Island 2017 – Tag 7

#53

Unsere morgendliche Aussicht auf den Zeltplatz, aufgenommen mit meinem tragbaren Handfernsprechgerät. Während wir noch frühstückten, kämpfte sich die Sonne immer wieder durch die tiefhängenden Wolken, so dass ich mir vornahm, direkt nach meinem Morgenkaffee die Kamera aus dem Zelt zu holen. Doch dies blieb mir versagt, denn binnen 20 Minuten verlor die Sonne ihren Kampf, ein starker Wind brach los und es fing direkt an zu regnen, so dass wir unser Frühstück im Regen beendeten. In der Hoffnung, es nur mit einem kleinen Schauer zu tun zu haben, ließen wir uns etwas Zeit und kamen mit einem Franzosen und dessen kanadischer Freundin ins Gespräch, die uns dann die neueste Wettervorhersage überbrachten; Regen und Wind, den ganzen Tag. Dies trug nicht grade zu einer positiven Veränderung unserer Stimmung bei, zumal sich auch unser Plan zerschlug, wenigstens einmal das Zelt im trockenen Zustand abzubauen.
Es blieb uns nach unserem Frühstück also nicht sonderlich viel übrig, als im sich weiter verstärkenden Regen unsere Sachen zu packen und unter dem Vordach der Duschhütte Schutz zu suchen um die letzten Vorkehrungen für die Wanderung zu treffen. Dabei kamen wir mit einem deutschen Paar ins Gespräch, die das Wetter ähnlich missmutig stimmte wie uns. Und während wir noch unsere Sachen herrichteten, wurden wir Zeugen eines etwas merkwürdig anmutenden Schauspiels. Am Abend zuvor traf eine italienische (oder vielleicht auch spanische, daran schieden sich die Geister) Reisegruppe ein und bezog als Übernachtungsmöglichkeit die Schlafhütte. Während wir also versuchten in irgendeiner Form vor Sturm und Regen geschützt die restlichen Utensilien zu verstauen, tappste ein älterer Herr aus dieser Reisegruppe nach draußen, warf sich seinen sündteuren Regenparka über, stellte sich direkt in den nassen Sturm und knippste unter Zuhilfenahme einer Selfiestange eine Serie von Aufnahmen seiner selbst, wie er gänzlich abenteuerlustig und verwegen den Naturgewalten trotzt und die Herausforderung annimmt, sich der entfesselten Kraft der Elemente entgegen zu stellen. Direkt im Anschluss verschwand er auch wieder recht schnell in der beheizten Hütte um sich aufzuwärmen.
Wir guckten uns zu viert an, schüttelten ungläubig die Köpfe, wuchteten die Rucksäcke auf den Rücken und nahmen nun die dritte Etappe des Laugavegur in Angriff, wobei die ersten Schritte aus dem Windschatten der Hütte heraus irgendwie ein hohes Maß an Überwindung kosteten.

#54

Die kommende Etappe stand ganz im Zeichen einer sehr jungen Aschelandschaft, die sich sehr monoton vor uns ausbreiten würde und nur zu Beginn mit dem ein oder anderen Fluss an Abwechslung aufwarten würde. Den ersten Fluss, galt es dann auch direkt zu furten, wobei wir noch keine anderthalb Kilometer gelaufen waren, so dass man kaum so richtig warm wurde, um direkt auch schon wieder in die Furtschuhe zu schlüpfen und durch kalte Fluten zu waten. Dies gestaltete sich weniger schlimm als gedacht, da der Fluss nicht sonderlich breit und auch nicht sonderlich tief war. Dem Pfad folgend kamen wir schließlich auch zu diesem Wasserfall, über dessen Flussbett aber eine hölzerne Brücke führte.
Interessanterweise ließ der Regen bald nach und es blieb die sehr diesige Sicht, die hohe Luftfeuchtigkeit und eine ganz eigene Atmosphäre auf diesem Teil der Wanderung. Mir persönlich gefiel das Wetter in Kombination mit der Landschaft sogar ziemlich gut, da ich den Eindruck hatte, das dieser Dunst hervorragend zur Monotonie des Untergrunds passte und somit eine schwermütige Melancholie verströmte, die ich bspw in der Musik der isländischen Band Solstafir so hoch zu schätzen weiß. Irgendwie passte dies für mich hervorragend zusammen. Doch davon später mehr.

