Island 2017 – Tag 6

#46

Der Abend am Tag zuvor sorgte dafür, dass wir nicht nur sehr spät (für Wandererverhältnisse, also kurz nach halb elf) in die Schlafsäcke krochen, sondern auf dem Weg zum Zelt unsere Wanderschuhe gegen ein Paar Schleuderschuhe eingetauscht zu haben schienen.:lol: Bereits während unseres oppulenten Festmahls am Abend beschlossen wir, am kommenden Tag einen Ruhetag einzulegen und einen weiteren vorgeschlagenen Abstecher aus unserem Wanderführer zu folgen, eine Wanderung von 5km zur Schlucht Torfahlaup.
Als wir am Morgen ein wenig gerädert aus dem Zelt krochen, herrschte um uns herum schon geschäftiges Treiben. Darunter auch das österreichische Paar, welches ähnlich kaputt aussah, wie wir. Unser Frühstück gingen wir im Wissen, dass uns an jenem Tage keine Etappe mit zuviel Gewicht auf dem Rücken erwarten würde, sehr gemütlich an und genossen ein wenig das Gewusel um uns herum, ohne selbst davon betroffen zu sein. Dabei fiel uns eine litauische Wandergruppe auf, die mit ihrem mitgebrachten Ghettoblaster den gesamten Zeltplatz beschallte und zu allem Überfluss auch noch einen ansehnlichen Berg an Müll, inklusive eines einzelnen Trekkingstocks zurückließ. Der Hüttenwirt kommentierte die Abreise der Gruppe nur mit einem Kopf schütteln und der Aussage, wie schnell es doch manchmal gehen kann, dass eine kleine Gruppe von etwa 15-20 Leuten ausreicht, eine ganze Nation in einem schrägen Licht dastehen zu lassen, selbst wenn man dies eigentlich nicht möchte.
Als unser Zelt schließlich als letztes und einziges auf der schönen Wiesenfläche zurück blieb und wir unsere bisherigen Bekanntschaften angemessen verabschiedet hatten, machten wir uns auf den Weg um den See herum zur beschriebenen Schlucht. Der Weg zu dieser Schlucht zeigt erneut eine völlig andere Landschaft als das, was wir bisher wahrnahmen. So kam es uns auf dem Weg fast schon vor, als wären wir in einer Mondlandschaft unterwegs und völlig aus der Zeit gefallen. Auf dieser kleinen Zwischenwanderung liefen wir auch keiner Menschenseele über den Weg, erst kurz vor unserer Rückkehr zur Hütte sahen wir auf einer nahe gelegenen Piste einen Jeep samt Anhänger an uns vorbei brausen und in etwa einem Kilometer Entfernung eine kleinere Gruppe Wanderer, die aber ebenso wenig Notiz von uns zu nehmen schienen, wie wir von ihnen.

#47

Nach einer entspannten Wanderung durch die Sonne und die staubige Landschaft, welch ein Kontrast zum Start des Vortages, gelangten wir an unser Ziel, die Schlucht Torfahlaup. Der imposante Berg, der sich in seinem malerischen Grün vor uns aufbaute, hört auf den Namen Stóra Grænafjall und wird vom Fluss Markarfljót umflossen, wobei sich wohl nach dem Ende der letzten Eiszeit gewaltige Wassermassen einen Weg durch das recht weiche Gestein bahnten und so eine imposante Schlucht ausformten, die sehr eng, aber auch recht tief ist. Die Wanderung selbst kann ich nur jedem ans Herz legen, der sich auf den Weg zum Alftavatn macht, denn die Aussicht ist grandios und die Landschaft einfach wundervoll und höchst sehenswert. Wie schon beschrieben, sieht man auch kaum andere Menschen und kann die umgebende Natur in vollen Zügen genießen und auf sich wirken lassen.

#48

Die Schlucht verdankt ihren Namen einer Legende aus alten Zeiten, derzufolge wohl ein junger, verliebter Mann namens Torfi zusammen mit seiner Geliebten vor dem Zorn ihres Vaters floh. Auf der Flucht lief das Paar auf diese Schlucht zu und schaffte mit einem kühnen Satz den Sprung über den Abgrund. Der Verfolger und Vater des Mädchens sprang um ein weniges zu kurz, bekam aber wohl noch eine Wurzel zu fassen, an der er sich festklammern konnte. Daraufhin bat seine Tochter den jungen Mann Torfi, die Wurzel abzuschlagen, so dass der Vater in den Abgrund stürzte.
Wir ließen es etwas weniger dramatisch angehen und legten uns schlicht in das saftige grüne Gras in die Sonne und genossen die herrliche Stille und Ruhe. Selbst für einen kurzen Mittagsschlaf reichte die Zeit aus und nach dem ausgiebigen Frühstück, gab es für uns vorerst keinen Grund zum Zeltplatz zurückzukehren.

