Island 2017 – Tag 10

#78

Unser Frühstück nahmen wir in herrlichstem Sonnenschein ein und wunderten uns immer wieder ob des “heavy rains” der da auf unser niederprasselte. Den Abend zuvor verbrachten wir mit dem Bestellen und Bezahlen der Tickets für den Bus von Þórsmörk zum nahezu unbekannten Seljalandsfoss, so dass wir am Morgen generell nichts mehr zu tun hatten. Also beschlossen wir, uns die Zeit ein wenig damit zu vertreiben, dem ausgetrockneten Flussbett der Þrönga zu folgen, die Sonne zu genießen und uns den frischen Wind um die Nase pusten zu lassen. An jenem großen Findling in der Bildmitte, legten wir eine längere Musikpause ein. Soll heißen, wir setzten uns unabhängig voneinander nahezu zeitgleich Kopfhöhrer auf, saßen in der Sonne und ich besah mir zu Solstafir, die uns umgebende Landschaft. Einer der wahrhaft schönsten und erhabensten Momente der ganzen Reise. Das Ungemach des Vortages war bereits meilenweit verflogen.

#79

Die Kamera bei Bild 78 um 90° nach links geschwenkt. Wie man unschwer erkennen kann, herrschte auch weiterhin ziemlich miserables Wetter auf besagtem Pass nach Skogar, so dass er gesperrt blieb. Zwischenzeitlich dachten wir an einen unserer Mitwanderer der ersten Etappe, der sich einen recht sportlichen Zeitplan zurecht legte und bis nach Skogar kommen wollte/musste. Mit dem Wetter ist aber zu dieser Jahreszeit nicht mehr zu spaßen. Ein anderes Paar, welches wir am Alftavatn trafen, berichtete von einem krassen Temperatursturz, der sie ereilte. Das Quecksilber fiel auf dem Pass wohl innerhalb einer Stunde von angenehmen 12°C auf knapp unter Null. Aber irgendwie reizt mich die Etappe dennoch… ich vermute mal, ich bin mit dem Wandern auf Island noch nicht ganz fertig. Es sei denn, es werden die Ziele unnachgiebig umgesetzt und in absehbarer Zeit bevölkern 4 Mio Touristen jährlich die Insel.

#80

Da wir am letzten Tag im isländischen Hochland auf gepackten Rucksäcken saßen und nur noch darauf warteten, dass uns am späten Nachmittag der Bus näher an die Zivilisation bringen würde, beschlossen wir, uns den berühmt-berüchtigten Fluss Krossa mal etwas aus der Nähe anzusehen. Die Wanderung bis dorthin war, wie schon beschrieben, sehr angenehm und wir hatten auch bestes Wetter. Als wir schließlich auf den Fluss trafen, sah dieser gar nicht so respekteinflößend aus. Als wir der guten alten Tradition des Steine-ins-Wasser-schmeißen folgten, wurden wir allerdings sehr eindrucksvoll eines besseren belehrt. Die aufspritzende Gischt gab sehr deutlich zu erkennen, mit welcher Geschwindigkeit das Schmelzwasser durchs Flussbett rast. Zu Fuß bestand schlicht keine Aussicht auf Erfolg, den Fluss queren zu wollen. Während wir noch ein paar Minütchen das großartige Wetter genossen, kam gelegentlich der ein oder andere Geländewagen vorgefahren, wobei schließlich jeder einzelne aber wieder abdrehte und die Reiseplanung wohl dahingehend veränderte, so dass keine Querung notwendig wurde.
(Warum ich so lang und breit über den Fluss und die Gefahren erzähle, wird in den nächsten Beiträgen deutlich…

#81

Als wir uns gemächlich auf den Rückweg machten, wir hatten noch etwa fünf oder sechs Kilometer vor uns, legte sich das Wetter noch mal so richtig ins Zeug und schenkte uns zum Abschluss unseres Aufenthaltes im Hochland einen farbenprächtigen Abschiedsgruß. Dabei durften wir auch gleich noch die Lektion mitnehmen, dass sich dort oben das Wetter wirklich in Minutenschnelle verändern kann, so dass vielleicht eben noch die Sonne scheint und keine zehn Minuten ein ausgewachsener Platzregen darnieder platscht. Während wir also anfingen, eins und eins zusammen zu zählen (dunkle Wolken, Regenbogen, Wind und Windrichtung), näherte sich die Wolkenfront, die sich uns zunächst mit diesem schönen Bruchstück eines Regenbogens zeigte, mit interessanter Geschwindigkeit. Grundsätzlich kein Problem, wäre ja auch nicht der erste Regenguss, der uns in Island ereilen würde, dumm nur, wenn man erst in diesem Moment realisiert, dass Regenhose und Regenschutz für die Kamera warm und trocken in der Hütte liegen. Ein Fehler, den ich heute wohl kein zweites Mal mehr begehen würde.