#55

So zeigte sich uns die “Aschewüste”, die es zu durchqueren galt. An der linken Seite von Gletschern flankiert, dem Myrdalsjökull (mit seinen verschiedenen Ausläufern, die jeweils eigene Namen zu tragen scheinen) unter dem sich, wenn ich das richtig verstanden habe, der Vulkan Katla verbirgt, und auf der rechten Seite von grün bewachsenen Hügeln, die völlig unvermittelt aus der sehr planen Ascheebene herausragen. Eine ganz eigene Landschaft, die mich mit ihrer Melancholie und dem diesigen Wetter richtig faszinierte. Ich mag solche rauhen, kargen Landstriche.

#56

Dies Bild ist sicher kein Überflieger, verbirgt doch aber erneut ein kleines Anekdötchen. Zu sehen ist der Fluss Bláfjallakvísl, den es zu durchwaten gilt. Anders als beim ersten Fluss, waren wir hier nun schon ordentlich auf Temperatur gelaufen, so dass das Furten keine allzu große Hürde darstellte. Lediglich die Tatsache, dass es schon wieder anfing zu regnen, ließ ein wenig die Motivation sinken. Da dies schon die dritte Furt war, die es zu überwinden galt, kam fast schon so etwas wie Routine auf, bis zu dem Moment, als die Füße von den kalten Fluten erfasst wurden…:eek: Auf der anderen Seite angekommen, trockneten wir unsere Füße, während neben uns ein Paar ebenfalls den eisigen Fluten entstieg. Der Mann des Pärchens verfolgte die Idee, sein nasses Furtschuhwerk mit Hilfe einer Plastiktüte so zu verpacken, dass die Feuchtigkeit nicht auf die umliegenden Sachen im Rucksack übergreifen konnte. Leider kam just in jenem Moment eine recht starke Windböe auf, die ihm die Tüte direkt aus der Hand riss. Heldenhaft versuchte er die Tüte zu bergen, doch wie in einem Comic trug der Wind sie immer genau dann weiter, wenn er sie fast erreichte. Missmutig stapfte er schließlich zu seiner Frau zurück, linste zu uns herüber und zog mit einem siegessicheren Lächeln eine zweite Tüte aus seinem Rucksack hervor. Wieder kam eine Windböe auf, diesmal schaffte er es aber, die Tüte festzuhalten und garnierte seinen Reflex mit den Worten: “Not a second time!” Drei Sekunden später flog auch diese Tüte davon, was uns in schallendes Gelächter ausbrechen ließ, denn auch dieses Mal hechtete er hinter der Tüte her, ohne Erfolg. Wir überließen ihm schließlich eine unserer Mülltüten und ließen sie erst in dem Moment los, als sein erster Schuh den Weg ins Innere des Behältnisses gefunden hatte.
Ich bin mir schon im Klaren, dass besonders diese herum fliegenden Plastiktüten eigentlich kein Grund sind, darüber zu lachen, denn zu groß sind die Probleme, die diese Dinger verursachen, aber in jenem Moment wirkte es fast schon wie Slapstick.
Weitere kurze Bemerkung am Rande; kaum, dass wir unsere sieben Sachen wieder beisammen hatten, tauchte erneut eine größere Gruppe am anderen Ufer des Flusses auf, wobei deren Eintreffen ein merkwürdiges Surren untermalte. In der Tat, einer der Wanderer ließ eine Drohne steigen, um sich (hoffentlich nur) einen Überblick über den Fluss zu verschaffen und eine geeignete Stelle zum Furten zu suchen. Wir gaben uns einer gewissen Ratlosigkeit hin, wohlwissend, dass wir immer noch knappe 20kg auf dem Rücken trugen und uns nicht im Entferntesten vorstellen konnten, was Menschen dazu bringt, zusätzlich noch ein mobiles Fluggerät durch die Wildnis zu schleppen.

