Island 2017 – Tag 4

#25

Während wir also morgens aus dem Zelt krochen, nichts ist so furchtbar, wie das morgendliche Verlassen des Schlafsacks und das Hineinschlüpfen in die klamme Hose, gab sich die Sonne alle Mühe, die eisigen Temperaturen zu vertreiben. Wir ließen uns beim Frühstücken etwas Zeit und trafen auf einen netten Belgier (?), der ziemlich durchgefroren aussah. In der Tat unterschätzte er wohl ein wenig die Temperaturen im Hochland und wachte nächtens immer wieder auf, da sein Schlafsack schlicht zu dünn war. Wir empfahlen ihm dann, zum Aufwärmen einfach auf den ungenannten Berg zu laufen, dann wären seine Lebensgeister auch wieder geweckt, was er tatsächlich auch vor hatte, wobei wir ihm dann kurz über unseren Versuch aufklärten, so dass wir herzlich zusammen lachten.:) Im Laufe unseres Frühstückes begann sich dann bereits auch die erste geführte Gruppe bereit zu machen, will heißen ihren leichten Tagesrucksack umzuschnallen, so dass wir uns noch ein wenig mehr Zeit beimFrühstück ließen, um bei unserem Aufbruch nicht direkt in die Meute zu rennen.
Nach dem wir dann alles verstaut und zusammegepackt hatten, unsere Rücksäcke schulterten, kam schließlich der ersehnte Moment, in dem wir uns auf den Weg machten. Dabei trafen wir eine Schweizerin, die ein wenig hilflos im Umgang mit ihren Wanderstöcken schien, so dass wir ihr kurz, unser ebenfalls bisher nur theoretisches Wissen, weitergaben. Natürlich musste am offiziellen Startpunkt noch ein Bild aufgenommen werden, wobei dies nur mit meinem Handy entstand. Rechts im Bild bin übrigens ich zu sehen.

#26

Das Wetter war ein Traum, wie man sieht und wir waren noch keine zwei Kilometer gelaufen, als wir direkt das erste Mal anhielten, um die Berge im Sonnenlicht noch mal etwas auf uns wirken zu lassen. An Idylle ist es an unserem kleinen Rastplatz kaum noch zu überbieten. Dazu kommt, wie bei solchen Wanderungen üblich, dass am Rucksack noch nicht alles so sitzt, wie es sitzen soll und wir, wie man im Bild vorher ganz gut erkennen kann, uns auch völlig mit den Klamotten verschätzt hatten. Fleecepullover, Merinoshirt, Palituch und winddichter Überwurf waren dann doch etwas zuviel des Guten.
Das Lavafeld, durch das der Laugavegur zunächst führt, ist, soweit ich weiß, noch ziemlich frisch und auch ein sehr beliebtes Ziel für die zahlreichen Tagestouristen. Dazu muss man sagen, dass die Grate, Höhlen und Gebilde wirklich wundervoll und fast schon mystisch aussehen. Das ganze im Nebel sieht mit Sicherheit auch sehr interessant aus, so dass es absolut nachvollziehbar ist, dass der Ort recht hoch frequentiert ist. Als die ersten Busladungen eintrafen, sahen wir zu, dass wir weiter kommen.

#27

Auch dieses Bild entstand noch bei unserer ersten kleinen Rast. Wie man sieht, ist der Laugavegur so spät in der Saison eigentlich fast nicht mehr zu verfehlen, nicht mal im Nebel. Im Hintergrund, dort wo die Rauchsäule aufsteigt, versteckt sich eine Schwefelquelle, hinter der der Laugavegur, für einen Norddeutschen, recht radikal an Höhe gewinnt und schließlich auch dafür sorgt, dass sich die Tagestouristen von den Laugavegurwanderern trennen. Denn freiwillig läuft da wohl kaum einer hoch.

