Grönland 2016 – Tag 10

#98

So empfing uns der Morgen kurz vor Ittoqqortoormiit. Leider setzte sich die Sonne gegen die Wolkenwand nicht durch, so dass der wirklich verloren wirkende Ort durch die tristen Farben noch mal um einiges trostloser wirkte. Hinzu kam, dass an unserem Landungstag auch noch ein Begräbnis stattfand. Dies sorgte unter den Bewohnern nicht unbedingt für ausgelassene Stimmung, wenngleich der Umgang mit Tod und Trauer offenkundig ein gänzlich anderer als unserer ist. Dabei landeten an jenem Tag sogar gleich zwei Schiffe in der Siedlung, was ein ziemlich seltenes Spektakel gewesen sein dürfte. Immerhin hatte ich dort die Möglichkeit eine Anzahl an Postkarten zu kaufen und dort auch direkt noch bei der Post aufzugeben, denn am “Flughafen”, so ließ mich die ausgesprochen freundliche Dame am Postschalter wissen, gäbe es keinen Postkasten.

#99

So trostlos wie das Bild wirkte schließlich auch die gesamte Siedlung auf mich. In Ittoqqortoormiit leben etwa 400 Einwohner, wobei diese Siedlung als die am weitesten abgelegenste gilt. Nur zwei oder drei Versorgungsschiffe im Jahre sorgen für frische Waren im örtlichen Supermarkt, so dass mögliche einfallende Tourihorden sehr schnell in die Verlegenheit kommen könnten, gewisse Vorräte gänzlich aufzukaufen. Hierauf wurden wir extra noch mal von unseren Guides hingewiesen. Zwar gibt es noch einen Heliport, der aber nur sehr unregelmäßig, aufgrund des unbeständigen Wetters, angeflogen wird. Etwa 60 Meilen entfernt liegt noch ein “Flughafen” (davon wird im nächsten Beitrag die Rede sein), doch auch diese Distanz muss erstmal überwunden werden, was eigentlich nur in wichtigen Amtsangelegenheiten oder medizinischen Notfällen passiert.
Die kleine Siedlung liegt direkt am Eingang zum Scoresbysund, dem weltgrößten Fjordsystem überhaupt. Die Abgeschiedenheit führt aber auch dazu, dass sich die Einwohner der Siedlung ihre traditionellen Lebensweisen noch weitestgehend unverändert erhalten haben. Natürlich gibt es auch hier Motorboote, Schneemobile und ähnliches. Aber insbesondere Fischfang und Jagd spielen eine enorm wichtige Rolle im Leben. Zwar wurden wir auch hier Zeuge der grassierenden sozialen Probleme, dennoch wirkten die Einwohner auf ihre Art zufrieden, mit dem was sie haben, trotz der strahlenden Trostlosigkeit. Diese war aber, rückblickend betrachtet, nicht so ausgeprägt, wie es das Jahr zuvor in Qaanaaq (New Thule) spürbar wurde. Allerdings hat gerade auch diese Siedlung massiv mit dem Einwohnerschwund zu kämpfen, da insbesondere die Jugend diesen abgelegenen Ort zu verlassen sucht.
Kleine Anekdote am Rande: Es war übrigens ziemlich erstaunlich, wie mit Erreichen des weitläufigen Stadtgebietes urplötzlich fast zwei Drittel der Reisenden unter Deck verschwand und für 15-60 Minuten völlig abwesend war. Der Grund: Es gab einen ziemlich guten Handyempfang.

#100

Dieses Bild ist eher dokumentarisch, man erkennt die Küste, an der wir eigentlich unseren letzten Landgang unternehmen wollten. Also stiegen unser Expeditionsleiter und unser Geologenguide ins Zodiac und machten sich auf, eine geeignete Stelle zum Landen zu finden. In der Zeit standen wir an Bord und beobachteten das Schauspiel, was uns bei dieser Fahrt gboten wurde. Man kann es auf dem Bild nicht wirklich erkennen, aber der Seegang war für ein Schlauchboot dermaßen heftig, dass wir mitunter Sorge hatten, dass beide aus dem Zodiac fallen könnten. Nach dem eine dreiviertel Stunde währenden Ritt, kamen beide zwar wohlbehalten zurück zur Rembrandt, allerdings waren beide völlig durchnässt. Unser Expeditionsleiter zog seinen Gummistiefel aus und schüttete einen guten Liter Wasser zurück ins Meer und unser Geologenguide Denis erzählte, dass er gefühlt überall war, über, neben, vor und hinter dem Zodiac, aber nicht IM Schlauchboot. Dementsprechend fiel dann dieser Plan auch ins Wasser und es wurde der Anker gelichtet, um dichter an den Flugplatz heran zu kommen, von dem wir einen Tag später zurück fliegen würden.