#82

Gespannt beobachteten wir, beim etwas hektischer werdenden Laufen, wie die Regenfront mit erstaunlicher Geschwindigkeit das Flussbett hochzurasen schien. Aber irgendetwas schien die Wolken noch aus “unserem” Tal fern zu halten, möglicherweise hängt das mit den Gletschern zusammen, die uns umgaben. So sputeten wir uns und machten dabei die Erfahrung, dass eine schnurgerade Straße mit einem fest anvisierten Zielpunkt mitunter im Sinne der Distanz massiv trügt. Während wir also schon eine gute halbe Stunde in einem ordentlichen Marschtempo auf der Schotterpiste entlang liefen, schien sich unser Ziel kaum zu nähern. Also schalteten wir einen weiteren Gang hoch, so dass wir schließlich mit den ersten herabprasselnden Regentropfen die Hütte erreichten. Es dauerte keine fünf Minuten und der Himmel schien kurzzeitig sämtliche Schleusen zu öffnen, wobei bereits nach etwa zwanzig Minuten der ganze Spuk auch schon wieder vorbei war. Wir hatten also richtig Glück gehabt.
Im Anschluss saßen wir schließlich noch unsere Zeit ab, nach dem kurzen Sprint zum Schluss taten uns schon recht ordentlich die Beine weh, bis schließlich der Bus vorfuhr, welcher uns bis zum nahezu unbekannten Seljalandsfoss bringen sollte. Dort wollten wir erneut unser Zelt aufschlagen und die Natur noch etwas auf uns wirken lassen. Der Busfahrer, ein eher südländischer Typ, was uns ein wenig stutzen ließ, warnte uns direkt im Bus vor, dass es beim Queren der Krossa möglicherweise etwas ruppiger zu gehen könnte. Am Flussbett angekommen, gab er seinem Bus die Sporen und rumpelte mit uns zunächst durch einen etwas breiteren Arm des Flusses, was auch kaum nach Herausforderung aussah. Kurz vor dem anderen Ufer allerdings, sackte der Bus urplötzlich bedenklich nach links weg, begleitet von einem überraschten “Hupps!” des Fahrers, schwankte dann noch bedenklicher nach rechts, woraufhin unser Fahrer Gas gab und bevor der Bus kippen konnte wieder festen Boden unter den Reifen hatte. Puls und Adrenalinspiegel schossen bei allen durch die Decke, ein Insasse wurde sogar von einem umher fliegenden Wischmopp attackiert, aber als der Fahrer danach kurz stoppte um selbst durchzuschnaufen, brandete Applaus auf.:) Was für ein Ritt. Der Rest der Fahrt verlief unspektakulär, es standen zwar noch weitere Furten an, aber diese waren kein Vergleich zum reißenden Gletscherstrom.

#83

Nach einer etwas längeren Fahrt wandelte sich die Schotterpiste schließlich zu einer asphaltierten Straße und die ersten dauerhaft bewohnten Gehöfte kamen in Sicht. Kurz vor unserer Haltestelle tauchten dann auch immer häufiger wenig bis gar nicht geländegängige Fahrzeuge auf, was gleichbedeutend mit dem Ende unserer Zeit im isländischen Hochland war. Als unser Busfahrer schließlich in Richtung Haltestelle Seljalandsfoss abbog, traf uns schlicht der Schlag. Ein riesiger asphaltierter Parkplatz, inklusive Imbissbude und Souvenirstand, dazu Heerscharen an Touristen, welche in Busladungen aus Reykjavik herangekarrt wurden und ein uns völlig überforderndes Gewusel, Gerenne und Geschrei. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir den Wasserfall selbst überhaupt entdeckten, so stark plätteten uns die ganzen Menschen. Mit unseren Rucksäcken und dem Gestank, der an uns haftete, wirkten wir wohl auch ein wenig fehl am Platz.:ugly::lol: Nach kurzem Spaziergang zum Zeltplatz, glücklicherweise waren wir dort noch für uns, empfing uns eine junge Frau, die eine recht gelangweilte Ausstrahlung mit sich herum trug. Glücklicherweise war der Campingplatz noch weitestgehend frei, so dass wir uns ein schönes Plätzchen suchten, um unser Zelt aufzustellen und im Anschluss dem Wasserfall einen ersten Besuch abzustatten. Warum genau wir diesen ersten Besuch nicht gleich in kompletter Regenmontur begingen, erschließt sich mir jetzt nicht mehr. Es dauerte keine 5 Minuten und das Wasser durchnässte uns einmal komplett von oben bis unten. Dennoch waren wir schon ziemlich begeistert von diesem Naturschauspiel, so dass wir beschlossen, pünktlich zum Sonnenuntergang in kompletter Regenmontur erneut zum Wasserfall zu schlendern.