#28

Eine Aufnahme während der Pause nach dem ersten, reichlich schweißtreibenden Anstieg, welcher, wie bereits beschrieben, die Laugavegurwanderer von den Tagestouristen trennt.:) Dort trafen wir auch wieder auf die Schweizerin, welche in Landmannalaugar unsere Hilfe wegen ihrer Wanderstöcke erbat. Japsend nach Luft waren wir aber nicht fähig eine Unterhaltung zu beginnen. Während wir also noch nach Luft rangen und die herrliche Aussicht genossen, wurden aus dem Nichts Gitarrenklänge laut. Kurz darauf schallte uns spanischer Gesang entgegen und wir wurden zunehmend hektischer. Hinter uns lief eine Gruppe von Spaniern durch die Landschaft, welche wir schon auf dem Campingplatz in der Nacht zuvor nicht unbedingt auf unsere Sympathieliste eintragen wollten. Die Aussicht, den Rest der Etappe von johlenden Spainern verfolgt zu werden, ließ urplötzlich ungeahnte Kräfte frei und wir setzten den Anstieg schnellstmöglich fort, bis wir auf dem nächsten kleineren Höhenzug feststellten, dass die Spanier uns gar nicht folgten, sondern dem Weg der Tagestouristen folgten. Dadurch wurden unsere Rucksäcke auch gefühlt 15kg leichter…
Auf der Aufnahme sieht man übrigens das noch recht junge Lavafeld, dass zu Beginn des Laugavegur durchquert wird und einfach eine ganz eigene Atmosphäre vermittelt. Ganz fern im Hintergrund ist auch noch das Flussbett zu erkennen, an dem die Hüttenansammlung Landmannalaugar liegt. Übrigens war es auch sehr frustrierend, dass man stundenlang durch die Landschaft wanderte und immer wieder beim Blick zurück erkennen konnte, woher man kam, denn der Weg führte immer höher hinaus, bis auf eine Höhe von etwa 1100m. So konnte man beständig die Hütten, Zelte und Autos in Landmannalaugar erkennen und gewann den Eindruck im Prinzip nicht voran zu kommen.

#29

Rechts von dieser Schlucht verlief der Weg bei strahlendem Wetter immer höher hinaus, was uns zunehmend Kraft kostete. Aber Wetter und Aussicht machten dies bei Weitem wieder wett. Der stettige und eigentlich recht sanfte Anstieg wurde immer mal wieder von sehr kurzen aber auch heftig steilen Anstiegen unterbrochen, so dass wir häufig Pausen einlegten, uns regelrecht Bäche an Schweiß den Rücken hinunter liefen und wir immer wieder auf besagte Schweizerin trafen. Bei einer etwas größeren Rast und als wir wieder ins regelmäßige Atmen kamen, stellten wir uns erstmal vor, wobei sich noch ein weiterer Wanderer zu unserer kleinen Gruppe gesellte. Diese Ungezwungenheit und Unkompliziertheit mag für erfahrene Wanderer eine Selbstverständlichkeit sein, für uns war es jedoch eine wunderschöne positive Erfahrung, die sich über den gesamten Trail zog und einfach einen großen Teil dazu beitrug, dass wir/ich uns dort auch so wohl fühlten. Es gibt wohl ein gefühltes Gesetz unter Wanderern, dass man sich gegenseitig nicht auf den Keks geht, aber jederzeit unterstützt und aushilft. So kamen wir beispielsweise in den Genuss echter Schweizer Schokolade. Dies hatte nur Vorteile, unser Zuckerspeicher war wieder aufgefüllt und die Schweizerin war 125g Gewicht los.

#30

Der Wanderweg führt, wie schon beschrieben, mitten durch die farbenfrohen Rhylotihberge, wobei am Wegesrand auch häufig heiße Quellen anzutreffen sind, die einen Geruch verströmen, dass einem mitunter auch schon mal die Luft weg bleibt.:) Auf dem Bild ist zu erkennen, dass der Weg auch Ende August, Anfang September noch recht hoch frequentiert ist. Wobei dies jetzt kein unangenehmer Aspekt war, sieht man einmal von den geführten Reisegruppen ab, deren Gepäck von Fahrzeugen von Hütte zu Hütte transportiert wurde.
Im Hintergrund lässt sich bereits ein erneuter Anstieg erahnen, knapp über den Köpfen der drei Wanderer. Der Anstieg hatte es wahrlich in sich, da er aus schwarzem Sand bestand, der durch den Sonnenschein natürlich ziemlich austrocknete und dadruch sehr locker wurde. Dies führte dazu, dass man das Gefühl bekam, auf einer Düne zu laufen, mit fast senkrechtem Anstieg und knapp 25kg auf dem Rücken. Das war nach unserer einhelligen Meinung auch das fieseste Stück Weg, sieht man mal von dem später wartenden Altschneefeld ab…

#31

Nach dem bei Bild 30 beschriebenen Anstieg saßen wir etwa eine halbe Stunde auf einem kleinen Bergrücken, ließen uns die Sonne auf den Pelz brennen und versuchten wieder zu Luft zu kommen. Dabei genossen wir diese wundervoille Aussicht und sahen dann auch den kleinen Schmelzwassersee. Die kurz aufglühende Idee, dort hinzulaufen, scheiterte direkt schon am Aufstehen und dem Wissen, zusätzlich noch mal den ein oder anderen Bergrücken hoch und runter zu laufen…