#101

Ich hatte ja bereits erwähnt, dass den gesamten Tag über eine dichte Wolkendecke die Sonne aussperrte. Bis auf den Abend. Da wurden wir dann mit diesem wunderschönen Bergglühen belohnt. Ein würdiger Abschluss, wie ich finde. Gleichzeitig machte sich mit dem letzten Abend dann auch eine merkwürdig gedrückte Stimmung auf dem Schiff breit, ohne dass man es wirklich in Worte fassen könnte. Der Abschied war nah und wer kann schon ahnen, ob und wann man sich mal wieder sieht.

#102

Noch ein Bild von den glühenden Bergen, diesmal mit der Rembrandt. Im Bild kann man die Landzunge erkennen, auf der der Flugplatz Constable Pynt liegt. Da aber unsere Crew zum ersten Mal diesen Flugplatz anfuhr, wusste keiner so richtig, wo man denn dort an Land zu gehen hatte. Dies führte dann dazu, dass uns unser Expeditionsleiter in seiner trockenen Art darüber informierte: “The Captain is scouting the airport.”, was zu reichlich Gelächter führte. Es gab zwar die Information, dass es einen Steg oder sowas geben sollte, nur war der nirgendwo zu entdecken. Schließlich kehrte der Kapitän zurück und hatte zumindest eine geeignete Landungsstelle gefunden.
Ein weiteres kleines Highlight war dann am nächsten Tag die Versorgung mit Nachschub für die Rembrandt durch die Plancius, ein weiteres Expeditionsschiff der Oceanwide Expeditions. Zum einen kannten sich die Mannschaften natürlich auch untereinander und unser Hotelmanager war tatsächlich so freundlich, an seinen Kollegen von der Plancius auszurichten, dass ein paar Reisende an Bord der Rembrandt seien, die sich über ein Wiedersehen mit dem Hotelmanager der Plancius sehr freuen würden. An Bord der Plancius war nämlich “unser” Hotelmanager aus dem letzten Jahr. Und er ließ es sich tatsächlich nicht nehmen, obwohl er extrem anfällig für die Seekrankheit ist, setzte sich in eines der Zodiacs und kam an Bord der Rembrandt. Als er uns vom letzten Jahr sah, war ihm auch klar, weshalb die Rembrandt kaum noch über Bier- und Weinreserven verfügte.
Im Anschluss an das Bunkern der Vorräte wurden wir schließlich an Land gefahren und hatten dann noch eine kleine Wanderung von etwa 2km zum Flugplatz vor uns, bei reichlich Wind und Schnee und Hagel… Als wir schließlich im Gebäude ankamen, war der Platz für uns 30 Menschen nicht ausreichend, so dass mal eben eine der Werkhallen für uns geräumt wurde. Dabei konnten wir dann auch unserem Gepäck zusehen, wie es durchleuchtet und zum Verladen bereit gemacht wurde. Das war tatsächlich ganz clever, da man sich so auch noch schnell eine trockene Hose aus seinem Gepäck fischen konnte. Dass es keine strengeren Sicherheitskontrollen gab, war auch nicht weiter schlimm, schließlich war der Flug von Oceanwide gechartert… Unser Flieger traf dann auch mit reichlicher Verspätung ein, wobei kurz nicht klar war, ob er überhaupt landen könne, denn zusätzlich zum Schnee reduzierte sich die Sichtweite sehr enorm. Nach gut zwei Stunden setzte die Maschine dann aber auf und wir konnten schließlich zurück nach Reykjavik gebracht werden. Die Gruppe nach uns hatte dann im übrigen bei ihrer Rückreise den Jackpot. An ihrem Reisedatum konnte nämlich tatsächlich kein Flieger landen, so dass sie eine weitere Nacht auf dem Schiff übernachten mussten… Hätte ich jetzt auch nicht unbedingt etwas dagegen gehabt…

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