#84

m Anschluss bereiteten wir uns unser Abendbrot, wir hatten ja noch etwas Trekkingfutter über und ich freute mich tatsächlich auf ein Gericht “Hähnchencurry in Rahmsoße”. Selten habe ich mich so geirrt. Wir hatten ja nun schon so einiges an Mahlzeiten und Gerichten durch, aber dieser Fraß schlug dem Faß schlicht den Boden aus. Jeder Bissen war eine Qual, so dass ich schließlich die Hälfte davon entsorgen musste, ich bekams einfach nicht mehr runter.:grumble: Stattdessen gabs dann ein Mars für umgerechnet 5€ zum Abendbrot.:lol: Bereits jetzt zeichnete sich ab, dass die Idylle, die auf dem Zeltplatz am späten Nachmittag herrschte, nicht von Dauer sein würde. Nach und nach trafen diverse Camper mit Autos jeglicher Größe dort ein, so dass der kleine Raum bald völlig überfüllt mit Menschen war und sich bereits Schlangen an den Abwaschbecken bildeten. Während wir also flugs unsere beiden Löffel und Tassen abwuschen, traf ein junges Paar ein, dass den Abwasch direkt mit einem riesigen Wäschekorb (!) zum Becken schleppte. Unsere Gesichter im Anblick dieses Übermaßes an Zivilisation, müssen großartig gewesen sein.
Wir begaben uns hernach erneut zum Wasserfall, in der Hoffnung, dass sich der Besucheransturm vielleicht gelegt haben könnte. Klassischer Fall von “Denkste”. Zwar waren jetzt nicht mehr so viele Massen an Menschen unterwegs, dafür glich der Weg hinter den Wasserfall einem Hindernisparcour. Wohin man auch trat oder sich drehte, irgendein Stativ stand immer im Weg, oder, besser noch, ein knurrender Fotograf. An jenem Abend, der es übrigens wirklich in sich hatte, trafen auch wir auf einen dieser fürchterlichen Workshops, bei denen der Leiter die Einstellung der Kamera für jeden Teilnehmer übernimmt, den Ausschnitt des Bildes wählt, so dass der Teilnehmer immerhin noch die schwierige Aufgabe erfüllen musste, den Auslöser zu drücken. Etwa 10-15 Minuten taten wir uns dieses Schauspiel an, wobei unter anderem auch dieses Bild entstand, bis wir uns vor den Wasserfall zurückzogen. Dort ging es dann auch wesentlich entspannter zu.

#85

Nach dem wir uns wieder vor den Wasserfall begaben, senkte sich die Sonne weiter dem Horizont entgegen und bescherte uns ein Farbenspiel, dass ich in einer solchen Intensität nur sehr sehr selten beobachtete. Die ganze Umgebung begann in den spannendsten rot und gelb Tönen zu leuchten. Rückblickend wäre das mit Sicherheit die Gelegenheit für DAS Foto vom Seljalandsfoss gewesen, die Erinnerung an diesen wunderbaren Abend macht das fehlende Foto aber mehr als wett.

#86

So sah der Himmel zum Sonnenuntergang aus. Einfach traumhaft.
Im Anschluss begaben wir uns zurück zum Zelt und beschlossen auf den großartigen Sonnenuntergang noch ein gemütliches Pils im Aufenthaltsraum des Campingplatzes zu trinken, der größte Ansturm der Abwaschwütigen sollte sich ja mittlerweile gelegt haben. In der Tat verlagerte sich das Geschehen nun in den hauseigenen Kiosk, an dem wir auch unsere Getränke erwarben. Während wir im Anschluss wieder im Aufenthaltsraum saßen, die erste Bildersichtung vornahmen, betrat eine deutsche Familie die Örtlichkeit. Vier Personen hoch, zwei Eltern und zwei Kinder. Der Filius, wir schätzten ihn auf etwa 8 oder 9 Jahre, stürzte sich mit Wonne auf die kleine Katze, die zum Campingplatz bzw. der Platzwärtin gehörte. Die Spielerei des Jungen mit der Katze war dabei noch am wenigsten nervig, ganz anders verhielt es sich mit dem Rest seiner Familie. Alle drei, Mutter, Vater und ältere Schwester ermahnten den kleinen “Leander!!!” fortwährend, er solle es mit dem Spielen doch nicht übertreiben, die Mietz nicht auf den Tisch klettern lassen, die Tür nicht öffnen, leise sein, die Katze in Ruhe lassen, sein Essen aufessen davon aber nichts der Katze geben. Das alles in einer Lautstärke, dass vermutlich der gesamte Platz Bescheid wusste, dass “Leander!!!” die Tür nicht aufmachen soll, da die Katze sonst wegläuft…:ugly: Die Krone dieser Merkwürdigkeit kam aber just in jenem Moment, als die Familie sich andächtig um ein Tablet versammelte, um die Familienserie zu schauen, wovon sich “Leander!!!” allerdings abgrenzte, was ihm die nächste Rüge einbrachte. Während also draußen das Farbspektakel in der Natur noch weiter ging, saß jene unbekannte Familie vor dem Tablet, guckte eine schmalzige Serie und unterbrach dieses gemeinschaftliche Schauen immer mal wieder, um “Leander!!!” zur Räson zu rufen. Dementsprechend beendeten wir fassungslos unseren Schlummertrunk und zogen es vor, uns in unsere Schlafsäcke zu verkriechen.

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