#49

Hier im Bild ist wohl die Stelle zu sehen, an der Torfi mit seiner Geliebten über die Schlucht sprang, der Vater des Mädchens aber scheiterte und schließlich, auf Bitten seiner Tochter durch die Hand Torfis in den Tod stürzte. Was mich am meisten an dieser Landschaft beeindruckte, war die Tatsache, dass wie aus dem Nichts in dieser weitestgehenden Mondlandschaft auf einmal dieser kleine grüne Flecken Erde auftauchte und im gleichen Augenblick eine derartige Sehenswürdigkeit bietet.

#50

Auf diesem Hang lagen wir etwa eine Stunde, vielleicht waren es aber auch zwei, in der Sonne und lauschten dem Rauschen des Flusses und dem vereinzelten Blöcken der Schafe. Mehr an Geräuschkulisse war schlicht nicht vorhanden. Einer dieser herrlichen Momente auf der Tour, an dem der normale Alltag mit all seinen Anforderungen und stressigen Situationen völlig in den Hintergrund trat und man nur noch im Augenblick und in der Gegenwart lebte. Keine Gedanken mehr, die sich mit Vergangenem beschäftigten oder Pläne für die Zukunft entwarfen. Gerade solche Momente sorgen zumindest bei mir dafür, dass ich dieses angefangene Hobby wohl weiterhin und intensiver ausführen werde.

#51

Auf dem Rückweg liefen wir ein wenig mehr querfeldein, so dass wir auch an den Verbindungswasserlauf zwischen Alftavatn und Trofavatn gelangten. Wie man gut erkennen kann, hatte sich das Wetter auch in den Bergen weitestgehend beruhigt und Wanderer, die an unserem Ruhetag in Hrafntinnusker aufbrachen und in Alftavatn ankamen, erzählten uns von einem wunderschönen Stück Wanderung durch die Berge.
Als wir schließlich zur Hütte und zum Zeltplatz zurückkehrten, zahlten wir für eine weitere Übernachtung und wurden Zeuge einer der witzigsten Begebenheiten auf unserer Tour, die auch den etwas merkwürdigen Threadtitel erklärt. Als wir zur Hütte kamen, in der der Hüttenwirt, ein älterer, stämmiger Herr mit einem wundervoll trockenen Humor, die Gäste in Empfang nahm und die fälligen Gebühren kassierte, erreichte hinter uns ein scheinbar deutschstämmiges Pärchen die Hütte, wobei an ihrer Ausrüstung unschwer zu erkennen war, dass sie wohl auch dem Hobby des Angelns frönten. In diesem Sinne erbaten sie sich vom Hüttenwirt die Auskunft, ob sie in Island einfach Angeln dürften, auch ohne eine spezielle Erlaubnis. Dies kommentierte der Hüttenwirt mit einem Lächeln und gab ihnen die Information, dass dies hier am Alftavatn, keinerlei Problem darstellt. Sie sollten allerdings ein wenig um den See herum laufen, da am Ufer des Zeltplatzes das Wasser zu flach sei. Dem schloss sich dann die Frage der Frau des Pärchens an, ob es denn Bestimmungen gibt, die vorschreiben, ab welcher Größe Fische gegessen werden dürfen oder sie wieder zurück ins Wasser gesetzt werden müssen. Die Antwort des Hüttenwirts lautete zunächst: “If the fish is big enough to eat, eat it. If the fish is to small to eat, throw it back.” Daraufhin ergänzte die Frau, dass es in Deutschland ein Mindestmaß von 28cm gäbe, Fische darunter müssten ins Wasser zurück, alles darüber darf gegessen werden. Antwort des Hüttenwirts auf seine trockene, knorrige Art: “Really? In Iceland, we use common sense!” Daraufhin brach sich ein heiteres Gelächter in der Hütte Bahn.

#52

Auch wenn die Chronologie zwischen Bild und Text nicht mehr passt, wollte ich obige Aufnahme gern noch zeigen. Entstanden auf dem Rückweg von unserer kleinen Tageswanderung.