#32

An meinem Aufnahmeplatz hat sich nichts geändert, allein ich habe die Kamera etwas geschwenkt, viel mehr war noch nicht möglich. Während wir also in der Sonne saßen und langsam wieder regelmäßig atmeten, kam tatsächlich eine kleine Gruppe von Mountainbikern an uns vorbei gefahren. Auf unser freundlich zugerufenes “Hallo” bekamen wir aber von allen vieren keine Antwort, sie waren schlicht nicht in der Lage zu sprechen, sondern waren vollauf mit atmen beschäftigt, schafften es aber immerhin, uns kurz mit einem sehr gequälten Lächeln zuzunicken. Das war auch der Moment, in dem wir feststellten, dass wir zwar schon ganz schön fertig waren, aber eine Fahrradtour in diesem Gelände wohl noch mal um einiges anstrengender sein muss. Diese Erkenntnis verlieh uns dann gewissermaßen auch den nötigen Antrieb, uns langsam wieder auf den Weg zu machen.

#33

Der Blick nach vorn. Im weiteren Verlauf des Trails ließen wir nun die bunten Rhyolithberge hinter uns und gewannen weiterhin stetig an Höhe. Der Zielpunkt, die Hütte in Hrafntinnusker, liegt etwa 1050m über dem Meer, der Weg selbst führt bis zu einer Höhe von 1100m, kurz vor dem Zielpunkt. Die Rhyolithberge wurden schließlich von einem Obisidianfeld abgelöst, doch davon später mehr. Wie man im Bild schon erkennen kann, führt der Trail direkt an einer recht großen heißen Quelle vorbei, die auch noch mal eine interessante Vegetation hervorbrachte. Da wir mittlerweile schon recht hoch gekommen waren, ist von Vegetation nicht mehr viel zu sehen. Laut unserem Reiseführer, entsprechen die angestrebten 1000m über dem Meer aufgrund der nördlichen Lage wohl etwa 3000m in den Alpen. Wie zutreffend diese Aussage schließlich wurde, gibt es später noch zu lesen.

#34

Hier eines der Altschneefelder. welche wir überquerten, was besonders zum Ende der Etappe zu einer kräftemäßigen Herausforderung wurde. Durch die strahlende Sonne wurde die oberste Schneeschicht angetaut und blieb hartnäckig, wie mit Sekundenkleber bestrichen, an den Schuhen hängen, wodurch die Treter mit jedem Schritt immer mehr an Gewicht zunahmen. Zu Beginn fand ich diese Schneefelder noch witzig, als es aber immer mehr wurden, der Streckenmesser aber die noch zu gehende Anzahl an Kilometern verriert, verkehrte sich die anfängliche Begeisterung langsam aber stetig in einen gewissen Genervtheitsgrad…:ugly: Bemerkenswert bei dieser Aufnahme finde ich die Grünfärbung des Rhyolithgesteins, welche wohl durch die heißen austretenden Schwefelquellen verursacht wird. Das fügt dem farbenreichen Gestein noch eine weitere Nuance hinzu, die ich in natura schwer beeindruckend fand.

#35

Wie in Bild #33 beschrieben führte der Trail unmittelbar an einer heißen Quelle vorbei, die den Namen Stórihver trägt. Dort schießt das Wasser mit beeindruckender Wucht aus dem Boden und bringt ob des Schwefelgehalts einen Dampf mit sich, der die Sicht und auch den Atem raubt.:) Während einige Wanderer sich todesmutig direkt neben die Quelle stellten, das wurde besonders witzig wenn der Wind in Böen den Dampf direkt auf die Wagemutigen trieb, fand ich die andere Seite der Quelle viel spannender, da hier das Leben sprießte. Das Grün in der Aufnahme musste ich schon um einige Grade zurück nehmen, da mir niemand diese leuchtenden Farben abgenommen hätte. Immer wieder erstaunlich, in welch lebensfeindlichen Zonen die Natur Überlebensstrategien entwickelt und mit ihrer Farbenpracht begeistert.

