunde aus, bis wir uns aufrafften und auch noch die letzten Schritte bis zur Hütte in Angriff nahmen.

#40

Am Endpunkt der Etappe angekommen, verließen uns unsere Kräfte für die nächste halbe Stunde weitestgehend komplett. So registrierten wir zunächst nur am Rande den ganzen Müll in der unmittelbaren Umgebung der Hütte. Als wir nach einiger Ruhezeit wieder in der Lage waren, einen Fuß vor den anderen zu setzen, erkundeten wir zunächst die Hütte genauer. Dabei beschäftigte uns das Säubern der selbigen nahezu eine weitere halbe Stunde. Auch hier blieb unsere Suche nach Gas weitestgehend erfolglos. Lediglich eine nahezu vollständig geleerte Kartusche fand sich an, möglicherweise reichte der Rest aber für einen Kaffee am Morgen. Als wir uns nach draußen begaben, nahmen wir unsere Umgebung nun genauer wahr. Was wir vorfanden, machte uns einerseits traurig, zeitgleich aber auch wütend. Überall lag Abfall verstreut, darunter auch diverse Trekking-Mahlzeit-Tüten und Plastik in der unterschiedlichsten Ausprägung. Wirklich traurig zu sehen, wie einige Menschen mit dieser wundervollen Natur umgehen, die sie vermutlich auch nicht unter Zwang aufsuchten. Sicher ist es nicht einfach, den Müll von dieser Hütte abzutransportieren, da diese etwa auf der Hälfte des Weges zwischen Sisimiut und Kangerlussuaq liegt. Dennoch verstehe ich einfach nicht, weshalb es für Wanderer so schwierig ist, den ganzen mitgenommenen Krempel auch wieder mit nach hause zu nehmen, bzw. in einen Abfallcontainer in einer der beiden Städte zu werfen.
Diese Episode sorgte immerhin dafür, dass wir nun auch Motivation fanden, uns die Hütte herzurichten und uns unser Abendessen zuzubereiten.

#41

Später am Abend, als ich schon meine Gute-Nacht-Zigarette rauchte (es wird wohl gegen halb acht gewesen sein), bekamen wir tatsächlich noch Besuch. Ein Pärchen schlug nicht weit von der Hütte ihr Zelt auf, suchte aber keinerlei Kontakt zu uns oder erfragte gar ein Übernachten in der Hütte. Am darauffolgenden Tag erfuhren wir auch noch die Gründe ihres Verhaltens.
Mit Aussicht auf einen morgendlichen Kaffee begaben wir uns in unsere Schlafstätten, nicht ohne jedoch noch einmal den Reiseführer und die folgende Etappe zu studieren. Dabei erhielten wir die Information, dass es wohl den ersten wirklichen Fluss zu queren gilt, wobei sich dieses Furten wohl vermeiden ließe, so man denn die Brücke nimmt. Dies klang für uns zunächst sehr plausibel, ebenso wie die Aussicht, dass am darauffolgenden Tag lediglich 12,6km zu bewältigen wären. In Gedanken sponnen wir ein wenig an der Idee herum, den Weg zu verlängern und noch etwas weiter zu laufen, um so die Strapazen in den folgenden Etappen ein wenig zu entschärfen. Wir beschlossen, diese Entscheidung im Hinterkopf zu behalten und von unserer Kondition an der kommenden Hütte abhängig zu machen. So schliefen wir völlig erledigt, aber dennoch stolz auf unsere Leistung ausgesprochen schnell ein.

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