Während das deutsche Anglerpaar nach dem trockenen, herben Spruch ein wenig irritiert die Hütte verließ, wurden wir noch Zeuge einer lautstarken verbalen Auseinandersetzung zwischen unserem Hüttenwirt und einer Reisenden, die mit einer größeren Reisegruppe kurz zuvor an der Hütte eintraf. Wir waren uns nicht sicher, oib die Dame vom Temprament her Italienerin oder Spanierin war, jedenfalls tat sie sehr lautstark ihren Unmut darüber kund, dass die Duschen wohl nicht funktionieren würden. Dies wiederholte sie mehrfach, garniert immer mal wieder auch mit einigen Ausdrücken in ihrer Landessprache, ohne dem Wirt auch nur die Möglichkeit einer Rechtfertigung zu geben, sie redete einfach ohne Punkt und Komma und erklärte ihm mehrfach, “YOU ARE NOT POLITE!”. Als sie schließlich in ihrer Tirade doch eine kurze Unterbrechung einbauen musste um wieder Sauerstoff in ihren Lungen zu sammeln, erhielt der Wirt zumindest die Chance die Frage zu stellen, was genau denn jetzt den Unmut der Dame erregte. Daraufhin erging eine erneute Schimpftirade, mit dem Hinweis an den Wirt: “YOU ARE NOT POLITE!”, bis sie dann doch mitteilen konnte, dass das heiße Wasser der Dusche wohl nicht funktionierte. Nach dem auch diese Tirade endete, verließ sie stilecht mit einem Aufstampfen und dem Zuknallen der Tür zur Hütte das Büro und ließ vier Menschen zurück, die sich wortlos und mit Blicken fragten, was hier eigentlich grade passiert war, bis wir gemeinsam kopfschüttelnd uns unseres gegenseitigen Unverständnisses versicherten.
Im Anschluss an diese skurrile Szene machten wir uns die dort aufgestellte Wanderer-Tausch-Box zu Nutze. Da Wanderer die Angewohnheit haben, auf ihren Touren viel zu viel an Ausrüstung und besonders auch Verpflegung mitzuschleppen, gab es in der Hütte eine Art Tauschbörse. Bereits auf dem Rückweg von unserer Tageswanderung beschlossen wir, dass wir noch ein weiteres Mal die Kochkünste des hiesigen Restaurants in Anspruch nehmen würden. Dementsprechend sortierten wir auch etwas Nahrung aus, in meinem Falle betraf es eine Mahlzeit dieses Trekking-Futters, dass direkt mit kochendem Wasser im Beutel angerichtet wird. Da ich bereits an einem der ersten Tage in das Vergnügen eines “Balkan-Risottos” kam und bei späterer Durchsicht feststellte, dass ich zwei Tüten davon dabei hatte, beruhigte es mich innerlich, als ich diese Mahlzeit, trotz des exorbitanten Preises, in die Box legen konnte, garniert mit einem halben Kilo gesalzener Erdnüsse und einer weiteren Spaghetteria-Tüte für Nudeln in Käse-Sahne-Soße. Mein Kumpel nutzte die Gelegenheit, einen Großteil seiner Porridge-Tüten loszuwerden, da er sich hierbei wohl auch ziemlich verschätzte, sowohl in der Menge, als auch beim Geschmack.:lol: Während wir im Anschluss noch ein wenig in der Sonne faluenzten, hörten wir dann ein Gespräch einer vierköpfigen Reisegruppe, die ebenfalls die Tauschbox in der Hütte entdeckten und sich diebisch darüber freuten, welche Schätze sie darin entdeckt hätten, bei genauerem Hinsehen war es mein Balkan-Risotto und meine Nudeln, das Prinzip scheint also zu funktionieren, wobei ich hoffe, dass das Risotto bei der betroffenen Person eine andere Wirkung auf den Verdauungstrakt zeigte, als bei mir…
Im Anschluss an diese Begebenheit zog es uns in das Restaurant, wo, zu unserer freudigen Überraschung, erneut Lammbraten mit mexikanischer Hühnersuppe als Vorspeise auf der Karte stand.:) Während wir uns die Wartezeit mit einem kühlen Bier verkürzten, traf auch eine kleinere Gruppe von Mountainbikern an der Hütte ein. Einer von ihnen steuerte direkt auf die Theke zu und orderte einen Teller Suppe. Nach dem Beenden seines Mahls, lief er mit dem Teller in der Hand erneut zur Theke und forderte einen Nachschlag ein, was die nette Dame zunächst etwas verwirrt drein blicken ließ, als sie ihm erklärte, dass er dann erneut zahlen müsse. Daraufhin reagierte der Radler bockig und beleidigt und versuchte der jungen Frau zu erklären, dass er den ganzen Tag im Sattel gesessen hätte, den weiten Weg von Landmannalaugar nach Alftavatn bestritt und nun wohl erwarten könne, dass er ohne Aufschlag noch einen zweiten Teller bekäme. Die Mimik der jungen Dame zeigte ziemlich deutlich, dass ihre emotionale Anteilnahme am Leid des Radfahrers nicht sonderlich ausgeprägt schien und sie auch nicht recht verstand, was sie jetzt genau damit zu tun haben könnte, dass er mit dem Fahrrad durchs isländische Hochland fährt. Sie gab ihm dann recht deutlich zu verstehen, dass es sich bei der Hütte trotz des spartanischen Eindruckes um ein Restaurant handelt und dementsprechend man seine Speisen auch bezahlen muss. Der Radler trollte sich und verkroch sich beleidigt in einer Ecke des Lokals. Als Resultat herrschte im Anschluss eine eher betretene Stimmung, so dass wir fast ein wenig unsere Bekanntschaften vom Vortag vermissten und fast bereuen wollten, nicht doch am gleichen Tag weitergezogen zu sein. Letztlich verkrochen wir uns dann recht früh am Abend in unseren Schlafsäcken.

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