#57

Nach etlichen weiteren Querungen von interessanten Flüssen (bequemerweise über Brücken), lag zum Ende der Aschewüste noch ein stetiger aber nicht sehr anstrengender Anstieg vor uns. Wie man erkennt, lichtete sich der Dunst auch langsam, wobei es, trotz der passenden Atmosphäre, schon irgendwie auch frustrierte, dass sich über dem Gletscher auf der linken Seite ein Hochdruckgebiet hielt, was für reichlich Sonnenschein auf den Eismassen sorgte, während wir durch feinsten Nieselregen stapften. Nach der Durchquerung der Aschewüste lag etwa die Hälfte der Etappe hinter uns. Rückblickend möchte ich fast behaupten, dass die Wanderung durch diese monotone Landschaft für mich persönlich zu einem der schönsten Momente der Wanderung gehört. Selten habe ich solch intensive Momente der Ruhe und Entspannung erfahren, einfach dadurch hervorgerufen, ein Bein vor das andere zu setzen und diese spektakuläre Landschaft auf sich wirken zu lassen.

#58

Nach einer, wie ich schon beschrieb, sehr entspannten Wanderung durch die Aschelandschaft, verschlechterte sich das Wetter auf den letzten zwei Kilometern wieder, so dass wir nochmals nass wurden. Umso schöner dann der Ausblick auf die Hütte, die das Ziel der Etappe markierte. Von anderen Wanderern erhielten wir den Hinweis, nach Möglichkeit nicht zu spät dort einzutreffen, da sonst die besten Zeltplätze schon vergeben seien. Entsprechend sputeten wir uns auf den letzten zwei Kilometern gleich doppelt, da wir zum einen dem Regen entgehen wollten und zum anderen natürlich auch einen guten Platz erwischen wollten.
Als wir schließlich nach den 16km der Etappe reichlich platt an der Hütte angelangten, fertigte man uns etwas unfreundlich ab, ohne den geringsten Hinweis, wo genau denn die Zeltplätze zu finden wären. Schließlich fanden wir ein sehr idyllisches Plätzchen unterhalb der Hütten, was allerdings einen etwas anstrengenden Weg zu den Sanitäranlagen nach sich zog. Nach dem wir schließlich das Zelt aufgebaut hatten, begab sich mein Kumpel nochmal zum Hüttenwirt, da er sich in seinen Schuhen an beiden Füßen heftige Blasen gelaufen hatte und uns langsam das Verbandzeug ausging. Als er nach etwa einer Stunde zurückkehrte, erzählte er mir, dass unser erster Eindruck des Hüttenwirts ziemlich daneben lag. Denn als es um die Verarztung der Wunden ging, zeigten sich alle Beteiligten wohl sehr bemüht und ein Plausch über die zeitgleich stattfindenden Spiele der isländischen Nationalmannschaften (ich meine es fand ein Spiel im Fußball statt und eines im Basketball) wurde ebenfalls wohlwollend angenommen. Unterdessen verzog sich der Regen und ich lag etwa noch eine gute Stunde im Gras neben unserem Zelt, genoß die sich durch die Wolken kämpfende Sonne und lauschte dem Gluckern des kleinen Bächleins, der direkt neben unserem Zelt verlief. Ein krönender Abschluss eines rundum gelungenen Tages, der zusätzlich mit meinem absoluten Favoriten an Trekkingmahlzeiten beschlossen wurde: Spaghetti Carbonara. Da ich zuvor noch nie diese Variante des Trekkingfutters ausprobierte, waren sowohl Freude als auch Genuss umso größer.

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