#36

Unser Ziel, die Hütte mit Zeltplatz Hrafntinnusker. Nach dem wir die heiße Quelle verließen erwartete uns, wieder einmal, ein herausfordernder Anstieg der schließlich in ein wüstengleiches Obisidianfeld mündete. Wieso ich davon keine Bilder gemacht habe, verstehe ich rückblickend nicht mehr, vermute aber eine ausgeprägte Bocklosigkeit basierend auf körperlicher Erschöpfung.:lol: Als kleines Anekdötchen am Rande; so ein Obsidianfeld ist farblich nicht sonderlich aufregend, es herrschen halt Grautöne vor, gespickt mit größeren Brocken des Vulkanglases. Auf unserem Weg kam uns ein Wanderer entgegen, wobei wir etwas überrascht waren, da es schon zu spät schien um noch in entgegengesetzter Richtung von Hrafntinnusker nach Landmannalaugar zu laufen. Er sprach uns schließlich auch an und erfragte bei uns, ob wir auf dem Weg vielleicht sein Stativ gesehen hätten. Er beschrieb es farblich als grau lackiert, wobei er bei der Frage selbst zu merken schien, dass sein Unterfangen vielleicht nicht gänzlich aussichtsreich sein dürfte, in einer grauen Geröllwüste, durchsetzt mit schwarzen Glasbrocken…
Die Obsidianhalde endet in einem weiteren Altschneefeld, dass es abermals zu durchqueren galt. Meine Motivation dazu sank mit jedem Schritt, machte aber einer erstaunlich effektiven Bockigkeitshaltung Platz, so dass ich ziemlich flott durchs Schneefeld tappste, um es schnellstmöglich hinter mir zu haben. Nur um dann an einer Biegung festzustellen, dass es noch ein Stück weiter durch den Schnee ging. Der Blick auf den Kilometerzähler verriet uns dann aber, dass es bis zur Hütte nicht mehr weit sein konnte, und siehe da, nach einer kleineren Anhöhe, eröffnete sich dieser Blick ins Tal. Wir hatten es tatsächlich geschafft, die erste Etappe des Laugavegur lag hinter uns.

#37

So sah unser Zeltplatz aus, interessanterweise haben wohl schon Generationen von Laugavegurgängern dort oben diese provisorischen Schutzzäune gebaut. Leider wirkten die Konstruktionen nicht an allen Stellen sonderlich sicher, so dass beim Schlafen im Zelt ein merkwürdiges Gefühl blieb, zumal die Wände zum Teil aus scharfkantigen Obsidian-Brocken bestanden. Aber immerhin war der Boden hier tatsächlich Hering-freundlicher als noch in Landmannalaugar.
Die Hütte selbst in Hrafntinnusker war sehr spartanisch eingerichtet und es gab nur rudimentäre Sanitäranlagen, die mit einem Geruch aufwarteten, dass man sich nach den Schwefeldämpfen der Quellen zurücksehnte. An der Hütte selbst waren nach allen Richtungen Terrassen angebracht, so dass man als Camper bei bestem Wetter draußen sitzen konnte, um sich seine wohlverdiente Mahlzeit zusammenzurühren. In meinem Falle gab es Bœuf Stroganoff, wobei die Konsistenz und das Aussehen eher vermuten ließen, jemand habe sich die Mahlzeit bereits durch den Kopf gehen lassen, wider Erwarten schmeckte es aber erstaunlich gut! Während des Essens kamen wir auch nicht umhin, die Gespräche am Nachbartisch mitanzuhören, wobei sich dann im Gespräch heraus stellte, dass unsere Tischnachbarinnen, wohl ebenfalls in Kiel wohnen. Wir versuchten schließlich die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, mit der sich vier Kieler im isländischen Hochland treffen ohne sich vorher schon mal über den Weg zu laufen, scheiterten an dieser mathematischen Herausforderung jedoch krachend. Wenn ein Journalist und ein Pädagoge zusammen auf Wanderschaft gehen, gibt es viele Themenbereiche, über die es sich zu unterhalten lohnt, Mathematik gehörte aber definitiv nicht dazu.

#38

Der Ausblick auf die am nächsten Tag anstehende Etappe. Ziemlich mittig kann man den markierten Pfad ganz gut erkennen, der schließlich, laut Reiseführer, zunächst recht eben verläuft und schließlich in einem steilen Abstieg zum Alftavatn führt. Während unserer Planung für den kommenden Tag kamen wir auch mit einem älteren Ehepaar in Bekanntschaft. Sie kamen aus den Vereinigten Staaten und wir unterhielten uns noch eine ganze Weile über die verschiedensten Aspekte des Wanderns, beide nahmen an einer geführten Tour teil, die die Nächte in den Hütten verbrachte aber zumindest ihr Essen selber kochte. Da mit sinkender Sonne es auf unserer Höhe auch immer frostiger wurde (laut Buch entsprechen die 1000m über Null im isländischen Hochland wohl etwa 3000m über Null in den Alpen), die beiden Amerikaner goßen ihren Trekking-Schokopudding mit Wodka auf, was ich rückblickend als gute Idee erachten würde, verschwanden wir, nach einem kurzen Plausch mit der Schweizerin, schließlich recht früh in unserem Zelt. Die Idee, die nahe gelegene Eishöhle zu besichtigen, scheiterte aus zweierlei Gründen, zum einen schon an der Tatsache, dass die Höhle eingestürzt ist und nun mehr einem Amphitheater gleicht und zum anderen an der Tatsache, dass die Hüttenwirtin ihre Wegerklärung damit begann: “You have to cross the snowfield…”

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